Oldenburg Ein Sinfoniekonzert in einem großen Konzerthaus. Die 9. Sinfonie e-Moll von Antonín Dvořráks, die den Namen „Aus der Neuen Welt“ trägt, erklingt. Zu Beginn des ersten Satzes ist ein sanfter Streicherklang zu hören, Hörner setzen ein. Allmählich entwickelt sich ein mitreißendes Allegro, in das Pauken und Bläser einfallen. Doch können alle Hörer im Publikum dieses Klangerlebnis gleichermaßen genießen?

Daran arbeitet der Oldenburger Hörforscher Dr. Kai Siedenburg. „Wie können Schwerhörige Musik wahrnehmen?“, fragt der 34-Jährige. Für seine Forschung erhält er jetzt ein Freigeist-Fellowship der Volkswagenstiftung. Rund 1,1 Millionen Euro stehen dem Wissenschaftler, der am Departement für Medizinische Physik und Akustik der Universität Oldenburg arbeitet, in den nächsten fünf Jahren zur Verfügung. Aktuell ist er dabei, ein Team aus Doktoranden, Masterstudenten und wissenschaftlichen Hilfskräften aufzubauen.

„Ich habe in Kanada im Bereich der Musikwahrnehmung promoviert. Dabei geht es auch um die Fragestellung, wie Musik Emotionen hervorrufen kann“, sagt der Forscher. In Oldenburg hinzu kommen die Disziplinen Psychoakustik und Hörforschung. „Ich möchte diese Zweige verbinden.“

Viele Studien geplant

Er zeigt ein Foto, das das Publikum eines Sinfoniekonzerts zeigt. „Jeder Zweite über 65-Jährige ist klinisch relevant schwerhörig“, sagt Siedenburg und deutet auf die Zuhörer. „Die Frage ist also, wie viel von der musikalischen Struktur ist Menschen mit Hörverlust noch verständlich? Hören die Menschen die Geige noch, wenn sie von einem großen Orchester begleitet wird? Wie viel kommt an?“

Im Gegensatz zur Sprachwahrnehmung stecke man in der Forschung zur Musik noch in den Kinderschuhen. „Wir wollen wissen, was im Kopf der Hörer passiert“, sagt Siedenburg. Dafür ist eine Vielzahl von Hörstudien geplant. Vor allem Probanden mit musikalischem Hintergrund werden hierfür noch gesucht. Gerade diese Menschen hätten enorme Ressourcen, eine Schwerhörigkeit zu kompensieren, und ein „starkes inneres Ohr“, sagt der 34-Jährige.

Auch Gehirnströme sollen gemessen werden, während die Probanden bestimmte Musikinstrumente hören. „Wir wollen musikalisches Gedankenlesen ausprobieren. Die Frage ist, ob wir sehen, welchem Instrument der Zuhörer folgt.“

Großer Frequenzbereich

Doch wie unterscheiden sich Musik und Sprache denn überhaupt aus akustischer Sicht? „Musik hat einen deutlich größeren Frequenzbereich als Sprache, von leisen bis zu lauten Tönen ist mehr Spielraum. Außerdem ist Musik variabler und stellt somit höhere Anforderungen an das Ohr. Sprache hat weniger Bandbreite.“ Natürlich könne man auch die heutigen Hörgeräte zum Musikhören benutzen. „Jedoch beklagen sich viele Nutzer über eine geringe Klangqualität“, sagt Siedenburg. „Wir wollen verstehen, wie man Musiksignale am besten verarbeitet und wie das Abmischen von Tonspuren für individuelle Hörprofile und Präferenzen optimiert werden kann. Das Ziel ist das beste Hörerlebnis für Menschen mit Schwerhörigkeit.“

Gelingt es Siedenburg und seinem Team, diese Fragen zu beantworten, können vielleicht eines Tages alle Dvorřáks „Aus der Neuen Welt“ in allen Klangfarben erleben.

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Ellen Kranz Redakteurin / Regionalredaktion
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