Jever /Bösel /Oldenburg Die fünf Vorkoster sind bereit, das erste Viertel Rotwein abgezapft. Die lange Tafel im Wohnzimmer von Holger Hildebrand in Jever ist vorbereitet. Eine Tischdecke mit Weinmotiven – wie passend. An der Wand eine halbe Ente. Nein, nicht das Tier. Das Auto.

Ein tiefer Blick, das Glas in Schräglage, leichtes schwenken, Nase auf den Rand, tief einatmen.

Prost!

„Sehr fruchtig, angenehmer Eindruck, keine Gärungsfehler“, befindet Jörn Paulsen mit Kennermiene.

„Trocken ist er, nicht zu sauer“, meint Holger Hildebrand.

Nur etwas kalt ist der junge Wein – aus dem Fass in der Garage. Zwölf bis 14 Grad sollte er schon haben. Die Männer sind sich einig: 2015 ist ein guter Jahrgang. Fünf glückliche Gesichter.

Niedersachsen wird 2016 Weinland. Die Terrassenwinzer in Jever sind bereit. „Ja, wir wollen uns offiziell um Weinbaurechte bemühen“, sagt der Vorsitzende Hildebrand. Nein, keine Schnapsidee. Brüssel macht es möglich.

Fünf Hektar zu vergeben

Wer bislang in Niedersachsen Wein erzeugen wollte, konnte dies nur als Hobbywinzer auf kleinen Flächen mit weniger als 100 Weinreben. Pflanzrechte für den erwerbsmäßigen Weinbau gab es nicht.

Ab 1. Januar gilt in der EU ein neues Genehmigungssystem. Die deutschen Bundesländer haben darüber gestritten. Der Süden wollte keine Konkurrenz im Norden. Und sich geeinigt. Niedersachsen bekommt wie die anderen Flächenländer fünf Hektar für Neuanpflanzungen.

Mosel, Rheinhessen und Baden müssen zittern. „Gimmeldinger Meerspinne“, „Kröver Nacktarsch“ und „Klöbener Krötenpfuhl“ – Weine von vorgestern. Künftig trinkt man edle Tropfen aus dem „Chatteau de Garage“ in Oldenburg, einen „Jever Wein Chatteau Rouge“ oder „Regent Muskat“ aus Bösel (Kreis Cloppenburg).

Davon träumen zumindest einige Hobby-Winzer im Nordwesten.

„Passionierte Winzer“, verbessert Rolf Oetter. Von Hobby will der Oldenburger nichts hören. Seine Reben stehen in einem Kleingarten in der Stadt, direkt an der Autobahn. Also, genauer genommen ein Großgarten. In der Mitte ein Teich mit zwei echten Enten. Hütten, Busse, Gerümpel, Unkraut – dazwischen und drumherum der Wein. „Ich mache mir nichts aus Schönheit. Das Produkt ist wichtig.“ Bringt immerhin 300 Liter pro Jahrgang. „Natürlicher kann man keinen Wein anbauen“, ist Oetter überzeugt.

Wie er zum Wein gekommen ist? Eigentlich eine Schnapsidee. Oetter besucht mit seiner Frau einen Weinveredler in Freiburg, so vor zwanzig Jahren. Einige Kostproben später bestellt der Oldenburger 200 Reben – und hat es bald wieder vergessen. „Ein dreiviertel Jahr später kamen die an.“ Oetter pflanzt am Marschweg: „Muscat blue“ und „Cabernet“.

Wenn man so will, ist es der Startschuss für den passionierten Weinbau im Oldenburger Land. Jahre später hat Oetter die Idee für eine Norddeutsche Weinstraße, meldet 2008 ein Patent an. Von Südoldenburg soll sie über Bremen, Hamburg zum Schloss Rattey in Neubrandenburg führen.

Und was ist mit Jever? Die Terrassenwinzer kennt Oetter noch nicht.

Nicht lange her, da wurden Weinbauer in Norddeutschland verspottet oder zumindest milde belächelt. Zu flach, zu nass, zu kalt. Steilhang Südlage macht den guten Tropfen. Von wegen. Experten gehen davon aus, dass der Weinbau als Folge des Klimawandels insgesamt weiter nach Norden rückt.

Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer ist davon überzeugt, dass der kommerzielle Weinbau zwischen Ems und Elbe funktioniert. Der Grünen-Politiker hofft auf gute Qualität. „Von lieblich bis trocken scheint vieles möglich“, meint Meyer. Könnte ja auch den Tourismus ankurbeln, so ein Weinland.

Die etwa 50 Rebstöcke von Theo Gelhaus stehen auf dem „Südhang vom Hahneberg“. In Bösel, etwas abseits des Ortes, beginnt die Norddeutsche Weinstraße. Obwohl es Berg und Hang nicht mehr gibt. Abgebaggert.

Draußen schüttet es heftig. Novembergrau. Im ehemaligen Schweinestall reift der Wein. Fässer und Flaschen stehen herum, hinten eine knallrote Abbeermaschine, die Trauben ausquetscht. Theo Gelhaus erzählt von Maische, Most und Trester, von Hefen und Gärung.

In einer Wärmekammer reift der Rotwein in Glasballons: „Cabernet Muskat“ und „Regent Muskat“. Cuvée sagt der Franzose zur Mischung von Rebsorten. Verschnitt oder Komposition, heißt es im Deutschen. „70 bis 75 Grad Oechsle können wir erreichen“, erzählt Gelhaus – Maßeinheit für das Mostgewicht, das heißt, den Zuckergehalt des Saftes. Mehr Oechsle gleich mehr Alkoholvolumen. Etwas mehr Zucker hilft da.

Rolf Oetter und Theo Gelhaus haben sich vor 15 Jahren über den Wein kennengelernt und Winzer in Oldenburg und Bösel um sich geschart. Die beiden sind überzeugt, dass das Klima im Nordwesten ideal für den Anbau ist. Nicht so viel Sonne, dafür gute Böden, genug Wasser.

„Die nördlichen Trauben sind im allgemeinen fruchtiger und aromatischer als im Süden“, ist Gelhaus sicher. Sorten, die im Norden nicht recht reifen wollen, wie „Riesling“, „Merlot“ oder „Chardonnay“, werden auch nicht angebaut.

Gelhaus lässt seine Weine regelmäßig von einem Labor analysieren und von Weinexperten begutachten. „Eine perfekte Trinkfreude“, bescheinigt eine Profi-Winzerin von der Mosel seinem „Regent – Muskat Bleu Cuvée“.

Rolf Oetter sagt deutlich: „Die Winzer in Oldenburg und Bösel arbeiten wie vor 100 Jahren.“ Keine Pestizide, keine Zusatzstoffe, kein Schwefeln. Oetter hat mit seinen Roten in Südafrika zwei Goldmedaillen gewonnen. „Qualifikation: großartig“, steht auf der Urkunde.

Oetter will einen Hektar für Neupflanzungen bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung anmelden. Obwohl er auf strenge EU-Vorschriften gar keine Lust hat. Von wegen Schwefeln und so. Nein, Industrieweine sollen im „Chatteau de Garage“ nicht angebaut werden.

Auch die Weinfreunde in Friesland setzen auf ökologischen Anbau, am liebsten auf der Terrasse. Im Schutz einer Pergola seien 80 Grad Oechsle möglich, erzählt Hildebrand. „Die Reben, die wir einsetzen, haben gelernt, Salzwasser zu trinken.“ Sagt’s und lacht. Einige seien unterhalb des Meeresspiegels angebaut. Und müssen mit einer kurzen Vegetationsperiode im Sommer auskommen.

Im Keller gepresst

Hildebrand hat 2007 mit einem Freund aus der Pfalz getauscht: Äpfel gegen Weinreben. „Den kannst du alleine trinken“, kommentiert seine Frau erste Versuche. Drei Jahre später gründen sieben Weinfreunde die Terrassenwinzer. Inzwischen sind es 140 aktive Weinbauern in Jever, Varel, Sande, Schortens oder Wilhelmshaven, die mindestens eine Rebe haben.

Gärmeister Hildebrand sammelt die Trauben jedes Jahr zwischen September und November in mehreren Touren ein, presst sie im heimischen Keller aus, betreut die Gärung. „Es ist sehr viel Arbeit.“ 235 Liter Rotwein, 100 Liter Weißwein, lautet die Bilanz des Jahrgangs 2015.

Die Terrassenwinzer denken über eine Genossenschaft nach, wollen wissen, ob sich mit Weinbau in Friesland Geld verdienen lässt. Eine Machbarkeitsstudie ist in Auftrag gegeben. „Wir wollen weg von den Monokulturen, hin zu dezentralen Strukturen in der Landwirtschaft“, sagt Öko-Weinbauer Hildebrand. Aber vor allem will er guten Wein.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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