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Wangerooge /Cäciliengroden Der Winter 1963 war kalt und eisig: Mitte Januar war das Wattenmeer von einer dicken Eisschicht bedeckt – unpassierbar für Schiffe zu den Inseln.

Auf Wangerooge wurde am 19. Januar der „Eisnotdienst“ ausgerufen: Bis zum 8. März hielt das Packeis die Insel in ihrem kalten Griff – versorgt wurde Wangerooge mit Hilfe von Hubschraubern des Heeres von der Basis Wittmundhafen aus und mit einmotorigen Flugzeugen, die in Mariensiel starteten. Lebensmittel, Viehfutter, Heizöl und Kohle gehörten zu den wichtigsten Transportgütern.

Lebensbedrohlich wurde der eisige Winter für Dieter Theilen (63) und Peter Frerichs (62) aus Cäciliengroden: Als 1963 zwölf und 13 Jahre alte Jungen trieben sie 17 Stunden lang auf einer Eisscholle durchs Wattenmeer. Wenn die beiden Jungen geahnt hätten, was ihnen bevorstand, dann hätten sich Dieter Theilen und Peter Frerichs Schal und Mütze, lange Un­terhosen, Handschuhe und dicke Jacken angezogen – so, wie die Mutter ihnen noch hinterher gerufen hatte, als sie zum Spielen im Schnee und Rodeln am Deich aus der Tür stürmten.

Wattenmeer zugefroren

Wochenlanger Frost hatte Felder und Seen mit einem Eispanzer überzogen. Sogar die Jade war zugefroren. Weit draußen im Wattenmeer beim alten Leuchtturm türmten sich dicke Eisschollen zu einem Eisberg auf. „Da wollten wir hin“, sagt Dieter Theilen.

So machten sich die beiden besten Freunde auf den Weg durch die hartgefrorenen Salzwiesen, weit hinaus auf das Jade-Eis. Der eine nur in dünner Jacke, der andere im Rollkragenpullover. Dann knackte unter ihren Füßen das Eis. . .

Unheimliche Nacht

Wenn Dieter Theilen und Peter Frerichs, heute 62 und 63 Jahre alt, an die Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1963 zurückdenken, dann bekommen die beiden noch immer Gänsehaut. „Eigentlich können wir am Donnerstag unseren 50. Geburtstag feiern“, sagt Peter Frerichs, der wie sein Cousin seit einigen Jahren wieder in Cäciliengroden wohnt. Ihre unheimliche Nacht bei Temperaturen von bis zu minus 15 Grad auf einer treibenden Eisscholle im Wattenmeer machte vor 50 Jahren bundesweit Schlagzeilen.

17 Stunden lang harrten die beiden Jungen hilflos aus, bis gegen 10 Uhr am Morgen Rettung aus der Luft nahte und ein Hubschrauber die beiden unfreiwilligen und beinahe steifgefrorenen Abenteurer vom Eis holte.

Am Nachmittag zuvor hatte das auflaufende Wasser die Eisschollen in der Jade zusammengeschoben. Unbemerkt von den anderen Kindern am Deich machten sich Dieter und Peter auf den lebensgefährlichen Weg über das Wasser, den Eisberg als Ziel vor Augen. „Wir glaubten ja, wir haben festen Boden unter den Füßen“, sagt Frerichs und deutet mit seinen Händen die Dicke der Eisschollen an. Doch die eisigen Platten kamen gefährlich in Bewegung, als das Wasser ablief. Die Scholle schwankte. „Und dann bin ich ins Wasser gefallen“, sagt Dieter Theilen.

Bis zur Hüfte rutschte der 13-Jährige ins eiskalte Wattenmeer. Panisch vor Angst suchte er Halt, Peter packte ihn bei den Armen und musste aufpassen, selbst nicht auch ins Wasser zu fallen, zog seinen Cousin zu sich auf die tischplattengroße Eisscholle. Dieter und Peter riefen um Hilfe. Doch niemand hörte, niemand sah die Jungen.

Dafür sahen sie, wie in unerreichbarer Ferne Scheinwerfer die Umgebung am Deich absuchten. Längst war es dunkel geworden, Nebel breitete sich wie ein eisiges Leichentuch über das Wasser aus. Im Dorf wurden die Jungen bereits vermisst, niemand hatte sie seit dem Nachmittag mehr gesehen.

„Dann haben wir angefangen zu heulen“, sagt Dieter Theilen. „Aus Wut und aus Verzweiflung.“ Und weil die unerbittliche Kälte immer tiefer in die Knochen kroch.

Frierend, in gefrorenen Hosen und völlig orientierungslos hockten die beiden auf der Eisscholle, die erst Richtung Ölhafen und mit ablaufendem Wasser allmählich aufs Meer hinaustrieb. „Wir hatten nur eine Jacke dabei“, sagt Peter Frerichs. Die zogen sie gemeinsam an: Einer schlüpfte in den linken, der andere in den rechten Ärmel, um sich wenigstens ein bisschen zu wärmen. Auch die Mütze wurde geteilt.

Rettung aus der Luft

Stunde um Stunde verging. Wenn einer heulte, dann sprach ihm der andere Mut zu. „Irgendwie ist es uns gelungen, uns die ganze Nacht gegenseitig wachzuhalten und in Bewegung zu bleiben – sonst wären wir sicher erfroren“, sagt Peter Frerichs.

Peter und Dieter hatten mit dem Leben beinahe abgeschlossen, als über ihnen ein in Upjever stationierter SAR-Hubschrauber auftauchte – und wieder abdrehte. „Der hat uns nicht gesehen“, dachten die Kinder.

Tatsächlich war längst eine groß angelegte Suche gestartet. Der Hubschrauber hatte die Kinder entdeckt, musste für die Rettung über See allerdings noch eine Zwischenlandung in Mariensiel einlegen – und kehrte bald darauf zurück. Der Rettungspilot, ein junger Leutnant mit seinem Team, musste großes fliegerisches Können aufbringen: Er musste tief genug über der Eisscholle heruntergehen und zugleich hoch genug bleiben, damit der eisige Wind der Rotoren die Scholle nicht zu stark ins Schaukeln brachte und die Jungen womöglich ins Wasser fielen.

Das Manöver dauerte etwa zehn Minuten: Mit einem simplen Rettungsring wurden die völlig entkräfteten und durchgefrorenen Jungen an Bord geholt und nach Mariensiel geflogen. Von dort ging es ins Krankenhaus Sanderbusch, wo die Eltern sie erleichtert in die Arme schlossen.

„Lange hätten wir nicht mehr durchgehalten“, sagt Dieter Theilen. Nach ein paar Tagen durfte sein Cousin Peter nach Hause, er hatte die unheimliche Nacht im Eis ohne Schäden überstanden. Dieter aber blieb einige Wochen in der Klinik, er trug von der Kälte Diabetes davon.

Ihren Retter haben sie 25 Jahre später wiedergetroffen, die Bundeswehr stellte den Kontakt her. Einen Nachmittag lang tauschten die drei ihre Erinnerungen an das dramatische Abenteuer im Eis aus. Was aus dem inzwischen fast 80-jährigen Piloten geworden ist, wissen Dieter Theilen und Peter Frerichs nicht.

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Beide Jungen schworen sich, nie wieder eine Eisfläche zu betreten. Und tatsächlich haben die beiden nie wieder Schlittschuhe angezogen, waren nie mehr Eislaufen auf dem Ems-Jade-Kanal und wagten sich auf keine zugefrorenen Gewässer mehr. Und auch ohne dicke Winterkleidung gehen sie in diesen Tagen nicht vor die Tür.


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Oliver Braun Agentur Hanz / Redaktion Jever
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