Ovelgönne /Bienenbüttel Bei Harpstedt betritt der Wolf das Oldenburg Land. Es ist der erste seiner Art nach über 100 Jahren. Zielstrebig wandert der Jungrüde nach Nordwesten, auf der Suche nach einer Partnerin Es ist stockfinstere Nacht, der Mond versteckt sich hinter dichten Wolken. Bis zu 70 Kilometer kann das Tier innerhalb einer Nacht zurücklegen. Der Wolf schlägt einen großen Bogen um Oldenburg. Hinter Edewecht lärmen Menschen auf einer Wiese. Der Wolf hält Abstand, niemand sieht ihn. Unweit von Wiefelstede wittert er Schafe, im Stall, also weiter. Im Morgengrauen erreicht der Rüde Ostfriesland. Im Moor verliert sich seine Spur.

So könnte es passiert sein – oder auch nicht. Vielleicht hat der erste Wolf an anderer Stelle das Oldenburger Land betreten. Vielleicht war noch gar keiner da. Zumindest hat bisher niemand einen Wolf gesehen, keine Fährte, keine Losung, keinen Riss. Doch das muss nichts heißen.

Die Wölfe breiten sich mit großer Geschwindigkeit in Niedersachsen aus. In Cuxhaven sind sie angekommen, im Emsland gesichtet worden. Kein Fluss, keine Straße kann sie aufhalten. „Es ist damit zu rechnen, dass die Wölfe hier auftauchen werden“, sagt Wolfsberater Gerhard Frensel. Der Biologe aus Ovelgönne betreut seit einigen Wochen den Landkreis Oldenburg, soll mögliche Wolfsspuren sichern und Nutztierhalter beraten. Noch hat sich niemand bei ihm gemeldet.

60 Wolfsberater

Das Umweltministerium hat im August 60 Wolfsberater berufen. Im Osten, wo die Tiere bereits in Rudeln durch die Wälder streifen, sind es mehrere pro Landkreis. Im Oldenburger Land gehört Frensel zu den ersten. Der Wolf kommt in den Nordwesten. Jäger und Naturschützer bereiten sich darauf vor. Die Schaf- und Rinderzüchter müssen es vielleicht auch bald.

Ortswechsel. Rund zweihundert Kilometer östlich, im „Süsing“ bei Bienenbüttel in der Lüneburger Heide, bahnt sich eine groß gewachsene Frau den Weg durch das dichte Unterholz; Jäger-Kleidung, kein Gewehr. Äste knacken, Farne weichen, Brombeeren stacheln, von oben regnet es Blätter und Bucheckern. Ein Mischlingshund springt wild um Britta Habbe herum, schnuppert am Boden, wittert, wirkt plötzlich aufgeregt. „Einmal hatte Frieda einen Wolf in der Nase“, erzählt Habbe. Diesmal ist es wohl eher Hirsch oder Wildschwein.

Britta Habbe ist die Wolfsbeauftragte des Landes, sozusagen die höchste Kompetenz in Niedersachsen, wenn es um Canis lupus geht. Besser gesagt, Britta Habbe ist die Wolfsbeauftragte der Landesjägerschaft, die mit der Überwachung beauftragt ist.

Jäger?!

Nein, die sollen keine „bösen Wölfe“ schießen. Es geht um Naturschutz: Erfassung und Bewertung von Wolfsvorkommen, Begutachtung von Wolfsrissen, Koordination, Information. Wölfe sind streng geschützt. Britta Habbe hat den Baum mit der getarnten Kamera gefunden. Genau an dieser Stelle wurde angeblich ein Wolf gesichtet. Doch der Nachweis fehlt noch. Habbe füttert ihr Laptop mit dem Chip aus der Kamera. 1000 Bilder in knapp einem Monat hat sie geschossen, meist nachts. Wer näher als 30 Meter kommt, löst den Infrarotsensor aus. Mal schauen. Ziehende Rehe, neugieriger Marder, turnender Fuchs, ein Hirsch, eine Rotte Wildschweine. „Die üblichen Verdächtigen“, schmunzelt Habbe. Kein Wolf.

Etwa 300 Meter weiter hängt die nächste Fotofalle. Der Wald ist lichter, es gibt ein Wasserloch, hier trifft man sich nachts. 2700 Bilder. Hammer. Was haben wir? Zwei halbstarke Hirsche kämpfen. Interessant. Zwei andere, sagen wir mal, vergnügen sich. Endlose Wildschweinrotten. Ein kapitaler Hirsch. Beeindruckend. Kein Wolf.

Habbe ist nicht enttäuscht. „Bei nur einer Sichtung als Anhaltspunkt ist es nicht so vielversprechend.“ Profi halt. Habbe ist überzeugt, dass die Wölfe bald den ganzen „Süsing“ besiedeln werden. Nur wenige Kilometer weiter westlich, auf dem Truppenübungsplatz Munster, lebt ein Rudel. Geschützdonner klingt leise herüber. Südlich, auf dem Schießplatz Rheinmetall, ist ein weiteres Rudel nachgewiesen, mindestens drei Welpen. Wahrscheinlich sehen Soldaten häufiger Wölfe als andere. Mit Menschen in Autos haben die sonst scheuen Tiere keine Probleme. Ohne Auto halten die Wölfe mindestens 40 Meter Abstand, erläutert die Expertin.

Vor zehn Jahren waren Wölfe kein Thema in Niedersachsen. Dann geht alles recht schnell. 2006 gibt es erste Hinweise, ein Jahr später gelingt der definitive Nachweis. Die Wölfe kommen aus dem Osten, aus Polen, die deutsche Wiedervereinigung macht 1990 den Weg in den Westen frei. 1998 siedelt sich das erste Paar in Sachsen an, zwei Jahre später ist Nachwuchs da. In Deutschland sind derzeit 33 Territorien von Wolfsrudeln oder -paaren besetzt, fünf von Einzelwölfen. Die Gesamtzahl der Wölfe wird von Experten auf 350 Tiere geschätzt.

Ursprünglich war der Wolf das in Europa am meisten verbreitete Säugetier. Aufgrund der Konflikte zwischen Mensch und Tier wurde die Population stark dezimiert. Um 1850 galt Deutschland als weitestgehend wolfsfrei. Einwanderer wurden sofort erlegt.

Niedersachsens berühmtester Wolf, der „Würger von Lichtenmoor“ fand 1948 sein Ende. Der 61-jährige Landwirt Hermann Gaatz schoss von einem Hochsitz in der Schotenheide aus auf einen Wolf, der sich an einige Rehe anpirschte. Der sechs Jahre alte Rüde hatte eine Länge von 1,70 Metern, eine Schulterhöhe von 85 Zentimetern und wog fast 50 Kilo. Der „Würger“ soll in wenigen Wochen 65 Rinder und 100 Schafe gerissen haben. Unwahrscheinlich, heißt es heute dazu. Pro Tag benötigt ein Wolf drei bis vier Kilo Fleisch.

Dass es wieder Konflikte zwischen Mensch und Wolf geben wird, war für die Experten absehbar. Auch wenn der Wolf kein Kulturfolger ist, Ansiedlungen eher meidet und sich überwiegend von Rehen, Hirschen und Wildschweinen ernährt, hat er doch längst den reich gedeckten Tisch erspäht. In der Lüneburger Heide sind Schafhalter betroffen.

„Schafe sind leichte Beute“, sagt Britta Habbe. Sie rät den Betroffenen, den Schutz der Nutztiere zu verstärken. „Früher hat man Zäune gebaut, damit das Schaf nicht rauskommt. Heute muss man Zäune bauen, damit der Wolf nicht reinkommt.“ Der ehrenamtliche Wolfsberater Frensel weist darauf hin, dass die Nutztierdichte im Nordwesten besonders hoch ist. Ob die Wölfe das auch schon wissen?

Jungrinder gerissen

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den NWZ-Wirtschafts-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Im Kreis Cuxhaven schlagen die Wellen hoch. Dort hat ein Wolf erstmals in Niedersachsen Jungrinder gerissen. Das hat die Analyse von DNA-Proben ergeben. Wölfe haben im ersten Halbjahr 2014 rund 60 Schafe und Damwild gerissen oder verletzt. Seit Anfang 2013 wurden knapp 11 000 Euro an betroffene Tierhalter gezahlt. In der Landespolitik wird neben Wolfsschutz inzwischen auch über Nutztierschutz diskutiert.

Britta Habbe erwartet, dass die Wölfe weitere Gebiete in Niedersachsen erobern. Die Population wächst rasant. Ein Rudel besteht neben den Eltern aus Welpen und Jährlingen. Sobald diese geschlechtsreif sind, müssen sie sich ein eigenes Territorium von bis zu 30 000 Hektar Größe suchen und das nächste Rudel gründen. Habbe, die noch keinen Wolf in freier Wildbahn gesichtet hat, beziffert den Zuwachs auf bis zu 30 Prozent jährlich. Den 1000. Wolf kann Deutschland bald begrüßen.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.