RASTEDE Der Camembert Spitzenklasse war der Stolz der Molkerei Rastede. Von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft wurde er oft mit der Goldmedaille ausgezeichnet. Doch auch Trinkmilch, Schlagsahne oder Deutsche Markenbutter wurden hier einst hergestellt, weiß auch Artur Cordes.

Der heute 83-jährige Rasteder arbeitete seit 1952 als Maschinenschlosser in der Molkerei, kümmerte sich um Dampf- und Packmaschinen und um das Kesselhaus. „Wir hatten genug zu tun, es gab ja allerhand Maschinen“, erzählt er und schlägt ein Fotoalbum auf, das zahlreiche Aufnahmen aus den Betriebsräumen der Molkerei enthält.

An zwei Nachmittagen in der Woche verkaufte er in Oldenburg aber auch Butter und Käse. „Man musste alles machen“, sagt Cordes und seine Frau Inge fügt hinzu: „Er war ein Mann für alle Fälle.“

Gerne arbeiten gegangen

Die 82-Jährige arbeitete damals ebenfalls in der Molkerei. Erst reinigte sie die Büroräume, später, bis zum Ende der 1970er Jahre, übernahm sie eine Stelle in der Käsepackerei. „Das hat Spaß gemacht“, sagt Inge Cordes und versichert: „Ich bin immer gerne zur Arbeit gegangen.“

1885 war die Molkerei am Brink (heute Hinrichs an der Ecke Oldenburger Straße/Raiffeisenstraße) gegründet worden. Vorausgegangen war die Gründung einer Molkereigenossenschaft durch sieben Landwirte am 30. März 1885 in Indorfs Gasthaus in Rastede. So ist es in dem Buch „Die Geschichte der Molkerei Ammerland“ beschrieben. Allein im ersten Betriebsmonat lieferten die mittlerweile zehn Genossen 81 870 Kilogramm Milch an. Von 0,9 Millionen Kilogramm Milch 1885 über 2,4 Millionen Kilogramm 1898 auf rund 6,5 Millionen Kilogramm 1908 entwickelte sich die Summe der pro Jahr angelieferten Milchmenge in Rastede.

1901 zog der Betrieb denn auch in das prächtige Fachwerkgebäude an der Raiffeisenstraße, das ein Jahr zuvor errichtet worden war. Hier bestand die Molkerei bis Ende 1979, nachdem sie bereits am 1. Januar 1977 mit der „igemo“ in Oldenburg fusioniert war, schildert Gemeindearchivarin Margarethe Pauly in ihrem Buch „Die Straßennamen der Gemeinde Rastede“.

Heute befinden sich unter anderem Wohnungen und ein Getränkemarkt in dem Gebäudekomplex, der nach diversen Umbauten und Modernisierungen längst nichts mehr mit dem schmucken Fachwerkbau von 1901 gemein hat. Nur ein Schild „Alte Molkerei“ erinnert noch an die Geschichte des Hauses.

Inge und Artur Cordes leben noch heute in unmittelbarer Nähe der Alten Molkerei – auf einem Grundstück, das einst zu den Flächen der Molkerei gehörte. „Vorher lebten wir in einer von drei Betriebswohnungen im ehemaligen Pferdestall der Molkerei“, erinnert sich Artur Cordes. Er weiß noch, dass die Kinder damals im Sommer auf dem Dach der Molkerei in Zinkwannen badeten.

Von Beginn an eng verbunden waren die Eheleute Cordes mit dem damaligen Betriebsleiter der Molkerei, Bodo Witte. „Das war schon ein väterliches Verhältnis. Wir haben nicht einmal Streit gehabt“, schildert Cordes, der Witte pflegte, als dieser auf dem Sterbebett lag. „Ich habe ihn besucht und ihm Haferflockenbrei gemacht“, weiß Cordes noch ganz genau.

Familiäre Atmosphäre

Dank solch familiärer Atmosphäre im Betrieb ging auch die Arbeit gut von der Hand, auch wenn die Tage oft lang waren, schildert Cordes. „Der normale Arbeitstag ging von 6 bis 17 Uhr. Sonnabends wurde bis mittags gearbeitet und alle 14 Tage auch sonntags“, berichtet er und erklärt: „Das war ganz normal. Nach Feierabend ging es dann in den Garten.“

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Im Sommer häufte sich die Arbeit allerdings oft: „Zur Zeit der Milchschwemme wussten wir gar nicht, wohin damit“, erzählt der 83-Jährige. „Die Milch musste ja verarbeitet werden“, sagt Cordes und seine Frau fügt an: „Dann habe ich ihm oft Mittagessen und Abendbrot gebracht.“

Kurz nachdem Artur Cordes 25-jähriges Firmenjubiläum in Rastede feierte, wechselte er nach Oldenburg zum neuen Molkerei-Standort. Zehn Jahre arbeitete er dort noch. So familiär wie in Rastede gestaltete sich die Arbeit indes nicht mehr, bedauert er.

Frank Jacob Rastede/Wiefelstede / Redaktion Rastede
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