Osterholz-Scharmbeck Windböen fegen über die Feuchtwiesen und Stoppelfelder. Dick eingemummelt steht Tasso Schikore im Teufelsmoor nördlich von Bremen am Wegesrand und späht durch sein Fernrohr. „Da hinten sitzt ein großer Trupp Saatgänse und dazwischen ein paar Blessgänse“, murmelt der Biologe und greift zur Zähluhr. Schikore ist einer von rund 400 Aktiven, die in Niedersachsen, Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein regelmäßig zur „Wasser- und Watvogelzählung“ kurz WaVo, ausschwärmen. Die systematische Erfassung von Krickente, Graugans und Co. ist kein Job für Ungeduldige und Kälteempfindliche.

Manche Arten im Fokus

„Die WaVo ist das älteste und umfangreichste Erfassungsprogramm“, sagt Johannes Wahl vom Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA), dem Dachverband der Vogelkundler. Im Binnenland wird von September bis April gezählt, an der Küste ganzjährig. Die Termine sind mit den Nachbarländern abgestimmt. „Die Wasser- und Watvogelzählungen im schleswig-holsteinischen Wattenmeer finden im Rahmen des zwischen den Niederlanden, Deutschland und Dänemark harmonisierten Wattenmeermonitorings statt“, sagt Bernd Hälterlein von der Nationalparkverwaltung in Tönning (Schleswig-Holstein).

Die Zählgebiete sind fix, an manchen Terminen stehen ausgewählte Arten wie Zwergschwan oder Löffler im Fokus. Die Daten laufen bei den staatlichen Vogelschutzwarten und dem DDA zusammen. Sie geben Aufschluss über die Zugkorridore, Populationen sowie die Rast- und Lebensräume der Vögel. So können beispielsweise Feuchtgebiete von internationaler Bedeutung ermittelt werden.

Einmal im Jahr ist ganz Europa im Synchron-WaVo-Fieber. „Im Januar wird an einem Wochenende von Finnland bis nach Spanien gezählt“, sagt Wahl. Der Termin ist nicht zufällig gewählt. „Im Januar sind alle Vögel da angekommen, wo sie überwintern.“

An den Zählungen beteiligen sich neben Rangern und Mitarbeitern der Freiwilligendienste auch viele Ehrenamtliche. „Es sind in der Regel avifaunistische Gruppen, wo auch der Nachwuchs heranwächst“, sagt Katja Behm von der Staatlichen Vogelschutzwarte des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz. Manche Zähler sind schon seit Jahrzehnten dabei. „Es sind viele Rentner“, so Behm. Mancherorts fehle es in Niedersachsen an Nachwuchs. „Es gibt nur wenige Lücken“, sagt hingegen Behms schleswig-holsteinischer Kollege Hälterlein. Auch das Land Bremen verneint Zähllücken.

Mit Leidenschaft dabei

Die Ehrenamtlichen sind mit Leidenschaft dabei. „Es ist nicht unerheblich, was sie neben der Zeit einsetzen: Anfahrtswege, Ausrüstung und Sprit“, sagt Wahl. Allein ein solides Spektiv schlage mit 2000 Euro zu Buche. In Bremen erhalten die Freiwilligen nach Angaben des Sprechers des Umweltressorts, Jens Tittmann, eine kleine Aufwandsentschädigung.

Bei der Erfassung wird möglichst keine Art außen vor gelassen. „Alles, was Wasser- und Watvogel ist, wird gezählt. Auch Stockenten“, berichtet Wahl. Je nach Größe des Vogeltrupps zählen die Beobachter in Zehner-, Zwanziger- oder Hundertergruppen. Ein wichtiges Utensil ist die Zähluhr. „Zur Erfassung der großen Vogelschwärme im Wattenmeer bedarf es einiger Übung“, sagt Hälterlein. „Die Leute zählen sehr gewissenhaft“, sagt Wahl.

„Ein Zählfehler von plus/minus zehn Prozent ist realistisch“, sagt Schikore von der Biologischen Station Osterholz. „Wir neigen eher zum Geringschätzen.“

Zähler müssen auch den Überblick bewahren, wenn die Trupps plötzlich auffliegen. Das passiert beispielsweise, wenn ein hungriger Seeadler vorbeischaut. Nebel oder Starkregen zwingen die Vogelzähler zuweilen zu einem zweiten Anlauf.

Zähltaktik variiert

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Die Zähltaktik variiert. Im Nationalpark Wattenmeer wird bei Flut gezählt. Dann versammeln sich die Tiere an Land und sammeln Kraft für die nächste Futtertour. Kraniche lassen sich gut beim Schlafplatzeinflug im Abendrot zählen.

Zuweilen erteilen die Behörden auch Aufträge für Spezialzählungen. Über 31 Wochen werden derzeit in ausgewählten Gebieten in Niedersachsen Gänse und Schwäne parzellengenau kartiert. So sollen Fakten über die Weideflächen der Vögel gesammelt werden, die als Grundlage für Ausgleichszahlungen an Landwirte genutzt werden können.

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