Bad Zwischenahn Besucher, die längere Zeit nicht bei Rügenwalder in Bad Zwischenahn waren, können es nicht übersehen: Das Unternehmen ist kräftig gewachsen, auch räumlich. Da gibt es auf der anderen Seite der Industriestraße auf einmal ein Gebäude „Verwaltung 2“, und ein Schild weist den Weg zum „Werk 2“. Hintergrund ist der Boom bei fleischlosen Produkten, bei denen Rügenwalder (Umsatz über 200 Millionen Euro) Branchenpionier ist. Das Sortiment wurde teils grundlegend neu erfunden. „Und wir haben eben Platz gebraucht“, erläutert Firmenchef Christian Rauffus.

Jetzt beginnt eine weitere größere Veränderung. Rauffus, der als Geschäftsführer und Gesellschafter das Unternehmen seit 38 Jahren geprägt hat, zieht sich nach und nach in eine neue Rolle zurück: Ab Februar ist er Vorsitzender des neu geschaffenen Aufsichtsrates, sein Sohn Dr. Gunnar Rauffus ist der Stellvertreter. Die Leitung des operativen Tagesgeschäftes übernimmt ein lange bewährtes Team von Führungskräften mit Lothar Bentlage und Godo Röben, die fortan Geschäftsführer sind, sowie den Prokuristen (wie bisher) Michael Sanft und Thomas Wittkowski.

Er sei 64 Jahre alt, und es sei nun Zeit für Veränderungen, erläutert Christian Rauffus den Vorgang. Allerdings werde es keinen abrupten oder vollständigen Rückzug geben, betont der Rügenwalder-Chef, „eher einen Prozess des geschmeidigen Übergangs, mit Zeit“. Er werde sicherlich kürzertreten, aber mehrmals wöchentlich in der Firma sein, „mit Rat und Tat“, und „schwierige Entscheidungen gern mittragen“.

Auch ist die Rolle des neuen Aufsichtsrates wohl eher aktiv definiert. Die neun Gesellschafter aus dem Familienkreis sollen sich dort „regelmäßig und intensiv“ mit Konzepten befassen, die aus der Geschäftsleitung heraus entwickelt werden, heißt es in Bad Zwischenahn. So könne unabhängig vom Tagesgeschäft „klar gestaltet“ werden. „Und wir bleiben ein Familienunternehmen“, betont Christian Rauffus.

Optimale Ausbildung

So war es immer. Und so war es wohl auch immer klar, dass Christian Rauffus die Führung des Unternehmens mit Wurzeln in Rügenwalde (Pommern) eines Tages von seinem Vater Kurt (verstorben 2007) übernehmen würde. Auch dieser schied nicht von einem Tag auf den anderen, sondern über viele Jahre hinweg aus. Der Junior mit optimaler Ausbildung (Fleischerlehre und BWL-Studium) schwamm sich erst nach und nach frei.

Als er an Bord kam und 1978 Geschäftsführer wurde, war das Unternehmen nur ein Fünftel so groß (Umsatz umgerechnet 40 Millionen Euro) und völlig anders. Etwa 400 Produkte waren im Sortiment. Zugleich hatte die Teewurst überragende Bedeutung. Und die Firma betrieb auch eine eigene Ladenkette.

Und heute? Keine aufwendigen eigenen Läden mehr, wenige klare Produktschienen – diese aber mit hohem Entwicklungstempo. Die Innovationsrate liegt bei 20 Prozent des Sortiments pro Jahr. Rauffus brachte aus dem Studium das erst aufkommende moderne Marketing – warum kauft ein Mensch etwas, und zu welchem Preis? – mit ins Unternehmen. Er setzte gegen große Bedenken den ersten großen Fernsehspot (mit einem Ritter, der an der Ladentheke auftaucht) durch, worauf sich die Tonnage der Teewurst verdoppelte.

Erfolge am Markt

In seiner Ära gab es dann unzählige spektakuläre Markeneinführungs-Erfolge (u.a. „Schinkenspicker“). Sie wurden vielfach prämiert, wie die vielen Trophäen im Eingangsbereich der Firma zeigen.

Als Glücksfall erwiesen sich engagierte Mitarbeiter. Rauffus hat Vertrauen, erkennt Talente und lässt sie machen. „Ich habe Respekt vor der Leistung anderer“, sagt der 64-Jährige in Richtung seines „tollen Teams“. Mitarbeiter beschreiben das Betriebsklima als gut, es gibt wenig Fluktuation.

Einige langjährige Wegbegleiter, wie der quirlige Marketing- und Entwicklungschef Godo Röben, haben die Entwicklung besonders mitprägen können. Dem Kreativen aus Brake werden zahlreiche Innovationen zugeschrieben.

Über Jahrzehnte wuchs Rügenwalder in der Ära von Christian Rauffus sehr stetig, mal um drei, mal um fünf Prozent. Im Geschäftsjahr 2015 dann eine Umsatz-Explosion um 17 Prozent. Mehr als 130 neue Arbeitsplätze kamen hinzu (auf nun gut 570 Mitarbeiter und je nach Bedarf etwa 70 Leiharbeitskräfte). Motor waren die neuen fleischlosen Produkte ab Herbst 2014. Eine Kulturrevolution, die zeitlich passend kam, jenseits des Höhepunkts beim Fleischkonsum. Rauffus selbst trat mit Mitarbeitern in der Kino-Werbung auf und stellte fest: „Mein Gott, das geht!“ Die Kapazitäten der Firma waren wegen der Nachfrage aufs Extremste angespannt.

Inzwischen hat sich das normalisiert. Ob der „Veggie“-Trend wohl nachhaltig ist? Christian Rauffus, der als Fleischermeister weiß, von welchem Wandel er spricht, überlegt kurz: „Diese Produktsparte wird sicherlich ihren Platz in den Regalen behalten“, sagt er ohne sich auf Prozente festzulegen.

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Und er selbst? Rauffus freut sich, neben der Arbeit, die sich nun weniger um Tagesentscheidungen drehen wird, künftig mehr Zeit für anderes zu haben. Etwa für die Jagd, das Motorrad oder Strandwanderungen mit seiner Frau Heidi auf der Lieblingsinsel Norderney, oder auf eine Wohnmobil-Reise und schöne Ziele abseits des Rummels.

Mit dem Flugzeug zu Trendzielen rund um den Globus zu düsen, ist eher nicht Sache dieses bodenständigen Ammerländers, der auch in hektischen Phasen Ruhe ausstrahlen kann. „Der Weg ist das Ziel“, sagt er. Und das nimmt man ihm ab.

Rüdiger zu Klampen Redaktionsleitung / Wirtschaftsredaktion
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