Horsten /Neustadtgödens /berlin Der jüdische Landwirt Robert de Taube (1896-1982) aus Horsten (Grenze zu Friesland) zählte zu den vielen Juden in Deutschland, die 1940 in größere Städte zwangsumgesiedelt wurden. Er wählte als Wohnsitz Berlin, wo er seine Militärzeit verbracht hatte. Die Zwangsumsiedlung der Juden aus dem Weser-Ems-Gebiet war eine Vorstufe der schon geplanten Deportation der Juden und ihrer Vernichtung. Anders als viele seiner Leidensgenossen gelang es de Taube, der Deportation in ein Vernichtungslager zu entgehen. Er tauchte ab in den Untergrund und überlebte die Shoah.

Viele Jahrzehnte später gab Robert de Taube einem Neffen ein Interview. Er erzählte aus seinem Leben und wie er die Zeit der Verfolgung überstanden hatte. Aus diesen 1971 angefertigten Tonbandprotokollen fertigte der Neffe ein Typoskript, das jetzt dank der Bemühungen des Wilhelmshavener Historikers Hartmut Peters als Buch erschienen ist (Fuego-Verlag, Bremen).

De Taube überlebte im Untergrund. Die erste Deportationswelle überstand er in einem katholischen Krankenhaus, wo er sich wegen eines Rückenleidens hatte einweisen lassen. Anschließend leistete er Zwangsarbeit in einer Fabrik. Nach einer Warnung und der Deportation seines Bruders Ernst tauchte er im März 1943 ab. Er arbeitete unter fremdem Namen, als „Landschaftsgärtner August Schneider“ ohne Papiere und ohne Lebensmittelkarten zwei Jahre mit falscher Identität im Großraum Berlin. Er handelte mit Gemüse und Kleidungsstücken, arbeitete als Gärtner und Hausmeister. Nach Kriegsende kehrte de Taube nach Horsten zurück, wo er einen der bedeutendsten Höfe der Region bewirtschaftet hatte. Den Hof hatte Vater Samuel de Taube nach der Po­gromnacht 1938 an die Hannoversche Siedlungsgesellschaft zwangsverkaufen müssen. Pächter waren seine Söhne Ernst und Robert de Taube gewesen. Ernst hatte den Holocaust nicht überlebt. Es dauerte jedoch Jahre, bis Robert de Taube sein Erbe und Eigentum wieder in Besitz nehmen konnte. Robert de Taube starb 1982. Er hatte den Hof Horster Grashaus bis 1973 bewirtschaftet.

Heute erinnert eine Tafel an dem Hofgebäude an de Taube und die Juden, die dort in der Pogromnacht 1938 gedemütigt und vertrieben wurden. Es waren etliche junge Juden unter den Bewohnern, die auf dem Hof eine landwirtschaftliche Ausbildung erhielten, Voraussetzung für ihre Emigration nach Palästina. Das Zeugnis, das Robert de Taube 1973 ablegte, ist ein wichtiges Dokument. Es erläutert die Lebensbedingungen einer jüdischen Familie in der Provinz, schildert die Drangsalierungen der Nationalsozialisten im Alltag wie in der Exzessnacht vom 9. auf den 10. November. Herausgeber Hartmut Peters ordnet die Schilderungen, wo es Not tut, in einen historischen Kontext ein, der es den Nachgeborenen erleichtert, die Leidensgeschichte der Familie de Taube besser zu verstehen. Abbildungen und einige Grafiken machen es zu einem äußerst nützlichen Werk. Erwähnt werden muss noch, dass Robert de Taube sehr anschaulich erzählt. Man kann die Schilderung wie einen Roman lesen, so spannend ist die Zeit als Untergetauchter für den Leser – wobei sie für den Erzähler eine Zeit der ständigen Bedrohung war.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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