Oldenburg Es hätte das erste Zusammentreffen der alten EWE-Spitze nach dem großen Knall im Februar 2017 werden sollen, aber dazu kommt es nicht: Der Hauptdarsteller fehlt, Ex-Vorstandschef Matthias Brückmann ist zu Hause in Baden-Württemberg geblieben.

Warum? Brückmanns Anwalt Dr. Bernd-Wilhelm Schmitz gibt sich bedeckt und murmelt auf Nachfrage nur, es sei ja absehbar gewesen, dass es mehr um so „prozessuale Dinge“ gehen würde. Vermutlich meint er damit Dinge wie den Befangenheitsantrag gegen Richter Alexander Wiebe, den er kurz nach Verhandlungsbeginn zu Protokoll gibt.

Vorstand im Zeugenstand

Schmitz ist der Meinung, dass ein „faires Verfahren“ nicht möglich ist, solange die EWE der Klägerseite nicht alle geforderten Dokumente zur Verfügung gestellt hat. Bei den Dokumenten geht es vor allem um Unterlagen zur Spendenpraxis des Unternehmens seit 2013. Die EWE habe aber bislang nur ein „Best of“ aus 2016 herausgegeben, moniert Schmitz. Und in den Unterlagen, die die EWE herausgerückt habe, seien dann auch noch ganze Passagen geschwärzt beziehungsweise geweißt. Solange keine „prozessuale Waffengleichheit“ hergestellt sei und der Richter „willkürlich“ eine Partei benachteilige, könne nicht mit der Beweisaufnahme zur Spendenpraxis begonnen werden.

Kann es aber wohl: Richter Wiebe nimmt den Antrag zu Protokoll (wenn auch nicht die Begründung zum Antrag, „ich bin nicht Ihre Sekretärin“) – und er ruft den ersten Zeugen zur Beweisaufnahme herein.

Michael Heidkamp, 52 Jahre alt, tritt in den schmucklosen Saal, eine Landgerichts-Nebenstelle: Zweckmöbel, Kabeltrommeln, ein schwarzgelbes Baustellenband warnt vor Stufen, auf der Fensterbank stehen noch Knochenmodelle vom letzten Medizinprozess.

„Beruf?“

„Vorstandsmitglied.“

Fristlose Kündigung nach Spende – Es geht um Geld

Der damalige EWE-Chef Matthias Brückmann hatte im März 2016 auf einer Gala in Kiew der Stiftung der Boxbrüder Klitschko eine Spende in Höhe von 253 000 Euro zugesagt. Damit verstieß er gegen Konzernrichtlinien, stellten später Gutachter fest. Im Februar 2017 erhielt Brückmann nach einer Aufsichtsratssitzung die fristlose Kündigung.

Brückmann reichte Klage ein gegen den Rauswurf. Er fordert die Wiedereinstellung und eine Gehaltsnachzahlung. Brückmanns Anwälte werben schon länger für eine gütliche Einigung, sie fordern rund 3,3 Millionen Euro von der EWE. Das Unternehmen lehnt es aber kategorisch ab, Brückmann Geld zu zahlen.

Ein Dossier mit Hintergründen zur EWE-Krise lesen Sie hier: www.nwzonline.de/abgehoben

Marktvorstand Heidkamp hat eine besondere Rolle in dem Fall Brückmann: Er leistete 2016 die zweite Unterschrift auf der Zahlungsanweisung für die sogenannte Klitschko-Spende in Höhe von 253 000 Euro, die seinem Kollegen Matthias Brückmann im Februar 2017 den Job kosten sollte.

Vor Gericht schildert Heidkamp noch einmal, wie er die Vorgänge 2016 erlebt hat. Demnach habe Brückmann ihm erzählt, dass er Wladimir Klitschko kenne und ihn nach Deutschland holen wolle. Es sei um ein Sponsoring gegangen, als Gegenleistung für die Zahlung der EWE würde Klitschko für Fototermine bereitstehen und sich ins Goldene Buch der Stadt Oldenburg eintragen, kurz: Klitschko sollte Werbung machen für Unternehmen und Region. „Ich bin zu keinem Zeitpunkt davon ausgegangen, dass es sich um eine Spende handelt“, sagt Heidkamp.

Auch nicht, als Brückmann im Oktober 2016 mit einer Zahlungsanweisung zu ihm kam, auf der auf Englisch das Wort „Spende“ stand. Heidkamp erklärt: Brückmann habe ihm gesagt, er habe jetzt alles geregelt, „wir werden das machen wie besprochen“. Zur Zahlungsanweisung selbst sagt Heidkamp nichts weiter, er beruft sich auf sein Auskunftsverweigerungsrecht.

„Warum?“, fragt Anwalt Schmitz.

Er will eine Antwort hören, die er natürlich längst kennt: Gegen Heidkamp läuft ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren wegen seiner Unterschrift unter der Zahlungsweisung, deshalb schweigt er.

Schmitz will auch noch wissen, ob es richtig sei, dass der Vorstandsvertrag von Heidkamp um fünf Jahre verlängert worden sei.

„Ja“, antwortet Heidkamp.

„Enthält der Vertrag eine Auflösungsklausel für den Fall einer strafrechtlichen Verurteilung?“, fragt Schmitz weiter.

„Nein“, sagt Heidkamp. Aber es gebe eine Nebenabrede, sagt er: Im Falle einer Verurteilung könne der Aufsichtsrat eine Auflösung des Vertrags prüfen.

Partei oder Zeuge?

Auftritt Zeuge Nummer 2, Wolfgang Mücher, 58 Jahre alt.

„Beruf?“

„Kaufmännischer Angestellter, Position Vorstand.“

Finanzvorstand Mücher, Ex-Technikvorstand Ines Kolmsee, Ex-Aufsichtsratschef Dr. Stephan-Andreas Kaulvers – Richter Wiebe hört die damalige EWE-Führungsspitze vor allem aus einem Grund: Es will herausfinden, ob sich Brückmanns Vorgehen im Fall Klitschko von der tatsächlichen Spendenpraxis unterschied. Die Antwort der Zeugen (Anwalt Schmitz: „Partei, nicht Zeugen“) ist eindeutig: ja. Einig sind sie sich darin, dass die Klitschko-Spende dem Finanz- und Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats zur Genehmigung hätte vorgelegt werden müssen, weil sie eine Höhe von 50 000 Euro überstieg. Das wurde sie aber nie.

„Von der Spende haben wir erst erfahren durch den anonymen Brief“, sagt Ex-Aufsichtsratschef Kaulvers, 62 Jahre alt, Zeuge Nummer 3, Beruf: „Pensionär“. Der Brief erreichte den Aufsichtsrat laut Kaulvers im Dezember 2016 – wenig später lag er dann auch in den Postkästen verschiedener Medienhäuser.

Ein anonymer Brief

Richter Wiebe forscht nach Fällen, in denen möglicherweise eine Spende auch vor der Genehmigung ausgezahlt oder wenigstens zugesagt wurde. So wie Brückmann die Klitschko-Spende auf einer Gala in Kiew im März 2016 zunächst zugesagt und im Oktober 2016 dann auszahlen lassen hatte. Kaulvers schüttelt den Kopf. „Ich bin stets davon ausgegangen, dass ohne Prüfung des zuständigen Ausschusses keine Spende zugesagt und schon gar nicht ausbezahlt wurde.“

Brückmanns Anwalt Schmitz wiederum schüttelt den Kopf über die „schönen Zeiten“, wie er das später nennen wird. Er fragt: Wenn das alles so klar ist, wenn man nur in die Ausschussprotokolle zu schauen braucht – warum brauchte man dann ein umfangreiches Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG? „Warum bedurfte es bei diesem recht einfach gelagerten Sachverhalt eine wochenlang andauernde KPMG-Untersuchung?“

Ganz einfach, antwortet Kaulvers: weil es in dem ersten anonymen Brief um fünf verschiedene Vorwürfe gegen Herrn Brückmann ging. Die Klitschko-Spende war nur einer davon.

Das will dann Schmitz doch nicht vertiefen.

Angespanntes Verhältnis

Es gibt eine vierte Zeugin, Ines Kolmsee, 48 Jahre alt, Beruf: „Managerin“. Kolmsee, Technikvorstand der EWE von Mai 2015 bis Dezember 2016, ist eigens aus Oberbayern angereist. Ihr Auftritt dauert nur fünf Minuten.

Wann haben Sie das erste Mal von der Klitschko-Spende gehört?, fragt Richter Wiebe.

Kolmsee antwortet: „Im Februar 2017 hat mich ein EWE-Mitarbeiter angerufen und gefragt: Schon in die Zeitung geguckt?“

Das jedenfalls bringt der Sitzungstag ans Licht: Kolmsee war vor ihrem plötzlichen Weggang von der EWE im Vorstand isoliert. „Das Arbeitsverhältnis war unerträglich“, berichtet Zeuge Wolfgang Mücher. Die Beziehung zwischen Vorstandschef Brückmann und Vorstandsmitglied Kolmsee sei extrem angespannt gewesen, „sie war bei vielen Dingen außen vor“.

Nach fünfeinhalb Stunden schließt Richter Wiebe die Verhandlung. Schmitz fordert noch einmal Transparenz, „ich persönlich halte es für unerträglich, dass wir nur Auszüge aus Protokollen sehen, wie es der EWE gefällt.“ Jetzt schüttelt Wiebe den Kopf, er könne leider nichts machen: keine Anträge annehmen, keinen Verkündungstermin anberaumen, nichts – gegen ihn liege ja ein Befangenheitsantrag vor, über den erst entschieden werden müsse. „Es sei denn, Sie ziehen den zurück“, sagt er.

Schmitz schüttelt den Kopf. „Das Verfahren wird lange dauern“, sagt er. Wiebe stimmt ihm zu, „dieses Jahr wird das nichts mehr“.

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Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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