EVERSTEN Es sind die kleinen Dinge, die das Leben für Katharina Sauer lebenswert machen. Der kleine Junge aus der benachbarten Grundschule etwa, der in ihrem Laden an der Hauptstraße eine Tüte Süßigkeiten für einen Euro kaufen möchte, auf dem Tresen das Sparschwein für das Tierheim entdeckt, auf Süßigkeiten im Wert von 50 Cent verzichtet und das eingesparte Geld in das Schwein steckt. Oder der ältere alleinstehende Herr, der ins Krankenhaus muss und Trost und seelischen Beistand bei der 58-Jährigen sucht.

Seit 27 Jahren verkauft Katharina Sauer Tabakwaren, Zeitschriften und Süßigkeiten in der Lotto-Annahmestelle. „Es ist schön zu sehen, wie die Leute sich freuen, wenn sie ihre Gewinne abholen“, erzählt sie. Überhaupt liegt ihr das Wohl anderer Menschen sehr am Herzen. Ob Tierheim, Tierschutzverein oder den ehemals notleidenden VfB Oldenburg, für den sie Eintrittskarten verkauft – „Hauptsache den anderen geht es gut, ich helfe, wo ich helfen kann“, sagt sie.

Vor dem Geschäft steht ein mit Wasser gefüllter Napf für die Hunde, deren Frauchen und Herrchen bei ihr einkaufen. Viele Kunden bringen ausgelesene Bücher vorbei, die gegen eine Spende für den Tierschutzverein weitergegeben werden. Auch eine ältere Dame gehört zu den Buchlieferanten. Sie hat den Korb ihres Rollators bis zum Rand mit Büchern gefüllt und sich auf den für sie beschwerlichen Weg in den Laden gemacht. Das Geschäft ist ein echter Treffpunkt an der Hauptstraße. Viele Kunden kennen sich, reden miteinander oder sprechen mit der Ladeninhaberin. „Aber eines ist klar, hier herrscht absolute Vertraulichkeit“, verspricht Katharina Sauer.

Einen längeren Urlaub gibt es in ihrem Leben nicht. „Um 6.30 Uhr räume ich die Zeitungen und Zeitschriften in die Ständer, um 7 Uhr schließe ich auf und um 18.30 Uhr wieder ab“, beschreibt Katharina Sauer ihren Arbeitsalltag. Das Essen wird ihr mittags von benachbarten Kollegen gebracht, aus der gegenüberliegenden Gaststätte, vom benachbarten Fleischer oder vom Pizzaladen. Pause gibt es für die 58-Jährige nicht. Sauer: „Wir sind hier an der Hauptstraße wie eine große Familie. Wir passen gut aufeinander auf.“

Die Sonntage nutzt sie für kleine Ausflüge in die Umgebung, nach Borkum oder nach Wangerooge, davon zehrt sie lange. Erst vor zwei Jahren hat sie jemanden gefunden, der auch mal vier Tage am Stück auf das Geschäft aufpassen kann. „Im ersten Urlaub bin ich nach Rügen gefahren, den zweiten musste ich krankheitsbedingt absagen“, erinnert sie sich.

Ihren vor zwei Jahren verstorbenen Hund „Thämmi“, der hinter dem Ladentresen ein treuer Begleiter war, vermisst sie sehr. „Gassigeher“ Erich aus Osternburg, der den Hund jahrelang tagsüber ausgeführt hat, ist ihr dennoch treu geblieben, auch wenn der Anlass seiner Besuche, der Hund, leider verstorben ist.

„Und ein anderer Kunde hat mir seinen Münsterländer als Leihhund angeboten“, freut sich Sauer über die persönliche Anteilnahme ihrer Kunden. „Am Wochenende leihe ich mir ,Bella’ regelmäßig aus.“ Das freut alle, den Hundebesitzer und dessen Familie, die mal etwas ohne den Vierbeiner unternehmen kann, und Katharina Sauer, die sich als ausgesprochen tierlieb beschreibt. Und auch der Hund empfängt sie schwanzwedelnd an der Tür, wenn sie ihn abholt.

Vor 27 Jahren ist sie angesprochen worden, ob sie Schüttes Geschäft nicht übernehmen wolle, erinnert sich die gelernte Herrenschneiderin zurück. Da waren ihre beiden Töchter noch klein. Wenn die Kinder krank waren oder in den Ferien betreut werden mussten, nahm sie sie mit ins Geschäft: „Vorne riefen die Kunden, hinten die Kinder – das war manchmal ganz schön stressig.“

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Wann sie aufhören möchte? Sauer: „Das weiß ich nicht, solange ich gesund bleibe, wird gearbeitet.“ Ob sie etwas vermisst? „Nein, der Laden ist mein Leben.“ Welchen Wunschtraum sie hat? „Einen Landwirt kennenlernen und den Rest meiner Tage auf dem Bauernhof verbringen.“

Nicht nur der Junge aus der Grundschule oder der ältere Herr mit seinen Gesundheitsproblemen würden Katharina Sauer vermissen.

Thomas Husmann Redakteur / Redaktion Oldenburg
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