Schortens /Lugano Die Männer in den teuren Anzügen waren nach Schortens gekommen, um kleine Brötchen zu backen. Sehr viele kleine Brötchen. Brötchen für Millionen, und das jeden Tag. Und Tiefkühlpizza, tonnenweise. Vier Pakete Bauunterlagen und Planskizzen für eine neue Fabrik hatten die Repräsentanten der noch in Gründung befindlichen, aber offenbar finanzstarken Industrial Group for Food Production (IGFP) im Oktober 2012 ins Rathaus der friesländischen Stadt mitgebracht. „Wir meinen es ernst. Wir wollen hier investieren“, sagte der Firmen-Repräsentant mit Adelsprädikat – und alle glaubten es.

Von sagenhaften 350 Millionen Euro war die Rede. Von einer Fabrik kolossalen Ausmaßes. Von täglich 1000 Tonnen Backwaren und Tiefkühl-Lebensmitteln, die im neu erschlossenen interkommunalen Gewerbegebiet Jade-Weser-Park ab 2015 für die Verbraucher im gesamten Nordwesten, im Ruhrgebiet und in den Niederlanden vom Band laufen sollten. Bürgermeister und Landrat strahlten: „Das ist das größte Industrieprojekt für den Landkreis Friesland seit Jahrzehnten.“

Eingefädelt wurde die sich anbahnende Multi-Millionen-Investition Mitte 2011 über den Wirtschaftsförderkreis Harlingerland. Weil man dort kein geeignetes Grundstück anbieten konnte, kam das interkommunale Gewerbegebiet in Schortens ins Spiel.

Von Essen nach Malta

Einer der Repräsentanten der IGFP, die im Oktober 2012 nach Friesland kamen, war Mortimer von Tschirschky und Boegendorff (70). Ein Mann mit Adressen in Österreich und Tschechien, gegen den vier Tage vor seinem Besuch in Schortens ein Konkursverfahren in Tschechien eröffnet wurde.

Der andere Mann ist Christian F. Krämer. Ein eleganter und weltmännisch auftretender Herr, der auf Nachfrage seine Visitenkarte aushändigt, auf der allerdings nichts weiter steht als „Christan F. Krämer, Repräsentant der IGFP“. Keine Adresse, keine E-Mail, keine Telefonnummer.

Von Tschirschky und Boegendorff sowie Christian F. Krämer, der wenige Monate später aus dem IGFP-Vorstand ausscheidet und durch einen Mann mit italienisch klingendem Namen ersetzt wird, verschwinden nach ihrem Auftritt für die Pressekameras von der Bildfläche. Von Tschirschky ist fortan nicht mehr zu erreichen. Christian F. Krämer bleibt selbst für die Internet-Suchmaschinen unauffindbar. Der Mann hat sich, so scheint es, in Luft aufgelöst. Stattdessen übernimmt Alexander Hartung im Namen der Schweizer Unternehmensgruppe Enumplan die Verhandlungen. Er tritt fortan als Kontaktmann zwischen den auf Jobs und auf sprudelnde Steuereinnahmen hoffenden Kommunen sowie den geheimnisvollen Investoren auf. Wer hinter IGFP steckt, verrät auch Hartung nicht.

Die Spurensuche führt zunächst ins Ruhrgebiet – und ins Internet. Auf einem kleinen Faltblatt der IGFP ist eine Adresse genannt, die Branchenkenner schnell mit einem großen Discounter in Verbindung bringen. Vor allem wegen der gewaltigen Investitionssumme könne bei der Pizza- und Pastafabrik nur ein ganz Großer auf dem Lebensmittelmarkt seine Finger im Spiel haben, wollen Insider wissen. Aldi wird genannt. Und Nudel-Riese Barilla, weil es geschäftliche sowie lokale Verbindungen zum geplanten Fabrikzwilling in Norditalien zu geben scheint.

Doch Aldi dementiert. Auf eine nochmalige Nachfrage bei dem Discounter in der Zentrale in Essen antwortet Aldi-Pressesprecherin Nina Warschun noch am Freitag: „Uns ist der Vorgang vollkommen unbekannt.“ Weiter teilt der Konzern der NWZ  mit: „Wir stellen auch ausdrücklich klar, dass weder die Unternehmensgruppe Aldi Nord, noch die Stiftungen, die diese Unternehmensgruppe tragen, etwas mit dem Bauvorhaben zu tun haben.“

Kurioses fördert stattdessen die Suche nach der IGFP zutage: Der Name ist vor allem Veterinären ein Begriff: Es gibt eine Internationale Gesellschaft zur Funktionsverbesserung der Pferdezähne, kurz IGFP. Und eine Singlebörse: die Interessengemeinschaft für Partnersuchende. Aber einen milliardenschweren Konzern? Fehlanzeige.

Die Suche nach den Investoren führt nach Malta. Auf der Steuersparinsel im Mittelmeer gibt es eine Holding, die als Geldgeber hinter dem Projekt stehen soll, über die die Börse allerdings keinerlei Informationen hat. Der Zusammenschluss nennt sich Marcellus Trust. Malta gilt als Offshore-Finanzhandelsplatz mit schlechter Finanzaufsicht und geringen Offenlegungspflichten. Der Verdacht kommt auf, dass über den vollkommen intransparenten Marcellus Trust mit dem Versprechen hoher Renditen Anlegergelder auf der ganzen Welt eingesammelt werden. Schwarzgelder möglicherweise, die man im Falle eines Totalverlustes schwer einklagen kann. Wie viel Kapital der Trust eingesammelt hat und woher er sein Geld hat, bleibt unklar. Ebenso, ob damit ernsthafte Projekte verfolgt werden, oder nur ein Briefkasten auf Malta erworben wurde.

Um Anleger zu locken, werden in strukturschwachen Regionen Projekte vorgestellt – wie die Pizzafabriken in Schortens, im italienischen Bondeno und in Calatayud in Spanien. Politik und Verwaltung sehen in den Investoren Heilsbringer für die Region und lassen sich blenden – von teuren Anzügen und Adelstiteln. Und von Eurosummen mit ganz vielen Nullen.

Eine wichtige Rolle in dem rätselhaften Projekt Pizzafabrik spielt nach Recherchen der NWZ  ein Mann namens Gianfranco R. Der Italo-Schweizer ist Vertragspartner des Vareler Ingenieurbüros, das den Auftrag hat, die Werke in Schortens und Bondeno zu planen. Besagter Gianfranco R. soll der selbe Mann sein, der bereits Mitte der 1990er Jahre wegen Kreditbetrugs im Zusammenhang mit der Äffäre um die Holzwerke Trossingen zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden war, wie Nachfragen bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart ergeben haben. Er gewann für ein seinerzeit geplantes Holzwerk in Trossingen einen prominenten Partner als Investor und ergaunerte Millionen Euro bei Banken im In- und Ausland. Einige Jahre hat er dafür abgesessen.

Zum weiteren Umfeld von Gianfranco R. gehören Geschäftsleute überwiegend aus dem grauen Finanzmilieu, die zum Teil auch eine lange Liste an Firmenpleiten angehäuft haben. Da tauchen Beratungsfirmen und Beteiligungsgesellschaften auf, Immobilientöchter und Vermögensverwaltungen. Die Töchter und Gesellschaften gehen in die Dutzende und verteilen sich auf halb Europa. Viele davon sind gegenseitig aneinander beteiligt. Ein Finanzjongleur aus dem Umfeld von Alexander Hartung, der mit seiner Europan Franchise Consultancy im vergangenen Jahr Konkurs anmelden musste, ist Henrik K., zugleich auch aus dem Umfeld von Enumplan. Ihm gehört die Schweizer Kurantagentur, die Anlegern Solarbeteiligungen mit Renditen von bis zu 12 Prozent offeriert.

Die vielen Beteiligungen und Konkurse, das Geschäftsgebaren und die Geheimniskrämerei ergeben einen äußerst pikanten Pizzabelag. Gut zwei Jahre nach den ersten Berichten über die Fabrik ist man, was kaum mehr wundert, mit dem Projekt weder in Friesland, noch in Bondeno weitergekommen. Die Es gibt nach Erkenntnissen der NWZ  für die geplante Fabrik keine Aktivitäten auf den Arbeitsmärkten. Spanier haben die Geschäftsbeziehungen zu Enum­plan inzwischen beendet, und auch in Italien ist nach einem weiteren geplatzten Termin zum Grundstückskauf von einer „Farce“ die Rede. Industriebetriebe, etwa aus dem Anlagenbau, haben keine Anfragen oder Kenntnis über ein Großprojekt in Roffhausen. Bisher ist offenbar nur das Ingenieurbüro aus Varel vertraglich in die Pizzafabrik involviert. Dort wartet man nicht nur seit Monaten auf vereinbarte Abschlagszahlungen für bereits erbrachte Leistungen, sondern vor allem auch auf weitere Unterlagen, um mit der Planung weitermachen zu können.

Planer ohne Plan

Aber ohne Planungen kein Genehmigungsverfahren. Es habe im vergangenen Jahr ein einziges Vorgespräch zu dem Projekt gegeben, sagt Walter Kulisch vom Gewerbeaufsichtsamt in Oldenburg als Genehmigungsbehörde. Er Es ging um Empfehlungen zur Antragsvorbereitung und um weitere Abstimmungsgespräche. habe damals den Eindruck gewonnen, dass der Planer aus der Schweiz, der sich als Alexander Hartung vorgestellt habe, viele wichtige Details des Riesenprojekts nicht „auf dem Schirm“ hatte. Dafür habe er schon mit einem Panorama-Café in 40 Metern Höhe geworben. Seit dem Treffen vor sieben Monaten habe er nichts mehr gehört, so Kulisch. Aber das müsse nichts heißen: Für das Kraftwerk von GDF Suez in Wilhelmshaven zum Beispiel habe es nach ersten Anfragen in seiner Behörde mehr als zwei Jahre gedauert, bis sich der Konzern wieder meldete und das Milliarden-Projekt verwirklicht wurde. Heute rauchen die Schornsteine.

Ob der Schornstein der Pizzafabrik jemals raucht, daran bestehen größte Zweifel. Heiße Luft produziert die bislang nur auf dem Papier und als Computergrafik existierende Fabrik dafür reichlich. Und schöne Bilder: Männer in teuren Anzügen, die mit Bürgermeistern und Landräten mit hochgereckten Daumen posieren und signalisieren: Es geht los, hier passiert was. Das macht sich gut in Präsentationsmappen, mit denen man Anlegern überall auf der Welt vorgaukeln kann, wie sehr sich eine Beteiligung an einer Pizzafabrik lohnen würde. Die Gelackmeierten sind am Ende die Menschen in der Region, die auf neue Arbeitsplätze gehofft haben.

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Oliver Braun Agentur Hanz / Redaktion Jever
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