LASTRUP „Das war’s“, sagt Rainer Stuckenbrok, „ich habe verloren.“

Er sitzt am Küchentisch und zupft an seinem Jeanshemd herum; es wirft immer diese Falten, seit er so abgenommen hat. „Ich mochte einfach nichts mehr essen“, entschuldigt er den Zupfreflex. Aber jetzt will er wieder essen, sagt er dann, „jetzt ist ja die Zeit der Ungewissheit vorbei: Jetzt habe ich kapiert, dass es vorbei ist.“

Der 52-Jährige hebt zum Beweis ein paar Briefe von der Tischplatte, auf den meisten klebt oben das orangeblaue Logo der Volksbank Visbek, unten stehen Wörter wie „Zahlungsaufforderung“ und „Zwangsvollstreckung“. Stuckenbrok sagt: „Mein Haus wird in die Zwangsversteigerung gehen.“

Sein Haus, das in Lastrup alle nur „das Ufo“ nennen.

Verdacht auf Betrug

Stuckenbrok und das Ufo, das ist die Geschichte eines Traums, der zum Alptraum wurde (die NWZ  berichtete). Im Mai 2009 hatte der Versicherungsvertreter aus Lastrup (Landkreis Cloppenburg) mit der Solar AG aus Hannover einen Bauvertrag über ein ganz besonderes Haus abgeschlossen: ein Passivsolarhaus, das sich selbst finanzieren sollte. Die Idee zu dem Haus stammte vom Hannoveraner Architekten Max Hickel: Er wollte Fassade und Dach vollständig mit Photovoltaikanlagen verkleiden; der so produzierte Strom sollte Stuckenbroks Kasse füllen.

Doch das Haus wurde nie fertig gebaut, nackt und grau steht es da seit Monaten in der Neubausiedlung am Ortsrand von Lastrup, statt glänzender Solarzellen klebt an der Fassade nur ein matter Feuchtigkeitsschutz. Die Solar AG steht seither im Verdacht, Baugeld kassiert zu haben, ohne die vertraglich vereinbarten Leistungen zu erbringen. Gegen den Vorstand der AG, Andreas W., ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover, seine Firma hat Insolvenz angemeldet.

Und Bauherr Stuckenbrok, der das Haus auf eigene Rechnung einzugsfertig weiterbauen ließ, hat nun mehrere hunderttausend Euro Schulden.

Der 52-Jährige zupft schnell ein paar Falten aus dem Jeanshemd, dann tippt er auf die Briefe mit dem orangeblauen Logo: „Die Volksbank Visbek hätte den Bau-Betrug stoppen müssen!“

Noch deutlicher äußerte sich bereits im Sommer 2011 der Architekt Max Hickel, der nach eigenen Angaben durch den Bau-Skandal ebenfalls in die Insolvenz getrieben wurde: Er warf der Volksbank vor, dass Andreas W. erst durch die „kriminellen Methoden“ der Bank die Konten von Rainer Stuckenbrok und zwei weiteren Solar-AG-Kunden plündern konnte. Der Vorstand der Bank, so Hickel weiter, habe sich „schäbig“ verhalten.

Hickel darf das sagen, er hat es inzwischen Schwarz auf Weiß: Das Oberlandesgericht Oldenburg hat per Urteil vom 14. November 2011 festgestellt, dass es sich dabei um eine „zulässige Meinungsäußerung“ handelt. Einen Antrag der Volksbank auf Einstweilige Verfügung, die Hickel diese und ähnliche Äußerungen untersagen sollte, wies das Gericht in den meisten Punkten zurück.

Falsche Berichte

Hickel ist der Meinung, dass die 115 Jahre alte Genossenschaftsbank in der Passivsolarhaus-Affäre „Beihilfe zum Betrug“ geleistet hat: Nachdem der Vorstand der Solar AG, Andreas W., Stuckenbrok und zwei weiteren Bauherren die Volksbank als Kreditinstitut empfohlen hatte, verhandelten sie mit einem Bankkaufmann namens Wolfgang S., der als „Verbundpartner“ in der Volksbank-Geschäftsstelle ein Büro bezogen hatte. Wolfgang S. aber soll frühzeitig von Ungereimtheiten beim Solarhausbau gewusst haben und sogar selbst daran beteiligt gewesen sein: Hickel will ihn mehrfach gewarnt haben; S. selbst soll unkorrekte Bautenstandsberichte eingereicht haben. Ein Sprecher der Bausparkasse, die die Berichte erhalten hat, bestätigte das der NWZ .

„Die Bauherren“, meint Hickel, „konnten die Täuschungen nicht erkennen, da Herr Andreas W. mittels der Aktivitäten der Volksbank entsprechendes Vertrauen vorgaukeln konnte.“

Die Volksbank wies jede Verantwortung umgehend von sich. Es sei zwar „nicht ausgeschlossen“, dass Bankkaufmann S. „Fehler“ begangen habe, schrieben die Vorstände Gerd Bahlmann und Walter Tönnies noch im Sommer 2011. Bei S. handele es sich aber um einen „externen Mitarbeiter“, die Zusammenarbeit habe man beendet.

Das Oberlandesgericht stellt in seinem Urteil klar: Über die Vorgänge bei der Solar AG habe S. „unstreitig Warnungen erhalten“. S. sei zu sehen „als Mitarbeiter der Volksbank (wenn auch nicht in einem engeren, formal-juristischen Sinn), zumindest aber als deren Repräsentant“. Der Volksbank-Vorstand müsse sich deshalb die Kenntnisse von S. zurechnen lassen.

Die Richter regten an, die Volksbank möge sich mit den geschädigten Bauherren um Einigung bemühen.

Keine Einigung

Einige Wochen nach dem OLG-Urteil sitzt der Oldenburger Rechtsanwalt Dr. Alexander Wandscher im Besprechungszimmer der Anwaltskanzlei Wandscher & Partner, auf dem Konferenztisch vor ihm liegt der Urteilstext. Wandscher vertritt den Vorstand der Volksbank, er sagt: „Herr S. hat zwar Fehler gemacht – aber diese Fehler waren nicht ursächlich für den entstandenen Schaden.“ Aber unabhängig von der Frage, ob es einen rechtlichen Anspruch gebe, stehe die Volksbank ihren Kunden selbstverständlich zur Seite: Mit den zwei anderen geschädigten Bauherren habe man sich einigen können, „die stehen jetzt kurz vor dem Einzug“.

Bloß mit Herrn Stuckenbrok sei keine Einigung möglich gewesen.

„Er hat geschossen, geschossen, geschossen!“, regt sich Walter Tönnies auf. Der Volksbank-Vorstand sitzt neben seinem Anwalt, er sagt: „Der hat mit allen Methoden versucht, uns schlecht zu machen und uns öffentlich vorzuführen!“ Tönnies zieht zum Beweis ein paar Zeitungsartikel aus seiner Aktentasche.

Laut Alexander Wandscher gibt es zwei Gründe, die einer Einigung mit Rainer Stuckenbrok aus Sicht der Volksbank entgegenstehen. „Der erste Grund ist sein Verhalten“, sagt der Anwalt.

Der zweite Grund sei der Verdacht, dass Stuckenbrok selbst Mitarbeiter der Solar AG gewesen sei und somit nicht Opfer, sondern Täter sei.

In seinem Ufo-Haus seufzt Rainer Stuckenbrok: „Ich kenne den Vorwurf.“ Er sagt, es habe einen Vorschlag der Solar AG gegeben, sein Haus gegen Bezahlung als Musterhaus zu nutzen. Das sei aber nie weiterverfolgt worden.

Beschädigter Ruf

Wenn Stuckenbrok sagt, er habe verloren – hat dann die Volksbank Visbek gewonnen? „Nein“, sagt Walter Tönnies, „wir haben einen Schaden erlitten: Unser Ruf hat durch die Vorwürfe gelitten.“

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Es ist dunkel geworden am Lastruper Ortsrand. Stuckenbrok zupft sein Jeanshemd glatt und berichtet, dass bei seinem Anwalt eine fertige Klage auf Aussetzung der Zwangsvollstreckung und auf Schadensersatz liegt. „Aber ich klage nicht“, erklärt er: „Ich kann es mir nicht leisten, einen Rechtsstreit durch alle Instanzen durchzuhalten. Ich werde Privatinsolvenz anmelden.“ Das Ufo des Rainer Stuckenbrok ist abgestürzt, „das war’s“, sagt er noch mal.

Das heißt, ganz war es das noch nicht: Stuckenbrok will Strafanzeige gegen den Vorstand der Volksbank Visbek wegen Verdachts auf Betrug stellen, „das kostet ja nichts“.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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