Hude Jeden Morgen um drei Uhr ist für Wilfried Finke die Nacht zu Ende. Macht das Licht an, zieht sich an und geht vor die Tür, die Zeitung holen. Dabei ist er nicht allein: Pudelmischling Bonny und eine Schubkarre kommen die 20 Meter lange Auffahrt auf seinem Hof am Alten Damm (Gemeinde Hude) mit. Die Sache mit der Schubkarre mache schon Sinn, erklärt der 76-Jährige seinem ungläubigen Zuhörer. „Damit hole ich auf einen Schwung die ganzen Zeitungen und Briefe rein.“

Wilfried Finke ist zwar schon lange Rentner, aber immer noch Zusteller für das NWZ -Medienhaus und die Citypost. Nicht irgendeiner, sondern der dienstälteste. Anfang Dezember sind es genau 50 Jahre. Mit 26 Jahren übernahm er den Bezirk von seinem Vorgänger. „Aufstehen kann ich, das macht mir nichts aus“, sagt der gebürtige Streekermoorer, den es 1954 nach Hude verschlagen hat. Gemeinsam mit seiner vor zwei Jahren verstorbenen Lebensgefährtin Eva Varenhorn hat er hier bis 1996 hauptberuflich einen landwirtschaftlichen Hof mit Kühen betrieben.

Ein Leben voller Arbeit und viel frischer Luft hat dem 76-Jährigen offensichtlich gut getan, er wirkt für sein Alter verblüffend fit und dynamisch. 41 NWZ -Leser bekommen montags bis samstags, oft noch bei Dunkelheit, Besuch von Finke. Die zu Hause vorsortierten Briefe sind mal mehr, mal weniger, und landen auf seiner Tour – Am Hartekamp und die Bremer Straße entlang bis vor die Tore Oldenburgs – ebenfalls unschlagbar früh im Postkasten.

Punkt vier Uhr wirft der Zusteller seinen alten Motorroller an, fast wie vor 50 Jahren mit einem kleinen Reisekoffer auf dem Rücksitz. Da drin sind Zeitungen und Briefe vor Wind und Regen geschützt. 1966 war’s noch ein Moped, eine alte Zündapp. Ihre Wege trennten sich, als die Kette immer wieder auseinanderflog. „Zum Glück kam damals ein Mann gerade vom Melken, der hat mir sein Rad für den Rückweg geliehen“, erzählt Finke. Sein Roller hat zwar keine Kette mehr, die kaputt geht, aber im Winter auch seine Tücken. „Am schlimmsten ist es bei Schnee. Die kleinen Räder drehen sofort durch.“ Als in diesem Herbst für kurze Zeit Schnee lag, ist Finke der eigene Roller über den Fuß gerutscht. Seinen Zustellerjob hat er humpelnd weiter erledigt. „In den ersten 40 Jahren war ich nur einmal krank“, sagt er.

Wilfried Finke ist gut versorgt, er hat eine ordentliche Rente und mit seinem Jugendfreund Gerd Wiechmann aus Munderloh (Gemeinde Hatten) jemanden, der sich um ihn kümmert. Dennoch denkt der Zusteller noch lange nicht ans Aufhören. „Im Frühjahr, wenn die Vögel zwitschern, da kannst du richtig Luft holen“, sagt er. Rehe, Hasen, Fasane begegnen ihm das ganze Jahr auf seinen Touren. Auch Hunde, aber die tun ihm nichts. „Die kenne ich ja alle schon als Welpen“, sagt er und lacht.

Und wenn mal wieder richtig Schnee liegt, wie bei der Katastrophe 1978/79, dann will er sich wieder auf seinen alten Deutz-Trecker setzen. Mit dessen 15 PS starkem Ein-Zylinder hat er damals die Zeitung verteilt – und dabei gleich noch die Autos aus den Schneewehen gezogen.

Werner Fademrecht Hatten / Redaktion Wardenburg
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