Hude 1959 kam Arno Retzlaff zum Vorstellungsgespräch bei August Heins nach Hude. Er wollte bei den Hudo-Werken anfangen, einem Unternehmen mit Zukunft, wie es hieß. Er wollte ein Hudo-Mann sein. Am liebsten für immer. Geschniegelt und gestriegelt trat er vor den Firmenchef. Der ihn herzlich mit Tee und Kluntjes empfing. Damals arbeiteten 40 Leute in den Werken, August Heins hatte das Geschäft gerade von seinem Vater Friedrich Heins übernommen.

Stammkneipe bleibt

Hudo, das war mehr als Arbeit. Das war auch eine große Familie, Vertrauen, Zusammenhalt und Sicherheit. Nach dem Feierabend, pünktlich um 17 Uhr standen alle Hudo-Männer im Huder „Karl Traut“, ihrer Stammkneipe. Später wurde daraus das „Haus am Bahnhof“. Mit dabei auch immer Retzlaffs Kollegen und Freunde Heinrich Schwarting und Ferdinand Dorin. „Der Zusammenhalt war toll“, sagt Heinrich Schwarting. Er grinst seine ehemaligen Kollegen an und erzählt von den vielen Stunden, die sie gemeinsam am Tresen verbracht haben. „Die eine Hälfte der Männer kam von den Amazonen-Werken, die andere von Hudo.“

Das letzte Feierabendbier trank Arno Retzlaff ein Vierteljahrhundert nach seinem Vorstellungsgespräch. Die Hudo-Werke meldeten am 18. März 1984 um 18.05 Uhr Konkurs an.

Aber Hudo-Mann bleib Retzlaff trotzdem für immer.

32 Jahre später sitzen Retzlaff, Dorin und Schwarting wider in ihrer Stammkneipe zusammen. Sie blättern in ihrer Sammlung alter Dokumente, Zeitungsartikeln und der Firmenchronik, erzählen sich Anekdoten und teilen Erinnerungen.

Gegründet wurde das Familienunternehmen 1931 von Friedrich Heins. Damals hieß es noch „Huder Mühlenbauanstalt“, und als immer mehr Produkte aufgenommen wurde, kam es zum Namenszusatz „Walzen- Schleif- und Riffelwerk“. August Heins vereinfachte die Sache im Laufe der Jahre in „Hudo-Werk KG. August Heins GmbH & Co“ – kurz und überall bekannt unter Hudo-Werke.

„August Heins, das war ein Chef, den kannst du suchen unter Hunderten“, sagt Retzlaff. Seine beiden Kollegen nicken zustimmend.

In dem Vierteljahrhundert, in dem Arno Retzlaff in den Hudo-Werken arbeitete, durchlief er fast jede Abteilung – und landete zum Schluss im Einkauf.

Auch für die Auszubildenden war er zuständig und arbeitete mit Ferdinand Dorin. Dorin hat 1972 seine Ausbildung zum Industriekaufmann absolviert. Zu diesem Zeitpunkt war die Firma von 40 Angestellten auf über 250 Mitarbeiter angewachsen. Und auch nach der Lehre blieb Dorin bei Retzlaff. „An meinem ersten Tag hast du mich mit den Worten begrüßt: ‚Wenn du an meinem Stuhl sägen willst, musst du früh aufstehen. Aber wenn du mitziehst, bring ich dir alles bei’“, erzählt er und lächelt seinen alten Lehrmeister an. Dorin hat sich gegen das Sägen und für das Wissen entschieden. Auch nach über 40 Jahren haben die beiden eine „Vater-Sohn-Beziehung“, sagen sie. So eng hat Hudo die Männer zusammengeschweißt.

Doch der große Erfolg der Hudo-Werke, die damals nach Amazone der zweitgrößte Arbeitgeber Hudes war, währte kaum zehn Jahre. Bernd Heins, Enkel des Firmengründers, übernahm die Werke 1975. 1984 dann der tiefe Fall. Vollkommen überraschend fürchteten damals 200 Mitarbeiter um ihren Lebensunterhalt. Schon am 17. Februar 1984 berichtete die NWZ  darüber, dass die Banken den Hudo-Werken keine Kredite mehr gewährten und dass der Konkurs unausweichlich sei. „Wirtschaftliche Schwierigkeiten hatte das Unternehmen seit längerer Zeit. Überrascht wurden alle Beteiligten vom Ausmaß der Probleme.“

Kritik am Verfahren

Zum Zeitpunkt des Konkurses verfügte das Werk über einen Auftragsbestand von sechs bis sieben Millionen DM und ein Fertigteillager von etwa vier Millionen DM. Im offiziellen Konkursverfahren des Amtsgerichtes heißt es: „Über das Vermögen der Hudo-Werk KG August HeinsGmbH & Co. (…) wird das Konkursverfahren eröffnet (...). Der Rechtsanwalt Adolf Fugger (…) wird zum Konkursverwalter ernannt.“

Eine Entscheidung, die Wellen schlägt und die Hudo-Mitarbeiter – Männer wie Frauen – im Nachhinein noch fester aneinander bindet. Denn sie übten Kritik am Konkursverwalter.

Am 29. Juni 1984 berichtete die NWZ , die Belegschaft sei sauer, weil bereits mehrere Chancen für eine Übernahme des Werkes vertan worden wären. „Der Betriebsrat des Hudo-Werkes kritisierte, dass die Banken nicht verhandlungsbereit sind und keine Inventur im Hudo-Werk gemacht wurde.“ Jedoch wehrte sich Konkursverwalter Adolf Fugger gegen diese Kritik.

Er behauptete in einer Gegendarstellung vom 4. August 1984, dass es sehr wohl eine Inventur gegeben habe und auch mit potenziellen Investoren gesprochen worden sei, diese aber wieder abgesprungen seien.

Hoffnung begraben

Damit war auch die letzte Hoffnung der Hudo-Mitarbeiter begraben, ihr Werk doch noch einmal aufleben zu lassen. Das Familienunternehmen in der dritten Generation tat seinen letzten Atemzug.

„In diesem Moment brach Alfred Lier zusammen“, erzählt Dorin. Lier war ein langjähriger Kollege von den dreien. Noch heute bestürzt seine Reaktion Dorin. 49 Jahre lang war er Schlosser im Unternehmen, dann wurde ihm klar, dass er dort nie wieder einen Hammer anfassen würde. „Er fing hemmungslos an zu weinen“, erinnert sich Dorin.

Aber selbst da war er noch da – der Zusammenhalt unter den Hudo-Männern und Frauen. Ein Zusammenhalt und eine Gemeinschaft, die abfärbte. „Damals, kurz bevor die Werke endgültig geschlossen wurden, wuselten acht Leute vom Arbeitsamt gleichzeitig auf dem Gelände herum. Sie erklärten, wie es nun für die Hudo-Mitarbeiter weitergehen würde und was sie zu erwarten hätten.

32 Jahre später ist das „Haus am Bahnhof“ noch immer ihre Stammkneipe. Retzlaff, Dorin und Schwarting treffen sich regelmäßig zum Stammtisch. Einmal im Jahr organisieren sie ein großes Treffen für alle ehemaligen Hudo-Mitarbeiter. Bei dem letzten kamen immerhin an die 40 Leute – und das, obwohl die langjährigsten Hudo-Männer und Frauen schon nicht mehr leben.

Aber aus der heutigen Perspektive können Retzlaff, Dorin und Schwarting zurückblicken und sagen, dass jeder Mitarbeiter eine gute Arbeitsstelle fand. Die 31 Auszubildenden konnten ihre Lehre in anderen Firmen beenden, eine Hudo-Mitarbeiterin machte sich mit ihrem Mann selbstständig und nahm viele ihrer Kollegen mit.

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„Wir waren zur richtigen Zeit bei der richtigen Firma“, sagt Schwarting. „Sonst bleibt man ja auch keine 25 Jahre oder länger da“, sagt Retzlaff. „Da gab es kein Hauen und Stechen, wir haben aufeinander aufgepasst – was war das für ne’ Zeit“, sagt Dorin.

Die drei Männer blicken sich an. Und bestellen im „Haus am Bahnhof“ eine Runde. 17 Uhr. Feierabendbier.

Lina Brunnée Volontärin, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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