BRAKE /ELSFLETH Ein anonymer Braker Chronist schreibt im 19. Jahrhundert über seine Heimatstadt: „Das Leben in unserer Stadt gleicht einem Bienenkorb. Die Geschäftigkeit, der Eifer und der Fleiss tragen Früchte, ein allgemeiner Wohlstand bahnt sich an.“ Quelle dieses Wohlstands ist die Segelschifffahrt. Bis zu 280 Großsegler sind in den 70er und 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in den oldenburgischen Unterweserhäfen registriert und befahren von hier aus die Weltmeere. Auf über 20 Werften zwischen Brake und Berne gibt es Arbeit für viele Schiffbauer und andere Handwerker.

Blick aufs Wasser

In den Seehäfen Nordenham und Brake und am maritimen Ausbildungsstandort Elsfleth richtet sich der Blick auch heute noch aufs Wasser. Mittendrin liegt das Schifffahrtsmuseum Unterweser mit seinem einzigartigen Sammlungsschwerpunkt der Schifffahrtsgeschichte in der Unterweserregion. Das Museum mit zwei Häusern in Brake besteht seit nunmehr 50 Jahren und eröffnet am 14. März ein drittes Haus in Elsfleth, das sich der Schifffahrtsgeschichte an der Unterweser im 20. Jahrhundert widmet.

Keimzelle des Museums ist der Telegraph, das Wahrzeichen Brakes an der Kaje. 1846 gebaut, diente das Gebäude zwei kurze Jahre der optischen Signalübertragung für den Schiffsverkehr, dann als Wetterstation, Feuerwehrhaus und Gefängnis. Auf Initiative des Braker Zahnarztes Dr. Fritz Carstens wurde 1960 im Telegraph das Schiffahrtsmuseum der oldenburgischen Weserhäfen eröffnet.

Lotsen und Walfänger

Schon bald war klar, man brauchte mehr Platz für die umfangreiche Sammlung zu den Themen Navigation, Schiffbau und Werften, Walfang und Fischerei, Feuerschiffe und Schulschifffahrt. 1985 wurde das 1808 erbaute Borgstede & Becker-Haus eröffnet.

Nach einem 2006 abgeschlossenen Um- und Ausbau ist im Borgstede & Becker-Haus der Übergang von der Segel- zur Dampfschifffahrt auf vielfältige Weise erfahrbar. Darüberhinaus werden eine bedeutende Sammlung alter Seekarten und Navigationsgeräte, Zeugnisse des Lotsenwesens und der Schulschifffahrt präsentiert. Eine besondere Attraktion ist der museumspädagogische Bereich. Hier bauen Kinder Buddelschiffe, treten in die Fußstapfen von Segelmachern, Reepschlägern und Seeleuten auf Walfang.

„Schifffahrt ist megaspannend“, sagt Museumsleiterin Dr. Christine Keitsch. Die Museumsmannschaft habe die Zeichen der Zeit, Geschichte erlebbar zu machen, früh erkannt.

In diesem Sinne ist das Haus Elsfleth in der ehemaligen Villa Steenken konzipiert. Im Mittelpunkt steht der maritime Standort Elsfleth im 20. und 21. Jahrhundert am Beispiel von vier ortsansässigen Reedereien. Weit über 20 Modelle von Leuchttürmen, Fahrwassertonnen und Spezialschiffen unterstreichen multimedial die Bedeutung der Schifffahrtsstraße Weser. Ein Raum ist der Heringsfischerei gewidmet, die in Nordenham, Brake und Elsfleth eine wichtige Rolle

gespielt hat. Dr. Christian Steenken, Erbauer der Villa, war Vorsitzender der Heringsfischereigesellschaft Elsfleth.

Arbeit auf den Werften

Ein Glanzlicht ist die hochkarätige Sammlung von Bootsbau-Werkzeugen, die Heinz Janßen (Berne) zusammengetragen hat. Ergänzt wird die Sammlung durch Schiffszimmermannskisten. Ein Hobel führt von Kiste zu Kiste, jede für sich erzählt die Geschichte ihres Besitzers.

Der Schiffbau im 20. Jahrhundert, erfolgreiche Unternehmensgeschichten von Werften zwischen Nordenham und Lemwerder beherrschen das Obergeschoss. Werftarbeiter kommen zu Wort und erzählen über ihren Arbeitsalltag.

Breiten Raum nimmt in der Villa Steenken natürlich die nautische Ausbildung ein, Elsfleth ist schließlich der größte maritime Ausbildungsstandort in Deutschland. An einem Schiffsimulator wird für Besucher erfahrbar sein, wie es sich anfühlt, auf der Brücke zu stehen und ein Schiff sicher anzulegen.

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Nicht weniger spannend ist das Thema Frauen an Bord. In der nur Männern vorbehaltenen Schifffahrt fassten sie zunächst als Funkerinnen beruflich Fuß. Heute sind ein Fünftel aller Absolventen eines Kapitänspatents Frauen. Das Haus Elsfleth erinnert beispielsweise an die Elsflether Steuerfrau Ria Jacobs und die Binnenschifferin Erna Kroog.

Schifffahrtsgeschichte hat viele Facetten, sie zu bewahren, zu erforschen und erlebbar zu machen, sei eine große Herausforderung, sagt Christine Keitsch und hebt das starke ehrenamtliche Engagement hervor, seit 50 Jahren die Basis des Museums. „Persönliches Engagement wird anerkannt. Das haben wir großen Häusern voraus“, blickt sie optimistisch in die Zukunft und aufs Wasser.

Lore Timme-Hänsel Redakteurin / Kulturredaktion
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