Oldenburg /Groningen Irgendwann waren die Leitz-Ordner weg. Sonst standen immer sieben, acht, neun davon in ihrem Büro, alle prall gefüllt mit Bewerbungen. Jetzt steht dort kein einziger mehr.

„Eine Bewerbung heißt heute im Grunde: Einstellung“, sagt Ursula Geller, 59 Jahre alt, Pflegedirektorin am Evangelischen Krankenhaus (EV) in Oldenburg.

Geller hat kaum eine Wahl, wenn sie Stellen besetzen muss; häufiger als früher muss sie sich auch wieder von neuen Kollegen trennen. Trotzdem ist sie besser dran als viele ihrer Kollegen in anderen Häusern, vor allem im Süden Deutschlands: „Ich habe noch alle Stellen besetzt“, sagt sie. „Aber in der Zukunft wird das ein Problem sein.“

„Das“ – gemeint ist damit der sogenannte Pflegemangel.

Der demografische Wandel in Deutschland rüttelt die Pflegebranche derzeit in doppelter Weise durch: Wenn die Bevölkerung altert, steigt auf der einen Seite die Zahl der Pflegebedürftigen und damit der Bedarf an Pflegekräften. Auf der anderen Seite sinkt die Zahl der vorhandenen Pflegekräfte, es fehlt an Nachwuchs.

Schon jetzt haben nach Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung aus Gütersloh 61 Prozent der Pflegeeinrichtungen Vakanzen, durchschnittlich sind 4,3 Stellen unbesetzt. Tendenz: zunehmend. Das Bundesgesundheitsministerium hält es für möglich, dass bis zum Jahr 2025 rund 200 000 ausgebildete Pflegekräfte fehlen könnten in Deutschland.

Kurz: Frau Geller braucht Leute. Bloß wo soll sie die hernehmen, ohne prall gefüllte Leitz-Ordner?

2000 Pflegestudenten

Sonnenlicht kleckst durch die riesigen Dachfenster in die Hanzehogeschool, Akademie für Pflegekunde. Unter den Fenstern: Gewimmel, Jungeleutegeräusche. 2000 Pflegestudenten gibt es hier in Groningen, mehr als irgendwo sonst in den Niederlanden.

In einem kuscheligen Zimmer mit viel Grün, Orange und noch mehr Kaffee und Keksen („Das ist ein Unterrichtsraum?!“) sitzt Ursula Geller vor einer Leinwand, neben ihr einige Oldenburger Kollegen, vor ihr Alof Huizing, 57 Jahre alt, Dozent der Pflegeschule. Huizing erklärt gerade die Online-Datenbank „Blackboard“. Huizing tippt auf „Noord-Duitsland algemeen“, eine Menüleiste klappt auf: „Klinikum Oldenburg“, „Pius-Hospital“, „Evangelisches Krankenhaus“. Er tippt auf „Evangelisches Krankenhaus“, Fotos ploppen auf, Informationen: 1200 Mitarbeiter, mehr als 400 Betten.

Über „Blackboard“ können sich die Pflegestudenten für Praktika in Oldenburg anmelden. „Gestern war schon wieder alles voll“, sagt Huizing. Oldenburg ist beliebt bei Groninger Pflegestudenten. Auf den grünorangen Sesseln nickt stolz Ernst Neumeister, 52 Jahre alt, im Evangelischen Krankenhaus zuständig für die holländischen Praktikanten: 2004 hat er das Programm mit zwei Pflegestudenten begonnen, heute sind durchgängig 30 in Oldenburg.

Sie kommen, machen ein Praktikum, gehen wieder. Aber würden sie auch einen unbefristeten Arbeitsvertrag unterschreiben, Vollzeit, Schichtdienst, auf Jahre in Deutschland?

Fragen wir sie doch.

„Mein Leben ist hier“

Daniek, 20 Jahre jung, erstes Studienjahr, lächelt höflich. „Ich glaube, das wäre nichts für mich“, sagt sie. „Vor allem wegen der Sprache.“

Margot, 24 Jahre jung, viertes Studienjahr, lächelt ebenfalls höflich. „Nein“, sagt sie, mein Leben ist hier, in Holland.“ Und überhaupt: Ist das in Deutschland nicht so schwierig mit der Hierarchie? Oben stehen die Ärzte, unten die Pfleger? Sie schüttelt den Kopf.

Aber was wäre, wenn sie hier, in ihrem holländischen Leben, keinen Job findet? Margot überlegt einen Moment. „Ja“, sagt sie, „dann würde ich vielleicht auch nach Deutschland gehen.“

Elke ist so nach Deutschland gekommen. Man kann sie in Oldenburg treffen, auf Station 29 im EV: blaue Dienstkleidung, fröhliches Lächeln. Elke Bosma, 27 Jahre, ist eine von vier festangestellten Pflegekräften im EV.

Auch Elke kam zunächst als Praktikantin nach Oldenburg, beendete dann in Groningen ihr Pflegestudium mit einem Bachelor-Abschluss – und kehrte anschließend nach Deutschland zurück. Jetzt arbeitet sie auf der Intensivstation. „In Holland darfst Du das nicht“, erklärt Elke. „In Deutschland kannst Du sofort Vollzeit auf Intensiv arbeiten.“

Es gab aber einen zweiten Grund, warum sie nach Deutschland ging, es war vermutlich der entscheidende. „Ich wollte unbedingt in einem Krankenhaus arbeiten, aber in Holland gab es nur Springerverträge. Das sind Null-Stunden-Verträge: Eine Woche arbeitest Du vielleicht 20 Stunden, die andere Woche vielleicht null Stunden. Null Stunden heißt: null Geld. In Oldenburg habe ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag.“

Verdienst und Arbeitszeiten sind schwer zu vergleichen. Es gibt aber eine Präsentation des EV für holländische Studenten, Ernst Neumeister hat darin Pro-Oldenburg-Argumente aufgelistet. Demnach loben Pflegekräfte aus den Niederlanden vor allem das hier an Oldenburg:

„Der Lebensunterhalt ist günstiger als in den Niederlanden.“

„Wohnraum ist in Deutschland günstiger.“

„Oldenburg ist eine schöne und lebendige Universitätsstadt.“

„Oldenburg liegt in der Nähe von Groningen.“

Wenige hundert Meter von der Hanzehogeschool entfernt steht der Oldenburger Chefarzt Dr. Martin Groß im großen Saal der Baptistengemeinde und hält einen Vortrag für Pflegestudenten, sogar auf Niederländisch; Groß ist mit einer Holländerin verheiratet. Groß, 42 Jahre alt, will den Studenten fachliche Gründe liefern, die für Oldenburg sprechen: Er leitet die Neurologische Frührehabilitation im EV; dort werden Patienten mit schwersten Schädel-Hirn-Verletzungen behandelt. Eine solche Abteilung kennen die Studenten noch nicht, Oldenburg könnte ihnen also eine neue Herausforderung bieten.

Es gibt Applaus, dann steht Melvin auf, 23 Jahre jung, viertes Studienjahr. „Stimmt das, was man über die Hierarchie sagt in deutschen Krankenhäusern?“

Martin Groß lächelt, er kennt diese Frage. „Bei uns auf Station gibt es so was nicht“, sagt er.

Wer mit niederländischen Pflegekräften spricht, hört das Argument immer wieder: In den Niederlanden arbeiten Pfleger und Ärzte auf Augenhöhe, in Deutschland geben die Ärzte den Ton an. Unterstreicht nicht auch der Personalschlüssel die unterschiedliche Wertschätzung und Bedeutung der Pflege? In den Niederlanden liegt er der internationalen RN4Cast-Studie zufolge bei 1 (Pfleger) zu 5 (Patienten), in Deutschland liegt er bei 1:10.

Es sind nur ein paar Schritte von der Pflege-Akademie zum UMCG, zum Universitair Medisch Centrum Groningen: 12.000 Mitarbeiter, mehr als 1300 Betten.

In einem kleinen Konferenzraum (es gibt Kaffee und Honigkuchen) berichten Juliane und Laura, beide 21 Jahre alt, Pflegeschülerinnen aus Oldenburg, von ihrem Praktikum am UMCG.

„Wir sind hier viel, viel mehr Leute als bei uns“, sagt Laura.

„Es gibt kaum Hierarchien“, sagt Juliane, „alle duzen sich.“

„Zorg“ heißt Pflege auf Holländisch: Sorge. Laura und Juliane stellen den 60-Fragen-Aufnahmebogen vor, den die Pfleger mit jedem Patienten sorgsam durchgehen. „Hier kennst Du den Patienten wirklich“, sagt Juliane.

Laura sagt: „Unser Fazit zur Pflege in den Niederlanden lautet: Top!“

Niederländische Pflegerkräfte sollen in Deutschland arbeiten? Offenbar gäbe es umgekehrt gute Argumente für deutsche Pflegekräfte, in den Niederlanden zu arbeiten.

Allerdings sind wegen der Unterschiede in der Ausbildung für deutsche Pfleger die Möglichkeiten, in niederländischen Kliniken zu arbeiten, eingeschränkt. Niederländische Abschlüsse werden hingegen in Deutschland „in der Regel pauschal und auflagenfrei“ anerkannt, wie das zuständige Landesamt für Soziales, Jugend und Familie (LS) in Lüneburg mitteilt. (Was, laut LS, „nicht länger als drei Monate“ und laut EV „viel zu lange“ dauert.)

Weitere Sätze aus Neumeisters Präsentation:

„In Deutschland ist die Jobsicherheit in der Pflege höher.“

„Es gibt einen unbefristeten Arbeitsvertrag.“

Bürokratie als Problem

Ursula Geller, die Pflegedirektorin, sagt: Heute müssen sich Pflegekräfte ständig weiterbilden, „die Spezialisierung ist sehr groß“.

Aber was passiert, wenn sich holländischen Pflegekräfte in Deutschland weiterbilden?

Elke zum Beispiel will unbedingt die Fachweiterbildung zur Intensivpflegerin machen. Das kann sie auch, bloß: Die deutsche Weiterbildung wird in den Niederlanden nicht anerkannt. „Irgendwann will ich ja vielleicht zurückgehen“, sagt sie. Elke wird deshalb Oldenburg bald wieder verlassen: Sie geht in die Schweiz, um sich dort weiterzubilden. Die Schweizer Ausbildung wird auch in ihrer Heimat anerkannt.

„Schade“, sagt Elke, „ich wäre gern in Oldenburg geblieben.“

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Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung hat bislang nur ein Sechstel der Pflegeeinrichtungen versucht, Personal im Ausland zu rekrutieren. Die es versucht haben, klagen zu 83 Prozent über „bürokratische Hemmnisse“.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass im Büro von Ursula Geller bald wieder Leitz-Ordner stehen, prall gefüllt mit Bewerbungen aus Groningen. Die Oldenburger in Groningen wissen, ihr stärkstes und womöglich einziges Werbe-Argument ist das hier: Du findest in Holland keinen Job in der Klinik? Dann komm’ zu uns – wir haben Jobs!

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Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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