Bremen Der erste Tag der Sommerferien in Niedersachsen und Bremen. Am frühen Vormittag ist es noch ruhig in Terminal 1 des Bremer Flughafens. Geschäftsleute in Anzügen und mit Handgepäck eilen zur Sicherheitskontrolle im ersten Stock. Statt der Stufen nehmen sie ausschließlich die schnellere Rolltreppe – Zeit sparen, das scheint ihr oberstes Gebot zu sein. Und auch die Gepäckaufgabe überspringen die meisten – schwere Koffer sind für die kurzen Reisen überflüssig und kosten im Zweifel ebenfalls nur Zeit.

In den Cafés herrscht dafür bereits reges Treiben. Da sitzen fröhliche Familien, Paare und Freunde, um sich die Zeit zu vertreiben bis zum Abflug in den Urlaub. Es duftet nach Kaffee und frischem Gebäck.

Der Sicherheitsdienst dreht seine Runden. Auf großen Anzeigetafeln sind die Abflugzeiten und Ziele zu sehen: Amsterdam, Paris, London, Malaga und Istanbul – aber auch Frankfurt am Main oder Stuttgart.

Schwedischer Trend

Ein Mitarbeiter einer Fluggesellschaft geht schnellen Schrittes mit zwei silbernen Rollkoffern zum Schalter und gibt seinen großen Koffer ab. Nur zwei Minuten später ist er bereit für die Sicherheitskontrolle.

Am Fuß der Rolltreppe versucht sich derweil ein Tourist mit Strohhut, Trekking-Rucksack und Sandalen zu orientieren. Aufmerksam liest er die Informationstafel zur Terminal-Übersicht.

Urlaubszeit ist Flugzeit. Aber Fliegen gilt als besonders umweltschädlich – macht man das noch in Zeiten des Klimawandels? In denen es sogar ein neues Wort gibt: „Flugscham“. Wie die von Greta Thunberg initiierten „Fridays for Future“-Proteste hat sich der Begriff – schwedisch: flygskam – auch nach Deutschland ausgebreitet. Denn: Schon allein ein Hin- und Rückflug von Berlin nach Malaga schlägt zum Beispiel nach Angaben von „atmosfair“ mit durchschnittlich 1,2 Tonnen Kohlendioxidausstoß im CO2-Fußabdruck zu Buche. Dieser liegt in Deutschland statistisch bei rund neun Tonnen pro Kopf pro Jahr.

Gedanken gemacht

Doch wie drückt sich diese „Flugscham“ bei Reisenden aus? Ist das Bewusstsein tatsächlich vorhanden?

Vor einem noch geschlossenen Eincheck-Schalter steht ein Paar mit seiner Tochter und wartet in Ruhe. „Wir fliegen für zwei Wochen nach Sardinien“, sagt der Mann, der mit seiner Familie in Bremen lebt. Das Fliegen sei bei ihnen bereits ein „Running Gag“, ständig würde darüber gesprochen werden. „Im vergangenen Jahr waren wir in der Heimat, in Niedersachsen.“ Natürlich hätten sie sich über die Flugreise Gedanken gemacht, sagt seine Frau. „Deswegen fliegen wir nicht auf die Bahamas, es ist ein fauler Kompromiss“, gibt sie zu. „Wenn es nach meinem Mann ginge, würden wir gar nicht fliegen.“ In Bremen ist die Familie möglichst mit dem Rad unterwegs.

Einige Meter weiter turnen ein paar Kinder in einem Spielbereich auf Elektroautos. Eine Mutter aus Verden und ihr Sohn schauen sich alles genau an. „Wir sind für einen Tagesausflug mit dem Zug nach Bremen gekommen und wollten kurz zum Flughafen“, sagt sie. „Natürlich macht man sich Gedanken über die Umwelt, aber ob es mit dem Auto wirklich besser ist?“ Schließlich würden sich mit dem Flugzeug mehr Menschen transportieren lassen. „Wenn alle, die jetzt fliegen, mit dem Auto unterwegs wären, würde es noch mehr Autos auf den Straßen geben“, gibt sie zu bedenken. Dennoch: „Wir fliegen selten – unsere Urlaube planen wir mit dem Auto. Das ist praktischer mit den Kindern.“

Zahl der Fluggäste steigt

Im Jahr 2017 wurden in Deutschland insgesamt 798 Millionen Tonnen CO2 aus vom Menschen stammenden Quellen freigesetzt, sagt Michael Strogies, Leiter des Fachgebiets „Emissionssituation“ des Umweltbundesamts. Davon wurden etwas mehr als zwei Millionen Tonnen durch den Inlandflugverkehr verursacht. Hinzu kommen noch etwa 29,1 Millionen Tonnen CO2, die durch internationale Flüge verursacht werden, die in Deutschland starten, betont Strogies.

Fluggesellschaften argumentieren, dass der Luftverkehr nur zwei Prozent des gesamten menschengemachten Kohlendioxid-Ausstoßes ausmache und dass die modernen Flugzeuge deutlich weniger Treibstoff pro Passagier bräuchten. Zugleich ermöglichen sinkende Preise es den Menschen aber, häufiger zu fliegen, sodass die CO2-Emissionen der Airlines insgesamt steigen. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl der Flugpassagiere laut Statistischem Bundesamt um rund ein Drittel von 166,3 auf 222,5 Millionen.

Eine Familie aus Oldenburg, Vater, Mutter, Tochter, Sohn, quetscht sich mit ihren Koffern in eine schmale Sitzecke gegenüber einem Bistro. „Es geht für eine Woche nach Kreta“, sagt die Frau. Sonst würden sie oft mit dem Auto an die deutsche Ost- oder Nordseeküste oder auch nach Holland reisen – zum Paddeln oder Angeln. „Es muss auch nicht unbedingt ein Billigflug sein“, sagt die Oldenburgerin. „Man denkt schon an die Umwelt. Ich bin Anglerin – wenn ich Fische aufschneide und da Plastik drin ist, ist das auch nicht schön.“ Trotzdem: Ab und zu steige auch sie mit ihrer Familie in den Flieger. „Es bleibt uns nichts anderes übrig: Wir hoffen auf Sonne.“

Eine andere Familie aus Oldenburg, Vater, Mutter und drei Kinder, hat gerade ihr Gepäck aufgegeben. Zwölf Tage Barcelona stehen für die Fünf auf dem Plan. „Wir haben uns gerade gestern noch mit Freunden über das Fliegen und die Umweltverschmutzung unterhalten“, sagt der Vater. Die vergangenen Jahre sei er mit seiner Familie an die Nord- oder Ostsee gefahren. „Aber dieses Jahr wollten wir einmal Sonnengarantie haben“, sagt er und schiebt fast entschuldigend hinterher: „Wir fliegen auch nicht häufig.“

Keine Alternative

Mit großen Wanderrucksäcken bepackt geht eine Mutter mit ihren beiden Töchtern in Richtung Eincheckschalter. Allen Dreien ist die Vorfreude auf den Urlaub ins Gesicht geschrieben. Und wohin geht es? „Nach Thailand“, sagt die Frau. „Wir machen uns schon Gedanken um das Thema Umwelt. Es ist unsere erste Fernreise – wir fliegen nicht oft. Sonst sind wir immer mit dem Campingwagen in Europa gewesen“, sagt sie. „Wir sind vier Wochen vor Ort – für zwei Wochen hätten wir diesen langen Flug nicht gemacht.“

Eine halbe Stunde später hat sich vor einem der Check-in-Schalter eine lange Schlange gebildet. Hier stehen vor allem Familien mit Kindern und viel Gepäck. Einige haben ihre Koffer auf Trolleys gestapelt. Ihr Reiseziel: Heraklion, Hauptstadt der griechischen Insel Kreta. Im Terminal sind nun zunehmend mehr Menschen. Vor dem Gebäude warten Taxis in allen Größen auf Passagiere.

Eine Flugbegleiterin betritt den Terminal. Sie kennt sich aus. Geht direkt zum Schalter und stöbert anschließend noch kurz in einem Kiosk. Ihr Job bedeutet: Vielfliegerei. Macht sie sich Gedanken um die Umwelt? „Ich finde, Fliegen ist immer noch besser als mit dem Auto zu fahren – vor allem, wenn man sich die Staus auf den Autobahnen anschaut“, sagt die Stewardess aus Oldenburg, die gerade auf dem Weg nach Wien ist. Dort habe sie „Bereitschaft“.

Ein weiterer Vielflieger nähert sich mit schnellen Schritten der Gepäckaufgabe. Der Geschäftsmann hat nur einen Koffer, kein Handgepäck. Schnell geht er durch die leeren Reihen bis vorn zum Schalter. „Ich fliege circa achtmal im Jahr die Strecke Bremen – München und dazu noch zweimal privat“, sagt er. Gewissensbisse? Scham? „Ja, aber noch nicht so, dass ich andere deswegen Verkehrsmittel nehmen würde.“ Die Zugverbindung dauere ihm zu lange, sagt er.

Ein zweiter Geschäftsmann kommt schnellen Schrittes von der Gepäckabfertigung. Denkt er an Umweltverschmutzung? Den Klimawandel? „Selbstverständlich ist das im Hinterkopf“, sagt der Mann. Er pendelt dreimal monatlich zwischen Bremen und München. „Mit dem Zug ist es langwierig und schwierig zu planen – und das Auto ist auch keine Alternative“, sagt er mit einem fast entschuldigend wirkenden Lächeln und verschwindet zur Rolltreppe. Nur keine Zeit verlieren.

Fliegen nicht verteufeln

Die „Flugscham“ ist in Deutschland angekommen. Ausgerechnet ein Klimaforscher, Anders Levermann, Wissenschaftler am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, warnt nun davor, das Fliegen vollständig zu verteufeln. „Ich denke, dass das Reisen im Allgemeinen Menschen zusammenbringt“, sagt Levermann. „Das schließt die Luftfahrt ein.“

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Ellen Kranz Redakteurin / Regionalredaktion
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