Huntlosen /Vechta Der Meyerkreislauf beginnt da hinten auf dem Feld, wo es leider nichts zu sehen gibt. „Wenn wir mehr Sonne gehabt hätten, wäre der Roggen schon weiter“, sagt Herr Meyer ein bisschen entschuldigend. Naja, ein paar Tonnen liegen ja noch links in der Halle, da kann er es auch erklären.

Friedrich-Wilhelm Meyer, 64 Jahre alt, sagt also: Der Meyerroggen wird geerntet. Er wird getrocknet. Er wird gekühlt. Er wird nach rechts zur Meyermühle gefahren, wo er durchs Schlagwerk geschlagen und nach einem Meyerprogramm mit Meyergerste oder Meyerhafer zu Meyerfutter gemischt wird.

Das Futter fressen die Meyerschweine. Die Schweine werden geschlachtet und in der Meyerfleischerei zu Meyerwurst verarbeitet. Die Wurst wird im Meyerladen verkauft.

Vorher haben die Schweine viel Mist produziert, mit dem Mist wird das Feld da hinten gedüngt für neuen Meyerroggen.

„Wir machen das ein bisschen so, wie man es früher gemacht hat“, sagt Herr Meyer.

Immer mehr Fläche

Genauso wie früher ist es natürlich nicht. Der Meyer-Hof hat sich seit 1534 stark vergrößert: Heute bewirtschaften Vater Friedrich-Wilhelm und Sohn Björn Meyer (40) gut 120 Hektar. Sie haben mehr als 500 Mastschweine, im Sommer kommen 30 Galloway-Rinder dazu. „Wir hatten mal 120“, sagt Vater Meyer, „aber der Markt ist durch die BSE-Krise dauerhaft zusammengebrochen.“

500 Schweine klingt viel. „Aber heute baut man bereits Ställe mit 4800 Mastplätzen“, sagt Sohn Björn.

Er tippt eine Rechenaufgabe in seinen Taschenrechner: Was wäre, wenn man 4800 Schweine in einen Meyerkreislauf einbauen wollte?

Ein großes Schwein frisst bis zur Schlachtung etwa 280 Kilogramm Futter. 2,3 Einstallungen gibt es im Jahr, macht 644 Kilogramm Futter. Für 4800 Mastplätze braucht der Bauer also 3091 Tonnen Futter. Ein Hektar Ackerboden bringt bei gutem Ertrag sechs Tonnen Getreide. Björn Meyer tippt auf die Ergebnistaste: „Man bräuchte 512 Hektar Fläche pro Stall.“

Wer von Huntlosen weiter nach Vechta fährt, kommt an Schweineställen vorbei, an Putenställen, Hühnerställen und Rinderställen. Er überholt unterwegs Tiertransporter. Er sieht Felder, auf die sich ein grüner Zwischenfrüchteflaum gelegt hat.

Das Oldenburger Münsterland ist das Zentrum der Ernährungsindustrie, und hier, in der Vechtaer Universitätsstraße, kann man das heute sogar riechen: Die Bauern fahren gerade Gülle aus.

Im U-Gebäude der Universität stehen oben ein Kunststoffschwein und eine Kunststoffkuh, „Herzlich Willkommen im ISPA“ steht auf einem Schild daneben. ISPA ist das „Institut für Strukturforschung und Planung in agrarischen Intensivgebieten“. Dass es in Vechta seinen Sitz hat, „das ist natürlich kein Zufall“, sagt ISPA-Mitarbeiter Helmut Bäurle und lächelt.

Bäurle, 50 Jahre alt, sitzt ein Stockwerk unter den Kunststofftieren. In seinem Büro hängen Landkarten an der Wand, die den Zuchtsauenbestand in Deutschland zeigen, den Mastschweinbestand, den Rinderbestand, den Milchkuhbestand. Die Gegenden, in denen es einen sehr hohen Bestand gibt, sind rot eingezeichnet. Die Region Weser-Ems leuchtet auf allen vier Karten knallrot.

Ein kurzer historischer Abriss von Diplom-Umweltwissenschaftler Helmut Bäurle: „Früher war das Oldenburger Münsterland wegen der schlechten Böden das Armenhaus der Region“, sagt er; die Bauern produzierten kaum genug für den Eigengebrauch. Dann kam die Eisenbahn, und die Bauern stellten auf Tierhaltung um: Die Bahn transportierte das fehlende Futter her und das überflüssige Fleisch zum Verkauf fort. Mit dem Wirtschaftsboom stieg die Nachfrage, die Bauern erhöhten die Produktion. Und dann entstand ein Zwang, immer größer zu produzieren: „Weil die Margen für die Bauern so gering waren“, sagt Bäurle.

Geteilte Arbeit

Ein paar Zahlen, herausgegeben vom Deutschen Bauernverband: Im Jahr 1950 verdiente ein Industriearbeiter 0,65 Euro die Stunde, im Jahr 2000 waren es 11,36 Euro. 1950 bekam ein Bauer für ein Kilogramm Weizen 0,17 Cent, 2000 waren es 0,12 Cent. 1950 gab es für ein Schwein 1,24 Euro pro Kilo, 2000 waren es 1,22 Euro. 1950 gaben die Deutschen 57 Prozent ihres Geldes für Ernährung aus, heute nur noch 14 Prozent.

Ein Stall braucht eine Fütterungsanlage. Ein Abluftsystem. Eine Brandschutzeinrichtung. Der Einbau rentiert sich erst bei Stallungen ab einer bestimmten Größenordnung. „Im Landkreis Vechta liegt der Standard derzeit bei 2000 bis 3000 Mastplätzen“, weiß Bäurle. Die Bauern mussten sich spezialisieren – längst ist die Landwirtschaft so arbeitsteilig organisiert wie der Rest der Gesellschaft.

Noch mehr Zahlen: 1950 gab es knapp 1,8 Millionen Landwirtschaftsbetriebe in Deutschland. 2007 waren es nur noch 375 000.

Selbst der Meyer-Hof in Huntlosen kommt nicht ohne fremde Hilfe aus. Ein Lohnunternehmer fährt die Ernte ein. Zum Schlachten müssen die Schweine nach Wildeshausen gefahren werden; eine Hofschlachtanlage hat die Gemeinde nicht genehmigt. Für die Futtermischung müssen die Meyers Sojaschrot und Rapsschrot hinzukaufen, „da müssen wir uns auf das verlassen, was auf dem Lieferschein steht“, sagt Vater Meyer.

Dass Familie Meyer ihr Futter selbst mischt, hat erstens diesen Grund: „Das Futter wirkt sich wesentlich auf den Geschmack des Fleisches aus“, sagt Björn Meyer, Landwirt und Fleischermeister. Ihn ärgert es, dass landwirtschaftliche Produkte standardisiert würden. „Fleisch ist gleich Fleisch? Das ist so, als würde man Autos nicht nach Marken unterscheiden, sondern allein nach der Farbe!“ Das Meyerfleisch ist dafür etwas teurer als Supermarktfleisch.

Zweitens kann der Meyer-Hof das eigene Futter besser kontrollieren. Das hilft aber nicht immer: Als nach dem Skandal um Dioxin im Futter der Schweinepreis fiel, fiel er auch für Meyerschweine.

Kann in diesen Zeiten der Krise der Meyerkreislauf trotzdem ein Modell für die Landwirtschaft der Zukunft sein?

„Nein“, sagt Helmut Bäurle in Vechta. Für eine kleinteiligere Landwirtschaft bräuchte man mehr Betriebe, „und es fehlt schon jetzt an Nachfolgern“. Aber vor allem: Es fehlt an Fläche.

Jetzt tippt auch Bäurle eine Rechenaufgabe in seinen Taschenrechner. 38 Millionen Legehennen gibt es in Deutschland. Würde man die auf Freilandhaltung umstellen wollen, also auf vier Quadratmeter pro Huhn, bräuchte man 15 200 Hektar – 30 Prozent der Nutzfläche im Landkreis Vechta, „nur für Eier!“, sagt Bäurle.

Vielleicht ginge es, wenn man die Landwirtschaft in einer Art Planwirtschaft für ganz Deutschland steuern würde. „Das will doch keiner“, sagt Bäurle. Und eine Ernährungsumstellung? Zum Beispiel eine Einschränkung des Fleischkonsums? „Ich möchte mir nicht vorschreiben lassen, was ich wann esse“, so Bäurle.

Was wollen wir?

Er sagt aber auch: „Wir brauchen eine gesellschaftliche Diskussion über die Landwirtschaft der Zukunft.“ Kontrolllücken, wie sie im jüngsten Futtermittelskandal sichtbar wurden, müsse die Branche selbst schließen. „Aber wir müssen uns fragen: Welche Tierhaltung wollen wir? Wie kriegen wir das hin?“ Wer neue Stallgrößen zum Tierwohl festlege, müsse berücksichtigen, dass ein Bauer davon leben können muss. „Ein Landwirt ist ein Unternehmer, es muss Gewinne machen.“

Betriebe wie der Meyer-Hof können lediglich Nischen besetzen, glaubt Bäurle daher.

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Das sieht auch Friedrich-Wilhelm Meyer so: „So was läuft nur in Stadtnähe.“ Aber der Meyer-Hof läuft, er ernährt seit Jahren zwei Familien. Und die dritte Meyergeneration wächst bereits heran.


Spezial zum Skandal:   www. nwzonline.de/giftiges-futtermittel 
Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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