Visbek /Lastrup Am 12. Mai 2011 schickte Gerd Bahlmann, Vorstandsmitglied der Volksbank Visbek, einen Brief nach Schwäbisch Hall. Das Schreiben enthielt eine dringende Empfehlung an die gleichnamige Bausparkasse, einen Verbundpartner der Volksbank: „Unseres Erachtens sollten wir die Angelegenheit möglichst ohne viel Aufsehen in der Öffentlichkeit abwickeln, damit der Verbund keinen Image-Schaden erleidet“, riet Bahlmann den Partnern und warb für ein „gemeinschaftliches“ und „geräuschloses“ Vorgehen.

Doch sein Plan scheiterte. Die „Angelegenheit“, die drei Familien in Existenznöte gebracht hatte, wurde schon bald als Solarhaus-Affäre bekannt – einer der betroffenen Bauherrn, Rainer Stuckenbrok aus Lastrup, hatte in der NWZ  seine Geschichte erzählt.

Was wusste die Bank?

Zwei Jahre später ist die Angelegenheit immer noch nicht „abgewickelt“: Einer Cloppenburger Amtsrichterin drängte sich jetzt der Verdacht auf, dass Bahlmann und sein Visbeker Vorstandskollege Walter Tönnies den redseligen Bauherren aus Rachegelüsten in den Ruin treiben wollen. In einem aktuellen Beschluss des Gerichts wirft sie den beiden Bankern ein „Schädigungsinteresse“ gegenüber ihren Kreditkunden Ina und Rainer Stuckenbrok vor. Die Volksbank wollte sich mit der Zwangsvollstreckung vermutlich „bei den Schuldnern revanchieren“, weil sie eine „negative Berichterstattung“ verursacht hätten, heißt es in dem 29 Seiten langen Papier, das der NWZ  vorliegt.

Und damit nicht genug: Bahlmann und Tönnies müssen sich nun auch fragen lassen, ob sie die Öffentlichkeit belogen haben. Für das Amtsgericht steht nämlich fest, dass die beiden Vorstände „positive Kenntnis“ von den Vorgängen im Bau-Skandal um die Solarhäuser hatten – in der Presse hatten sie hingegen stets beteuert, nichts davon gewusst zu haben.

Es war ein Traum, der zum Albtraum wurde: Rainer Stuckenbrok wollte – wie zwei weitere Bauherren im Emsland – im Jahr 2009 ein Haus bauen, das sich selbst finanzieren kann. Entworfen hatte das Wunderhaus der Hannoveraner Architekt Max Hickel; er wollte es rundum mit geldbringenden Photovoltaikanlagen verkleiden. Umsetzen sollte den Entwurf die ebenfalls in Hannover ansässige Solar AG, die Volksbank Visbek schnürte den Bauherren ein passendes Kreditpaket. Doch die Arbeiten an den drei futuristischen Rundbauten gerieten schnell ins Stocken: Die Solar AG kassierte Baugeld, ohne die vereinbarten Leistungen zu erbringen. Bald meldete die Firma Insolvenz an; die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt seither wegen Verdachts auf Betrug (die NWZ  berichtete).

„Beihilfe zum Betrug“ warf Max Hickel, der Architekt, daraufhin der Volksbank vor: Die Bank sei ihrer Kontrollpflicht nicht nachgekommen, sie habe Warnungen über betrügerische Machenschaften bei der Solar AG ignoriert, sie habe den Betrug durch gefälschte Bautenstandsberichte sogar erst möglich gemacht. Die Staatsanwaltschaft Hannover prüft auch diese Vorwürfe.

Bahlmann und Tönnies wiesen Hickels Vorwürfe zurück. Sie räumten aber ein, dass ein „externer Mitarbeiter“ möglicherweise „Fehler begangen“ habe. Der Mitarbeiter, der im Haus der Volksbank für den Verbundpartner Schwäbisch Hall arbeitete, wurde fristlos entlassen.

„Das kleinste Rad“

Die Banker entwickelten gemeinschaftlich einen Vorschlag, wie man die Häuser der beiden Bauherren im Emsland trotz der aufgetretenen Probleme fertig bauen könne. Ostern 2013 konnten die Familien einziehen.

Gegen den Bauherren Stuckenbrok in Lastrup leitete die Volksbank hingegen die Zwangsvollstreckung ein. Und gegen Architekt Hickel beantragte der Vorstand eine Einstweilige Verfügung, um ihm die Vorwürfe gegen die Volksbank zu verbieten.

Doch ganz so einfach ließ sich die Solarhaus-Affäre nicht aus der Welt schaffen. Zunächst erlaubte das Oberlandesgericht Oldenburg Hickel Aussagen wie „Beihilfe zum Betrug“ als „zulässige Meinungsäußerungen“. Dann stellte das Gericht fest, dass sich die Volksbank Kenntnisse des „externen Mitarbeiters“ zurechnen lassen müsse – er sei vielleicht kein Mitarbeiter im „engen, formal-juristischen Sinn“, zumindest aber ein „Repräsentant“ der Bank.

Etwa zeitgleich klagte der Mitarbeiter vor dem Landgericht Heilbronn gegen seine fristlose Kündigung. Er bezeichnete sich in der Klageschrift als „das kleinste Rad“ im System und empfahl, die „Rolle der Volksbank Visbek“ einer „kritischen Prüfung“ zu unterziehen. Schwäbisch Hall einigte sich daraufhin mit dem Mitarbeiter und zog die fristlose Kündigung zurück. Der Mitarbeiter sieht sich seitdem „voll rehabilitiert“, wie er der NWZ  sagte.

Auf die Heilbronner Akte bezieht sich nun das Amtsgericht Cloppenburg in seinem Beschluss. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der Volksbank-Vorstand „Kenntnis von dem konkreten Verhalten“ des Mitarbeiters hatte und dass dieser „vermutlich zur Abgabe falscher Bautenstandsberichte angehalten wurde“. Fest stehe zudem, dass die Bank „ein gesteigertes Interesse daran hatte, dass ihre eigene Form ihrer Beteiligung an diesen Geschäften nicht weiter geklärt und bekannt wird“.

Den Plan, die Angelegenheit „geräuschlos“ abzuwickeln, habe dann aber das Ehepaar Stuckenbrok vereitelt, so das Gericht weiter.

Die Zwangsvollstreckung gegen Stuckenbrok lasse sich deshalb „damit erklären, dass die Gläubigerin auf diesem Weg beabsichtigt, den Schuldnern einen Schaden zuzufügen, unabhängig davon, ob es zu einer Befriedigung überhaupt kommen kann“. Tatsächlich sei ein Befriedigungsinteresse der Bank sogar ausgeschlossen: Von der geltend gemachten Forderung in Höhe von 200 000 Euro „verbliebe mithin keinerlei Anteil bei der Gläubigerin“. Visbek verwalte die Forderung nämlich nur treuhändisch für die Bausparkasse Schwäbisch Hall, die kein eigenes Interesse zeige, die Forderung geltend zu machen.

Vorstand wehrt sich

Einen in der Zwangsvollstreckungssache beantragten Haftbefehl gegen Ina und Rainer Stuckenbrok zur Abgabe der eidesstattlichen Erklärung über ihre Vermögenswerte lehnte das Amtsgericht deshalb per Beschluss ab. Das Vorgehen der Bank würde in diesem Fall „zu einem ganz untragbaren Ergebnis führen“, meint die Richterin.

Bauherr Stuckenbrok, der zuletzt Privatinsolvenz anmelden wollte, stellt nun wütende Fragen: „Was macht der Aufsichtsrat der Volksbank Visbek? Was macht der Genossenschaftsverband Weser-Ems, den wir informiert haben? Wird das Verhalten der Herren Bahlmann und Tönnies von allen gedeckt?“

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den NWZ-Wirtschafts-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Die Volksbank Visbek hat Beschwerde gegen den Gerichtsbeschluss eingelegt. Auf Nachfrage der NWZ  teilte der Vorstand über Rechtsanwalt Dr. Alexander Wandscher (Oldenburg) mit: Die in der Begründung des Beschlusses genannten Vorwürfe seien allesamt falsch; „wegen des laufenden Rechtsmittelverfahrens werden weitere Details hierzu nicht kommentiert“.


Die Vorgeschichte der Solarhaus-Affäre:   http://bit.ly/13blyof 
Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.