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Lohne Als es los ging, war er noch bei der Arbeit, die Polizei war ja da. Später erzählten ihm alle, was passiert war, abends um acht: Zuerst hatten die Nachrichten Ben Ali gezeigt, den Diktator von Tunesien. Dann kam Karl Tepe, der Futterpanscher von Damme.

„In dieser Nacht“, sagt Karl Tepe, „habe ich nicht geschlafen.“

Das hier ist Karl Tepe: geboren 1964 in Lastrup (Landkreis Cloppenburg), wohnhaft in Lohne (Landkreis Vechta), ein großer Mann, kräftig, laute Stimme, durchaus erfolgreich, zumindest bis zu diesem Abend im Januar 2011. Nach Landwirtschaftslehre und Studium der Agrarökonomie hatte er sich in der Futtermittelbranche einen Ruf als Sanierer und Rationalisierer gemacht. So kam er 2005 zur Landwirtschaftlichen Bezugsgenossenschaft Damme (LBD): als einer von zwei hauptamtlichen Geschäftsführern, Firmenwagen, sechsstelliges Jahreseinkommen.

Fristlos entlassen

Dann kamen die Nachrichten: Betriebsdurchsuchung in Damme, die LBD soll den Behörden im Dioxin-Skandal „absichtlich Lieferlisten verheimlicht“ haben, hieß es im Fernsehen. Hunderte Bauernhöfe mussten gesperrt werden, Karl Tepe sah sich auf allen Kanälen, mal mit Foto, mal ohne. „Datenschutz galt für mich nicht“, sagt er. In Lohne, wo es 10 000 Haushalte gibt, zeigten die Leute mit dem Finger auf ihn. Sie tuschelten: Das ist Karl Tepe, er ist schuld am Dioxin-Skandal.

„Ich konnte nirgendwo mehr hingehen“, sagt Tepe.

Bald konnte er nicht einmal mehr zur Arbeit gehen. Die LBD teilte ihm mit: Karl, Du wirst gehen müssen.

Die LBD lud zur Generalversammlung ein. 400 Genossen pfiffen, sie buhten Tepe aus. „Können Sie sich vorstellen, wie das ist?“, fragt Tepe. Ein Kollege habe ihm den Notausgang gezeigt, „falls Dir jemand an den Kragen will“.

Besuch beim Laves: Ilse Aigner in Oldenburg BILD: archiv

Der Dioxin-Skandal – Fettpanscher wurden nie belangt

Im Dezember 2010 war bekannt geworden, dass das Chemieunternehmen Harles & Jentzsch in Schleswig-Holstein Futterfett mit dioxinhaltigem Industriefett gepanscht hatte. Anfang Januar mussten deshalb 1000 Bauernhöfe gesperrt werden.

Auch die LBD war Kunde von Harles & Jentzsch. Jetzt ging es um die Frage: War auch in Damme belastetes Tierfutter produziert und verkauft worden? Die Kontrollbehörde Laves forderten die LBD auf, Lieferlisten zu erstellen. Ob diese Listen rechtzeitig und vollständig erstellt worden sind – darum geht es im Vechtaer Dioxin-Prozess.

Der Dioxin-Skandal setzte in Berlin auch Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) unter Druck; die Opposition warf ihr Untätigkeit vor. Am 14. Januar 2011 besuchte Aigner mit Journalisten das Laves in Oldenburg und verkündete: „Ich habe meine Arbeit gemacht.“ Sie wusste nicht, dass es bereits eine Liste mit 943 weiteren zu sperrenden Höfen gab – die Liste mit den LBD-Kunden

Am 15. Januar 2011 bauten sich Kamerateams vor der LBD-Zentrale auf. Vor den Augen der Presse durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft bis in die Nacht hinein den Betrieb. Abends giftete Aigner in der „Tagesschau“: „Für mich ist das ein Skandal im Skandal! Dass die Landesbehörden diesem Lieferanten erst nach mehr als zwei Wochen auf die Spur kommen, ist das Eine – dass mir diese Information bei meinem Besuch vor Ort verschwiegen wurde, ist das Andere!“ Sie forderte Konsequenzen von der Landesregierung.

Am 10. April 2013 begann der Prozess gegen die LBD-Geschäftsführer Karl Tepe und Bernard B.. Tepes Verteidiger, Dr. Frank Roeser, erklärte vor Gericht: Es handle sich um ein „politisch motiviertes Verfahren“, sein Mandant sei ein „Bauernopfer“. Die Fettpanscher von Harles & Jentzsch konnten juristisch nie belangt werden.

Tepe wurde fristlos entlassen, ebenso wie der zweite Geschäftsführer, Bernard B.

Karl Tepe hatte jetzt kein Einkommen mehr. Es dauerte drei Monate, bis das Arbeitsamt erstmals zahlte. Später klagte er gegen die fristlose Kündigung, er verlor.

Er bewarb sich bei anderen Firmen, erfolglos. „Die riefen nicht einmal zurück“, sagt er. Ein Personalvermittler sagte zu ihm: Herr Tepe, Geschäftsführer werden Sie nie wieder. „Ich befand mich im freien Fall“, sagt Karl Tepe. Er fragte sich: Muss ich auswandern?

Nach sechs Monaten dann die Überraschung: Eine Mehlmühle, eine Autostunde von Lohne entfernt, stellte ihn ein. Nicht als Geschäftsführer, als einfachen Mitarbeiter mit einfacher Bezahlung. Tepe fuhr nun morgens um 7 Uhr aus dem Haus, abends gegen 8 Uhr kam er zurück. Er paukte sich ein in den neuen Job, warb um Vertrauen. „Ich bin froh, dass ich den Job habe“, sagt er.

Ende 2012 bekam er plötzlich Post. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg hatte Anklage gegen ihn und Bernard B. erhoben. Der Vorwurf: Tepe und B. hätten gegen Futtermittelrecht verstoßen. Sie sollen den Legehennenbetrieb Josef R. nicht rechtzeitig über das belastete Futter informiert haben, sie sollen das Futter nicht wie vorgeschrieben unverzüglich zurückgerufen haben, sie sollen ganz im Gegenteil eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für das Futter ausgestellt haben und so über den Legehennenbetrieb Josef R. belastete Lebensmittel, nämlich Eier, in den Verkehr gebracht haben.

Das Amtsgericht Vechta setzte zwei Verhandlungstage an, im April 2013 begann der bundesweite erste Dioxin-Prozess. Wieder zeigten die Nachrichten: Karl Tepe.

Es wurden 21 Tage. Am 21. Sitzungstag, nach neun Monaten, platzte der Prozess, das Gericht gab dem 16. Befangenheitsantrag der Verteidigung gegen die Richterin statt. „Können Sie sich vorstellen, wie das ist?“, fragt Tepe wieder, seine Stimme ist laut geworden: „21 Tage vor einer befangenen Richterin?“

Tepe hatte seinen Jahresurlaub im Gerichtssaal verbracht; zwei weitere Urlaubstage brauchte er für Beerdigungen im Familienkreis. „Es ist über zwei Jahre her, dass ich mehr als zwei zusammenhängende Werktage frei hatte“, sagt er. Seinen 49. Geburtstag feierte er im Vechtaer Amtsgericht, Saal 121.

„Es ist, als würde man gegen Watte kämpfen“, sagt Tepe. Mehrfach verlor er vor Gericht die Beherrschung, er schrie die Richterin an.

Die Nachrichten. Der Rauswurf. Pfiffe und Buhrufe. Der Prozess. Was macht das mit einem Menschen? Tepe sagt: Ich fühle sich ohnmächtig. Wütend. Pessimistisch. Kraftlos. Er leide unter Verspannungen. Und: Er kenne nur noch ein Thema.

Die anderen Leute auch. Neulich war in Lohne Schützenfest, die Leute fragten ihn: Karl, was macht der Prozess? Bei Geschäftsessen, beim Doppelkopf mit Freunden, im Restaurant: Alle sprachen über den Dioxin-Skandal.

Hält das eine Ehe aus? Die der Tepes nicht. Die Familie lebt jetzt getrennt.

Im dritten Anlauf

Nachdem in Vechta der Prozess geplatzt war, erklärte sich eine zweite Richterin vorsorglich selbst für befangen. Jetzt muss ein dritter Kollege das Verfahren neu aufrollen.

Mit Blick auf die Belastung durch die lange Verfahrensdauer hat die Staatsanwaltschaft angeboten, das Verfahren gegen Karl Tepe gegen Geldauflage einzustellen. Tepe lehnt das ab. „Wenn ich das akzeptiere, akzeptiere ich in gewisser Weise eine Schuld“, sagt er. Außerdem: Mache er damit nicht den Weg frei für zivilrechtliche Forderungen gegen ihn? „Ich brauche den Freispruch“, sagt er.

Wird er ihn bekommen? Nachts, wenn er nicht schlafen könne, frage er sich, wann er sich hätte anders verhalten können, sagt Tepe. „Ich finde keine Antwort.“

Im Oktober geht es wieder los in Vechta, Saal 121. Zehn Verhandlungstage sind angesetzt, bis in den Februar hinein. Die Nacht, in der das alte Leben des Karl Tepe endete, liegt dann mehr als vier Jahre zurück.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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