WESTERSTEDE Der letzte Spargel ist gestochen. Im Geschäft gehen die restlichen Stangen über den Ladentisch. Zeit zum Durchatmen? Fehlanzeige. „Jetzt sind die Erdbeeren reif“, sagt Dierk Warband, Besitzer des Erdbeer- und Spargelhofes in Westerstede, und steuert das nächste Feld an. Gerade überschneidet sich die Saison.

Auf dem Boden zwischen den Sträuchern vegetieren einige zermatschte Früchte vor sich hin. „Es war bisher zu nass“, erklärt Warband. Doch beim Rundgang scheint die Sonne, es ist trocken und nicht zu warm – bestes Erntewetter. Es herrscht Hochbetrieb: Frauen und Männer hocken in den Plantagen und pflücken.

Lange Schichten

Dazwischen bahnt sich Martin Kicinski den Weg, karrt die prall gefüllten Erdbeerkisten Richtung Hofladen. „Das mache ich hier schon seit zehn Jahren. So lange der Chef mich braucht, bin ich bereit“, erzählt er in leicht gebrochenem Deutsch, das er sich selbst beigebracht hat. Der 35-jährige Pole ist einer von 40 Saisonarbeitern aus Osteuropa, die jedes Jahr bei „Chef“ Warband anheuern. „Am Anfang haben wir gesucht, jetzt rennen uns die Leute fast die Bude ein“, sagt dessen Ehefrau Gesine.

Jahr für Jahr greifen die Ammerländer auf polnische und rumänische Erntehelfer zurück: „Sie sind flexibel und belastbar“, begründet der Besitzer und will nicht missverstanden werden: „Bei Bedarf sind die Schichten schon mal länger, aber das wird dann ausgeglichen.“

Deutsche winken ab

Denn der Dienst strengt an. Bücken und pflücken belasten Rücken und Knie, sechs bis zehn Stunden am Tag für sechs bis acht Euro pro Stunde. Es ist kein Geheimnis, dass die meisten deutschen Arbeitskräfte abwinken. Das bestätigt auch Hermann Lohbeck, Referent der Landwirtschaftskammer Niedersachsen: „Polen und Rumänen bilden in der Landwirtschaft einen wichtigen Wirtschaftsfaktor. Spargel- und Erdbeerernte ist ohne sie kaum mehr vorstellbar.“ Mehr als 45 000 Osteuropäer ackern pro Jahr auf niedersächsischen Feldern. Gut zwei Drittel stammen aus Polen.

Die Heimat verlassen

Für Nachschub sorgen unter anderem Leute wie Kicinski, die zu Hause Mundpropaganda betreiben. Warum er jedes Jahr für zwei Monate seine Heimat verlässt, um 1000 Kilometer entfernt von der Familie zu schuften, beantwortet der gelernte Maler ohne zu zögern: „Ich komme, um Geld zu verdienen.“ Geld, das in Polen das Doppelte oder Dreifache wert ist.

Und in Rumänien noch viel mehr, bekräftigt Wasil Armenku, der jetzt seine fünfte Saison auf dem Hof absolviert. „Bei uns gibt es wenig Arbeit, und die ist schlecht bezahlt“, beschreibt der 25-Jährige die Lage in seinem Heimatland.

Dolmetschen nötig

Auch er spricht Deutsch, dolmetscht daher für seine Landsleute, die der Sprache nicht mächtig sind. Denn laut Landwirtschaftskammer zieht es immer mehr Rumänen nach Deutschland, während viele Polen ihr Glück auch in anderen Ländern versuchen. Wie in England, wo sie offenbar mehr verdienen können.

Die Rumänen wiederum benötigen seit Anfang dieses Jahres wegen der EU-weiten Freizügigkeit für ihre befristeten Einsätze in Deutschland keine Arbeitserlaubnis mehr, was für die Polen schon ein Jahr länger gilt.

„Umso stärker muss man auf die sozialen Standards wie Unfallversicherung und Lohnuntergrenzen achten“, fordert Gero Lüers, stellvertretender Regionalleiter der Gewerkschaft Bau, Agrar, Umwelt. „Wir wollen nicht schwarzmalen“, sagt er über die Saisonarbeit, „aber wenn teilweise Dumpinglöhne von unter vier Euro gezahlt und miserable Baracken als Unterkunft zur Verfügung gestellt werden, ist das Ausbeutung.“

Vor kurzem hat der Europäische Gerichtshof die Rechte der Saisonkräfte jedoch gestärkt. Unter bestimmten Voraussetzungen erhalten sie in Deutschland nun auch Kindergeld. Die Gewerkschaft schließt sie zudem in ihre Mindestlohnforderung von 8,50 Euro ein.

Schwarze Schafe

Schwarze Schafe

Von einigen schwarzen Schafen, die ihre Erntehelfer ausbeuten, weiß auch Kammer-Referent Lohbeck. „Doch deshalb darf man nicht eine ganze Branche in Verruf bringen.“ Familie Warband zum Beispiel stellt allen 40 Saisonarbeitern Zimmer auf dem Hof zur Verfügung. „Wir haben den Eindruck, dass sie sich hier wohlfühlen“, berichtet der Besitzer.

In anderen Größenordnungen bewegt sich der Erdbeerhof Osterloh in Visbek. Etwa 5000 Tonnen Früchte werden dort pro Saison geerntet. Mit Maschinen funktioniert das nicht, so dass helfende Hände gefragt sind. Rund 1200 Polen beschäftigt Ulrich Osterloh in der Hauptsaison.

Untergebracht sind sie im Wohnpark des Flugplatzes Ahlhorn mit seinen 2000 Unterkünften für Saisonarbeiter diverser Betriebe.

Wenig Arbeitslosigkeit

„Auch wir haben keine Probleme, Leute zu finden. Unsere polnischen Helfer sind sehr zuverlässig“, lobt Osterloh. Heimische Saisonkräfte stehen ihm auf den Feldern ebenfalls nicht zur Verfügung: „Wir haben in Südoldenburg, der Hochburg des Erdbeeranbaus, kaum Arbeitslose. Woher sollen die Erntehelfer also kommen“, fragt er.

Die Verständigung untereinander funktioniert laut Osterloh reibungslos. Sein zweisprachiger Internetauftritt „deutsch/polski“ wendet sich zudem direkt an Interessenten aus dem Nachbarland. Mit einem „Serdecznie Witamy“ (Herzlich willkommen) werden die Polen online begrüßt und über die Arbeitsbedingungen informiert.

Willkommen ist auch immer noch Wladislaw Lewandowski auf dem Westersteder Hof Warband. Der 70-Jährige gehörte vor 25 Jahren zu den ersten polnischen Erntehelfern im Nordwesten. Seitdem schreitet er Jahr für Jahr zur Tat. Ans Aufhören denkt der Rentner noch nicht: „Solange es mir Spaß macht, komme ich wieder.“ Chef Dierk Warband nickt zufrieden.

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Im Jahr 2010 arbeiteten auf Niedersachsens Höfen nach Angaben der Landwirtschaftskammer knapp 46 500 Saisonkräfte aus Osteuropa. Über zwei Drittel, also 34 500, kamen aus Polen, 11 000 aus Rumänien.

Bundesweit lag die Gesamtzahl der osteuropäischen Erntehelfer im Jahr 2010 bei knapp 275 000, darunter rund 170 000 Polen und 94 000 Rumänen.

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