LASTRUP Am liebsten würde er sich in einem dunklen Raum einschließen, sagt er: „Ich möchte nichts mehr sehen, nichts mehr hören und vor allem nicht mehr sprechen über die Sache.“

Aber das geht ja nicht, und deshalb sitzt Rainer Stuckenbrok jetzt in einem sehr hellen Raum, es ist das Wohnzimmer eines futuristischen Rundbaus in Lastrup (Landkreis Cloppenburg), große Bullaugenfenster werfen Lichtflecken auf den Laminatfußboden. Der 52-Jährige sagt über die Sache: „Ich war naiv, ich habe mich reinlegen lassen.“

Bauruinen im Emsland

Im Mai 2009 hatten der Versicherungsvertreter und zwei Bauherren aus dem Emsland mit der Solar AG aus Hannover Bauverträge über drei Passivsolarhäuser geschlossen, 360 000 Euro sollte Stuckenbrok für sein Haus bezahlen. Das Haus, entworfen vom Hannoveraner Architekten Max Hickel, sollte ein ganz besonderes Haus werden: Laut Werbung würde es das erste Haus sein, das sich selbst finanziert, weil sich mit dem Haus Geld verdienen lässt. Der Trick: Das Hickel-Haus sollte rundum mit Photovoltaikanlagen verkleidet werden. Stuckenbrok nannte sein Haus „mein Ufo“.

Aber das Ufo ist nie gelandet. Im Dezember 2009 sollte das Haus fertig sein, eineinhalb Jahre später steht es immer noch nackt in der Siedlung: Die Photovoltaikanlagen wurden nie montiert, ein mausgrauer Silikonanstrich schützt stattdessen die Wände vor Feuchtigkeit, aus den Mauern ragen Kabel, Stuckenbrok hat Türen und Fenster weit aufgerissen, denn nicht einmal die Belüftungsanlage wurde installiert.

Noch schlimmer sieht es im Emsland aus: Die Häuser der anderen Bauherren sind feuchte Bauruinen, sie haben laut Gutachten des Architekten Hickel nicht einmal den Rohbauzustand erreicht.

Gegen die Solar AG, die inzwischen Insolvenz angemeldet hat, liegt bei der Staatsanwaltschaft Hannover nun Strafanzeige wegen Betrugs vor: Die Firma soll Baugeld kassiert haben, ohne dafür die vertraglich vereinbarten Leistungen zu bringen. Arbeiten seien gar nicht ausgeführt, unsachgemäß ausgeführt oder nicht bezahlt worden.

Der finanzielle Schaden ist gewaltig. Metallbauer Josef Lampe aus Lindern (Landkreis Cloppenburg) berichtet, dass ihm eine 60 000-Euro-Rechnung für den Fenstereinbau in Neulehe nie bezahlt wurde. „Das war der Hauptgrund, warum ich Insolvenz anmelden musste“, erzählt der Handwerker.

Rainer Stuckenbroks Schulden sind seit Mai 2009 auf mehr als 560 000 Euro angewachsen. Zuletzt hatte er sich 80 000 Euro von Freunden geliehen, um seinen Ufo-Rohbau notdürftig bewohnbar zu machen. Er ließ einen Fußboden verlegen, ein Bad einbauen, Abdichtungsarbeiten vornehmen. „Sonst wäre ich obdachlos“, sagt er bitter.

Er steht in seinem kahlen Haus und sagt: „So weit hätte es nie kommen dürfen.“ Dann stellt er eine Frage: „Wäre es nicht Aufgabe der Bank gewesen, die Notbremse zu ziehen?“

Im Oldenburger Dobbenviertel sitzt Stuckenbroks Anwalt Dr. Joachim Meier zu Uphausen in seinem Büro. Vor ihm liegt der Ausdruck einer Internetseite, er zeigt die Homepage der Volksbank Visbek. Oben steht das Motto der Bank: „Wir machen den Weg frei.“ Meier zu Uphausen sagt: „Möglicherweise hat die Bank hier den Weg frei gemacht für einen Betrug.“ Die Vorstände der Volksbank, Gerd Bahlmann und Walter Tönnies, weisen den Vorwurf von sich.

Wer den Firmennamen Solar AG und den Namen des Vorstands Andreas W. googelt, findet Verbindungen zu anderen insolventen Baufirmen, die mit dubiosen Vorgängen in Verbindung gebracht werden.

Zum Beispiel die Nordlicht Massivhaus GmbH und die Jott-Es-Haus GmbH aus Molbergen. Geschädigte haben die anonyme Internetseite www.nordlicht.t35.com eingerichtet, „um Bauherren und Subunternehmer vor Verbrechern zu schützen“. Unter „weitere Firmen, die im Zusammenhang mit diesem Konsortium gesehen werden müssen“, finden sich auch die Solar AG und Andreas W.

Andreas W. und die Hausvermittler empfahlen den Bauherren die Volksbank Visbek als Kreditinstitut. Grundsätzlich arbeiten die Volksbanken zwar nach dem Regionalitätsprinzip, naheliegend wäre also ein Kontakt zu den Volksbanken in Lastrup und Dörpen (Emsland) gewesen. „Das heißt aber nicht, dass wir nicht auch woanders tätig werden dürfen“, erklärt Bankvorstand Walter Tönnies.

Die Volksbank – für die Bauherren war das in diesem Fall der Bankkaufmann S., ein laut Volksbankvorstand „externer Mitarbeiter“, der im Haus der Volksbank aber ein eigenes Büro hatte mit Telefondurchwahlnummer und Volksbank-Visitenkarten.

Die Solar AG hatte große Pläne, die Rede war von 25 Passivsolarhäusern, die Bauten in Lastrup und im Emsland sollten ein Anfang sein. Laut Anwalt Meier zu Uphausen gibt es Indizien, die darauf hinweisen, dass S. auch die Finanzierung dieser Häuser in Aussicht gestellt wurde.

Falscher Name

Doch von Anfang an gab es Ungereimtheiten. So unterschrieb der Vermittler der Emsland-Häuser, Nico K., den Vermittlungsvertrag mit dem Namen „Müller“. Er wollte nicht unter seinem richtigen Namen in Erscheinung treten, denn K. war vormals Geschäftsführer Nordlicht Massivhaus GmbH. In einer eidesstattlichen Erklärung, die auch der NWZ  vorliegt, räumt K. diesen Sachverhalt ein – und behauptet, dass dem Bankkaufmann S. seine wahre Identität bekannt gewesen sei.

„Wenn wir das gewusst hätten, wären wir natürlich sofort eingeschritten“, sagt Bankvorstand Gerd Bahlmann heute.

Anwalt Meier zu Uphausen hält der Bank zudem vor, dass Baugeld ausgezahlt wurde, das nicht hätte ausgezahlt werden dürfen. Er verweist auf die Kreditverträge, nach denen Baugeld nur ausgezahlt werden darf, wenn der Baufortschritt dokumentiert ist. Obwohl der Nachweis nicht geführt worden sei, habe S. als zuständiger Mitarbeiter das Geld abgerufen. Meyer zu Uphausen: „Da sind offensichtlich Schutzmechanismen außer Kraft gesetzt worden.“

Auch soll es Warnungen vor betrügerischen Absichten der Solar AG gegeben haben. Architekt Max Hickel will die Volksbank mehrfach per E-Mail und Telefon informiert haben. Der externe Mitarbeiter S. spricht auf Nachfrage der NWZ  heute „von vielleicht einer Mail“, der er keine Beachtung geschenkt habe. Hickel war eine Zeit lang Aufsichtsratsvorsitzender der Solar AG gewesen. „Ich trat aber zurück, als ich den Betrug bemerkte“, sagt der Architekt.

Die Vorstände der Volksbank Visbek sagen, sie hätten nie Informationen über diese Vorgänge erhalten. Sie räumen aber ein, dass es nicht ausgeschlossen sei, dass der externe Mitarbeiter „Fehler begangen hat“. Von dem Mann, der jahrelang tadellose Arbeit geleistet habe, habe man sich nun getrennt.

Architekt Hickel, der durch die Vorgänge nach eigenen Angaben selbst in die Insolvenz getrieben wurde, hat Strafanzeige gegen die Volksbank Visbek wegen Kreditbetrugs gestellt. Die Volksbank wiederum hat Strafanzeige gegen Hickel wegen übler Nachrede gestellt.

Bank will Einigung

Vorstand Gerd Bahlmann sagt: „Wir sind ehrbare Kaufleute, wir sind selbst betrogen worden!“ Auch der frühere Mitarbeiter S. fühlt sich betrogen. Es ist eine Geschichte mit vielen Verlierern.

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Die Volksbank werde den in Not geratenen Kunden eng zur Seite stehen, verspricht Bahlmann; mit den beiden emsländischen Bauherren habe man bereits eine Lösung gefunden, „dort wird bald weitergebaut“. Mit Bauherr Stuckenbrok habe man sich bislang nicht einigen können.

Rainer Stuckenbrok will sich trotzdem nicht im Dunkeln einschließen. Sein Anwalt hat die Schlichtungsstelle beim Bundesverband der Volksbanken und Raiffeisenbanken eingeschaltet. Stuckenbrok blickt durchs Bullaugenfenster seiner Wohnküche in die matte Mittagssonne, er sagt: „Irgendwie müssen wir aus der Sache heil herauskommen.“

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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