Kleinensiel Aus 16 Metern Höhe hat Ewald Haubold einen fantastischen Ausblick. Er sieht die Weser, ihre grün schimmernden Ufer und Teile des Geländes des Kernkraftwerks Unterweser (KKU). Hier hat Ewald Haubold 13 Jahre voller Hoffnung, Bangen, neuer Hoffnung und schließlich niederschmetternder Gewissheit erlebt.

An diesem Freitag ist für ihn Schluss. Dann geht Haubold, Jahrgang 1954, in seinen letzten Urlaub vor dem Vorruhestand. Wie es beim Kernkraftwerk weitergeht, ist dagegen unsicher. „Jetzt hofft jeder auf den Rückbau“, sagt Ewald Haubold, „denn der würde viele Arbeitsplätze für weitere zehn oder zwölf Jahre sichern.“

Zwölf Jahre – so lange ist der zugängliche Ostfriese hier faktischer Betriebsratsvorsitzender gewesen. Wie so viele im Kernkraftwerk, stammt er nicht aus der nördlichen Wesermarsch, sondern ist aus einem anderen Kraftwerk hierhiergekommen.

Ewald Haubold ist in Emden geboren und aufgewachsen, hier hat er die ersten 46 Jahre seines Lebens verbracht. Nach der Schule erlernte er den Beruf des Starkstromelektrikers.

Ein Premium-Job

In einem Kraftwerk zu arbeiten, das war schon etwas. Ein Premium-Arbeitsplatz, von dem viele Menschen träumten: gutes Geld, gute Arbeitsbedingungen, ein sicherer Job. Für Ewald Haubold wurde er am 1. Januar 1980 wahr, als er im Emder Kohle- und Gaskraftwerk anfangen durfte. Kaum hatte er dort angeheuert, hielt ihm ein Kollege die Beitrittserklärung für die damalige Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV, heute Verdi) unter die Nase. Zehn Jahre später war Haubold Mitglied des Betriebsrats, 1998 wurde er dessen Vorsitzender.

Wenige Jahre zuvor hatte er für sich und seine Familie ein Haus in Emden gekauft. Am 10. Oktober 2000 kam der Schock: Eon gab die Schließung des Kraftwerkes bekannt. Rund 80 Mitarbeiter hatte das Kohle- und Gaskraftwerk. Haubold musste sie nicht nur trösten, sondern er besorgte ihnen auch neue Arbeitsplätze, indem er die norddeutschen Eon-Kraftwerken abklapperte. So kam er auch selbst nach Kleinensiel. Das war am 1. April 2001.

Dort fing er wieder unten an. Er verkaufte sein Haus in Emden, kaufte sich ein neues in Esenshamm, nach einem Vierteljahr kam seine Familie nach. Bald warb er bei den Schichtarbeitern um Stimmen für die Betriebsratswahl 2002 und bekam die drittmeisten Stimmen. Und als es in der konstituierenden Sitzung um den stellvertretenden Vorsitz ging, gewann er mit 5 zu 4 Stimmen gegen den Amtsinhaber. Jetzt war er von der Arbeit freigestellt.

Faktisch war er bald der eigentliche Vorsitzende des Betriebsrats in Unterweser, weil der Vorsitzende Klaus Dieter Raschke immer öfter unterwegs war: Er saß auch dem Eon-Konzernbetriebsrat und dem Spartenbetriebsrat vor und gehörte drei Aufsichtsräten an.

Mittlerweile hatte die damalige rot/grüne Bundesregierung den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Kleinensiel wäre nach diesen Plänen 2012 mit der Abschaltung dran gewesen. Aber im Kraftwerk hofften viele, dass der Ausstiegsbeschluss unter anderen politischen Vorzeichen rückgängig gemacht wird.

Diese andere Vorzeichen kamen 2009 mit der schwarz-gelben Koalition, und die ersten Kraftwerker stellten sich darauf ein, bis 2019 weitermachen zu dürfen.

„Desaster für uns“

Am 11. März 2011 war Ewald Haubold mit seinem Vorsitzenden Klaus Dieter Raschke in Hannover. Als sie von der Katastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima hörten, wussten sie: „Das ist auch für uns ein Desaster.“

Doch als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Fernsehen verkündete, dass es ein Moratorium gebe und alle Kernkraftwerke auf ihre Sicherheit überprüft würden, schöpften sie neue Hoffnung: Von allen sieben abgeschalteten Kraftwerken hatte ihres die beste Bilanz gehabt. „Aber dann kam die Ethik-Kommission mit ihren Fachleuten aus den Kirchen“, sagt Haubold nicht ohne Sarkasmus. Jetzt ging es wieder nach dem Alter der Anlage, und Kleinensiel, seit 1979 am Netz, war raus.

Jetzt ist das Kraftwerk im Nichtleistungsbetrieb, das heißt, es erzeugt keinen Strom mehr. Das heißt aber nicht, dass keine Arbeitskräfte mehr gebraucht würden. Denn weil Eon vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Ausstiegsbeschluss klagt, muss die Anlage so gehalten werden, dass sie jederzeit wieder angefahren werden kann – zumindest theoretisch, denn praktisch geht es dem Konzern wohl mehr um eine Entschädigung.

Zudem gilt das Atomrecht mit seinen hohen Sicherheitsstandards weiter. „Das schützt uns auch ein wenig“, sagt Ewald Haubold.

Dennoch: Seit 2011 ist das technische Personal von 333 auf jetzt 229 Leute reduziert worden. Ende dieses Jahres sollen es 215 sein, Ende 2016 nur noch 185, haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einem Interessenausgleich vereinbart. Verhandlungsführer auf Betriebsratsseite: Ewald Haubold.

Die Regionaleinheit mit 70 Mitarbeitern wurde auf ein Zehntel reduziert, auch bei den Subunternehmen werden deutlich weniger Leute gebraucht. Die letzten technische Auszubildenden werden in diesem Jahr eingestellt, die letzten kaufmännischen Auszubildenden legen im Juni 2015 ihre Prüfung ab.

„Quälender Faktor“

Einige technische Mitarbeiter sind in Vorruhestand oder Altersteilzeit gegangen, andere zu anderen Eon-Kraftwerken gewechselt, wieder andere zum Netzbetreiber Tennet. Ein knappes Dutzend Kaufleute sind zum neuen Steelwind-Werk nach Nordenham gegangen, das für Offshore-Windkraft produziert. Ewald Haubold stellte den Kontakt über seinen Nachbarn her: den Nordenhamer Wirtschaftsförderer Jürgen B. Mayer. Andere gehen für 24 Monate in die Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft und anschließend für weitere 12 Monate in eine Transfergesellschaft.

Die meisten verbliebenen Kraftwerker hoffen darauf, dass das Kernkraftwerk zurückgebaut wird. Dafür werden Leute gebraucht, für die Alternative – den sicheren Einschluss – nicht. Und weil diese Hoffnung gehegt wird, ist die Stimmung in der Belegschaft noch relativ gut, sagt Ewald Haubold. Seine Betriebsratskollegin Heike Frerichs glaubt dagegen, dass die Mitarbeiter viel verdrängen: „Sie sprechen oft von den alten Zeiten.“ Die Unsicherheit sei „der quälende Faktor“.

„Die Mitarbeiter haben Anspruch auf Klarheit“, sagt auch Ewald Haubold. Diesen Anspruch müsse nicht nur die Konzernleitung einlösen, sondern auch die Politik. Die müsse nämlich die Rahmenbedingungen so gestalten, dass der Rückbau überhaupt stattfinden kann.

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So muss erst am Kernkraftwerk ein Zwischenlager für leicht- und mittelradioaktive Stoffe genehmigt werden, das Abbruchmaterial aufnehmen kann. Und es muss ein Endlager bereitstehen. Dafür ist derzeit der Schacht Konrad bei Salzgitter im Gespräch. Doch gerade ist dessen Genehmigung auf das Jahr 2021 verschoben worden.

Der Abbruch könnte 2018 beginnen, wenn das Kraftwerk brennstofffrei ist. Es war 2010, kurz vor dem Abschalten, noch einmal mit Brennelementen bestückt worden.

Henning Bielefeld Stadland und stv. Leitung Redaktion Nordenham / Redaktion Nordenham
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