Oldenburg EWE-Chef Matthias Brückmann gilt als Mann, der viele Freunde hat. Auch prominente Freunde. Freunde wie Wladimir Klitschko, Box-Weltmeister und international bekannte Werbe-Ikone.

Entsprechend groß war die Freude, als Brückmann im vergangenen Jahr ankündigte, dass eben dieser Klitschko noch 2016 nach Oldenburg kommen würde, um ein bisschen Glanz auf die Stadt und natürlich vor allem auf die EWE zu werfen.

Allerdings war der Oldenburg-Besuch offenbar an eine Gegenleistung geknüpft: Brückmann hatte dem Boxer versprochen, 253 000 Euro an die Klitschko-Stiftung in Kiew zu spenden. Ende 2016 ließ der EWE-Chef das Geld in die Ukraine überweisen – obwohl es mit dem Klitschko-Besuch bislang nicht geklappt hatte.

Das Problem ist aber nicht nur der fehlende Klitschko (Spenden sollten eigentlich gar nicht an Gegenleistungen geknüpft sein). Das Hauptproblem ist, dass Brückmann eine solche Spende vermutlich gar nicht hätte zusagen oder gar auszahlen dürfen. Denn der EWE-Chef selbst hatte maßgeblich die neuen Unternehmens-Regeln für Sponsoring und Spenden mit vorangetrieben. Und demnach gilt seit dem 1. Januar 2016 für den Vorstandschef, dass er nur noch über Spenden von höchstens 50 000 Euro allein entscheiden darf.

Stiftung Unterstützt Kinder in Ukraine

Die Klitschko-Foundation ist eine 2003 von Vitali und Wladimir Klitschko gegründete Stiftung mit Sitz im ukrainischen Kiew. Die Einrichtung hat sich zum Ziel gesetzt, benachteiligte Kinder in der Ukraine insbesondere in den Bereichen Sport und Bildung zu unterstützen.

Wladimir Klitschko (40) galt über viele Jahre bis zu seiner Niederlage gegen Tyson Fury im November 2015 als bester Schwergewichtsboxer der Welt und hielt mehrere Weltmeistergürtel. Von seinen bislang 68 Profikämpfen gewann er 64.

„Ich stehe für einen Kulturwechsel“, hatte Brückmann im Frühjahr 2016 in einem Interview mit der NWZ  erklärt: „Spenden dürfen einfach nicht nach dem Gutdünken von Einzelpersonen vergeben werden, sondern jeder Cent muss der Satzung entsprechen.“

Einem anonymen Brief zufolge soll Brückmann von Mitarbeitern darauf hingewiesen worden sein, dass die Zahlung an die Klitschko-Stiftung den neuen Regeln widerspreche. Daraufhin soll Brückmann „Mitarbeiter massiv unter Druck“ gesetzt und „die Gremien der EWE bewusst getäuscht“ haben. Mit „Gremien“ ist der EWE-Aufsichtsrat gemeint, der regelmäßig einen Spendenbericht erhält.

Ob an diesen Vorwürfen etwas dran ist, soll nun die externe Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG klären. Das Präsidium des EWE-Kontrollgremiums hat KPMG mit der Untersuchung beauftragt, nachdem die entsprechenden Vorwürfe an den Aufsichtsrat herangetragen worden waren – ebenfalls anonym.

„Wir wollen Klarheit, ob es Verfehlungen gegeben hat“, sagte Aufsichtsratschef Stephan-Andreas Kaulvers der NWZ . Inhaltlich wollte sich der EWE-Aufsichtsratsvorsitzende noch nicht zu den im Raum stehenden Vorwürfen äußern. Er sagte aber, dass es ihm „übel aufstößt“, dass der Aufsichtsrat nur wenige Monate nach der Vereinbarung der neuen Unternehmensregeln schon eine externe Untersuchung wegen möglicher Verfehlungen einleiten musste.

Übel aufgestoßen ist unterdessen anderen EWE-Aufsichtsratsmitgliedern, dass sie von den aktuellen Vorgängen aus der Presse erfahren mussten. „Extrem unglücklich“ und „befremdlich“ nennt Peter Meiwald, Bundestagsabgeordneter für die Grünen, „dass das Präsidium eine solche Entscheidung trifft, ohne den Aufsichtsrat zu informieren“. Verwundert zeigte sich auch Meiwalds Aufsichtsratskollege Jürgen Krogmann (SPD), Oberbürgermeister der Stadt Oldenburg, der ankündigte, „einige Fragen“ zu haben, allen voran zu den Compliance-Regeln“. Die werde er allerdings „dort stellen, wo sie hingehören: im Aufsichtsrat“.

Fest steht, dass bei der EWE klare Regeln zu Spenden und Sponsoring-Zuwendungen gelten, sogenannte Compliance-Regeln. Im „Verhaltenskodex“ des Unternehmens heißt es, dass Spenden „stets transparent“ zu erfolgen hätten. „Das heißt, dass der Empfänger und die Verwendung der Zuwendung bekannt, geprüft und dokumentiert sind.“ Der Verhaltenskodex sieht weiter vor, dass Sponsoring nur auf Grundlage eines schriftlichen Vertrags erfolgen dürfe, in dem die Gegenleistung des Empfängers klar definiert sei. Und weiter: „Die Gegenleistung muss in einem angemessenen Verhältnis zur Sponsoring-Zuwendung stehen.“

Ebenfalls fest steht, dass Brückmann, seit Oktober 2015 im Amt, nicht nur Freunde hat – sondern auch eine stattliche Zahl an Gegnern. Mitarbeiter berichten, dass der 54-Jährige mitunter „bollerig“ sei im Umgang und „hemdsärmelig“; in anonymen Schreiben ist sogar von „Zusammenbrüllen“ von Untergebenen die Rede.

Vor allem aber ist Brückmann als Reformer angetreten: Die EWE sucht nach neuen Geschäftsfeldern und befindet sich in einem sogenannten Change-Prozess. Die damit verbundenen Veränderungen kommen nicht überall gut an. Auch aus dem Aufsichtsrat ist zu hören: „Er ist natürlich vielen Leuten auf die Zehen getreten.“

Brückmann selbst will sich vorerst nicht zu den Vorwürfen öffentlich äußern. Er warte zunächst die Untersuchungen von KPMG ab, teilte ein Sprecher auf Nachfrage der NWZ  mit.

Die Ergebnisse sollen in den nächsten Tagen vorliegen und bereits am 7. Februar Thema einer Sitzung von Aufsichtsratsvertretern sein. Kaulvers sagte der NWZ , er wolle den Ergebnissen nicht vorgreifen, aber man werde gegebenenfalls Konsequenzen ziehen. Welche das sein könnten, wollte er nicht sagen.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
Jörg Schürmeyer Redakteur / Wirtschaftsredaktion
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