AHLHORN Hm, sagt Frau Fangmann, beim letzten Mal war das ja ein bisschen peinlich mit der Presse.

Da hatte ein Reporter Fotos von ihr gemacht, aber am nächsten Tag sahen die Leser nicht etwa Frau Fangmann oder wenigstens ihr Gesicht in der Zeitung, „nein, nur meine Hände in Großaufnahme“, sagt sie und schüttelt tüchtig den Kopf. Auf dem Foto waren ihre Hände ins Spülbecken getaucht, sie machte gerade den Abwasch.

Andererseits: Frau Fangmann spült täglich, mehrfach sogar, „ich habe ja keine Spülmaschine“. Sie lacht.

Eine bedrohte Art

Aber wo steckt jetzt Frau Riesenbeck? Karin Fangmann steht im Eingang des Ahlhorner Pfarrhauses, über der Tür hängt ein Schild: „Herr segne dieses Haus und alle die hier gehen ein und aus“, hinten rechts steht die große Osterkerze. Da ruft auch schon Frau Riesenbeck über den Flur: „Ich bin in der Küche, wo ich hingehöre!“ Die Frauen kichern, Elisabeth Riesenbeck stellt schnell Teewasser auf.

Karin Fangmann (70) und Elisabeth Riesenbeck (60) haben einen seltenen Beruf: Sie sind Pfarrhaushälterinnen. Fangmann arbeitet seit 40 Jahren für Pfarrer Heinrich Sander in der Cloppenburger St.-Andreas-Gemeinde, Riesenbeck seit 29 Jahren für Pfarrer Heinz-Werner Bittner von der Herz-Jesu-Kirche in Ahlhorn.

Genau genommen sind Pfarrhaushälterin nicht nur selten, sie sind eine bedrohte Art. Nur noch 6500 gibt es bundesweit, Tendenz sinkend. Im Bistum Münster, zu dem Cloppenburg und Ahlhorn gehören, sind es noch 560, davon wiederum sind 350 bereits Rentnerin. „Wir waren hier mal mehr als 1000“, erinnert sich Karin Fangmann, sie muss es wissen: Sie ist im Bundesvorstand der Berufsgemeinschaft der Pfarrhaushälterinnen zuständig für das Bistum Münster.

Das langsame Verschwinden der Pfarrhaushälterinnen hat zunächst einmal konjunkturelle Gründe: Der Deutschen Bischofskonferenz zufolge fiel die Zahl der Neupriester in den vergangenen 30 Jahren um mehr als 50 Prozent – und wenn die Zahl der katholischen Priester sinkt, geht natürlich auch die Zahl ihrer Haushälterinnen zurück. Gleichzeitig wurden die verbliebenen Priester (und damit auch ihre Haushälterinnen) immer älter, im Bistum liegt das Durchschnittsalter der Priester bei 63,32 Jahren.

Ärger über blöde Witze

Karin Fangmann hat aber weitere Gründe für den Pfarrhaushälterinnenrückgang ausgemacht: Immer mehr junge Priester verzichten auf die Anstellung einer Haushälterin und kümmern sich stattdessen selbst um ihren Haushalt. „Das hat auch mit Geld zu tun“, sagt Fangmann; die Pfarrer müssen die Haushälterinnen größtenteils selbst bezahlen. Und dann sind da ja noch die blöden Witze, Karin Fangmann und Elisabeth Riesenbeck kennen sie alle.

Vor 30 Jahren, sagt Riesenbeck, habe sie zufällig das Gespräch zweier Frauen mitangehört. „Das sind doch beides junge Leute“, hatte die eine zur anderen gesagt, sie meinte den Pfarrer und seine Haushälterin Riesenbeck: „Glaubst Du, dass die den ganzen Tag lang Rosenkranz beten?“

Riesenbeck sagt, sie habe damals einen sehr roten Kopf bekommen. „Aber heute gehe ich mit solchen Sprüchen ganz locker um.“

Geheiratet hat Riesenbeck nie, ebenso wie ihre Kollegin Karin Fangmann, „das war kein Thema“, und vielleicht ist man mit diesem Satz gerade dem Hauptgrund des Pfarrhaushälterinnenschwundes sehr nahe gekommen: Es geht hier nicht um einen Beruf, es geht um eine Berufung. „Einfach als Job kann man das nicht sehen“, glaubt Elisabeth Riesenbeck, „sonst kann man so ein Leben nicht teilen.“ So ein (Priester-)Leben – das bedeutet ein Leben mit und in der Kirche.

Das steht natürlich nirgendwo geschrieben, es gibt ja keine Ausbildungsrichtlinien oder sonstige Vorschriften für den Pfarrhaushälterinnenberuf. „Die Hauswirtschaft muss man natürlich können“, sagt Elisabeth Riesenbeck, sie nennt ein paar Beispiele: Essen kochen, Wäsche waschen, Gartenarbeit, und ja, sie lächelt, auch der Abwasch gehört dazu. Aber vor der „Haushälterin“ steht im Namen eben das Wörtchen „Pfarr“, und das bedeutet: Die Pfarrhaushälterin muss ihrem Pfarrer den Rücken freihalten, sie muss ans Telefon gehen, Gemeindemitglieder betreuen und auch schon mal Kummerkasten spielen. „Man muss mit Menschen umgehen können“, sagt Riesenbeck kurz, und dann klingelt schon zum Beweis das Telefon, der Anrufer hat seine Brille in der Kirche vergessen: „Kein Problem“, beruhigt Riesenbeck den Mann, sie hat die Brille längst in Sicherheit gebracht.

Zusätzliche Aufgaben

Natürlich könnte die Pfarrhaushälterin besser angesehen sein in der Gesellschaft, „aber das ist ein generelles Problem“, findet Karin Fangmann: „Die Hausfrau wird bei uns nicht sehr geschätzt und damit auch nicht die Pfarrhausfrau.“ Sie sagt, das Ansehen steigt in dem Moment, in dem die Pfarrhausfrau andere Aufgaben übernimmt in der Gemeinde, Männeraufgaben: Fangmann hat in Cloppenburg die Bücherei aufgepeppt und einen Besuchsdienst für Senioren aufgebaut, Elisabeth Riesenbeck hat in Ahlhorn das Küsteramt übernommen. Doch jetzt piepst nebenan laut die Waschmaschine, „ich bin gleich zurück“, sagt Riesenbeck und läuft los.

Vor kurzem feierte die Berufsgemeinschaft der Pfarrhaushälterinnen ihr 40-jähriges Bestehen. Nur wenige Menschen wissen, dass es diesen Berufsverband überhaupt gibt. Viel erreicht hat er trotzdem, findet Karin Fangmann: Inzwischen werden die Pfarrhaushälterinnen nach Tarif bezahlt, BAT-angeglichen, sogar eine Art Betriebsrente gibt es. Regelmäßig treffen sich die Verbandsmitglieder zu Bildungsfreizeiten; auf Wangerooge ging es neulich um „Christliche Kirchen und ihre versöhnte Verschiedenheit“.

Ein offenes Haus

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Pfarrhaushälterinnen tragen die Kirche mit, meinen die beiden Frauen. „Waschen, kochen, putzen, das finden Sie auch stundenweise. Aber jemanden, der das Pfarrhaus immer offenhält, nicht“, sagt Elisabeth Riesenbeck. Sie liebt ihren Beruf, die Abwechslung, die freie Zeiteinteilung, die Diskussionen mit dem Pfarrer und sogar ihre kleine Wohnung oben im Pfarrhaus, wo sie sich im Fernsehen auch mal allein einen Schmalzfilm anschauen kann, „das geht mit dem Pfarrer gar nicht“.

Ach so, wir müssen ja noch ein Foto machen. „Aber bitte nicht in der Küche, sondern draußen“, sagt Karin Fangmann, „vor der Kirche.“ Denn um die geht es hier doch.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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