NORDENHAM /WIEFELSTEDE NORDENHAM/WIEFELSTEDE - Wer ein Gefängnis verlassen darf, sollte fröhlich sein. Doch in Heinz Georg Bäkermanns Abschiedsfreude mischt sich Rührung: Mehr als 30 Jahre lang war die kleine Justizvollzugsanstalt hinter dem Amtsgericht ein Teil seines Lebens, an dem er mit ganzem Herzen gehangen hat. Hier arbeitete er sich vom Hilfsaufseher zum Dienstleiter hoch. Gestern wurde der Wiefelsteder, der am 2. Weihnachtstag 60 Jahre alt wurde, in den Ruhestand verabschiedet.

„Er ist der letzte Kapitän der alten Schule“, sagte Gerd Koop, der Leiter der Justizvollzugsanstalt Oldenburg, der Nordenham nachgeordnet ist. „Er hat die Geschichte der Anstalt mitgeprägt.“

Das war dem gebürtigen Oldenburger durchaus nicht an der Wiege gesungen worden. Nach der Schule machte er zunächst eine Lehre zum Zimmermann und arbeitete anschließend auf Baustellen in ganz Norddeutschland. Die Baukrise Mitte der 70er Jahre veranlasste ihn, nach einem neuen Job Ausschau zu halten. Im Amtsgericht Nordenham, zu dem das Gefängnis damals gehörte, wurde er fündig: Direktor Wilhelm Knost stellte ihn ein.

Die Anstalt war auf dem absteigenden Ast: Sowohl für die Gefangenen als auch für die Bediensteten waren die Verhältnisse menschenunwürdig, resümierte Koop. Die Hafträume waren mit bis zu acht Gefangenen belegt. Wer die Fenster im Winter nicht mit Pappe oder alten Matratzen verkleiden konnte, litt unter Kälte und Feuchtigkeit. In den Zellen standen offene Toiletten, und wenn ein Gefangener nicht irgendwo einen Vorhang organisiert hatte, mussten ihm die Zellengenossen bei seinen Geschäften zusehen. Justizminister Walter Remmers (CDU) plante die Schließung der Anstalt, die seit 1988 offenen Vollzug bot.

Doch der neue Leiter der JVA Oldenburg, Gerd Koop, setzte ab 1991 auf die Erhaltung – und er setzte sich durch. Das war nur möglich, weil die Bediensteten – unter ihnen Bäkermann – mitzogen. Und die Häftlinge auch.

Als erstes wurde die denkmalgeschützte Gefängnismauer abgebrochen, die Männer- und Frauenhof voneinander getrennt hatte. Erst damit wurden Erweiterungen möglich. Obwohl es kaum Zuschüsse gab, wurde das Gefängnis innen und außen renoviert – mit tatkräftiger Hilfe von Bediensteten und Insassen. Der Dienstleiter räumte seine Wohnung für die Gefängnisverwaltung. Neues Interieur wurde aus der aufgegebenen Stadland-Kaserne in Rodenkirchen geholt, die Pflastersteine für den Parkplatz aus der alten Delmenhorster Kaserne. Ein Unternehmer trat als Sponsor auf.

1994 wurde eine Frauenabteilung mit sechs Insassen geschaffen, die einmalig in Niedersachsen ist. Hühner wurden angeschafft; sie wurden in einem alten Fahrradschuppen vom Gymnasium gehalten, der mit Gittern aus dem Amtsgericht versehen wurde. Eine Werkstatt entstand.

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Heinz Georg Bäkermann stieg auf, absolvierte eine einjährige Ausbildung zum Krankenpflegerhelfer in der JVA Lingen – auch wegen der Drogenprobleme von Insassen – und übernahm am 1. Mai 2002 die Nachfolge von Siegfried Pudel als Dienstleiter.

Jetzt hat er mehr Zeit zum Angeln, für seinen Wohnwagen im Harz und seine Reisen nach Kroatien. Doch wo immer er sich aufhält: Seine Gedanken werden oft zurückkehren in das kleine Gefängnis.

Henning Bielefeld Stadland und stv. Leitung Redaktion Nordenham / Redaktion Nordenham
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