Peking Die unsichtbare Hand des Marktes soll das chinesische Finanzsystem effizienter machen. So sehen es die Reformpläne der Regierung in Peking vor. Doch so ganz traut sich die Kommunistische Partei offenbar nicht, die Zügel loszulassen. Denn in einem freien Markt müsste sie sich auch bei drohenden Unternehmenspleiten zurückhalten. In einem aktuellen Fall hat sie sich aber, unter Einbindung der Investoren, wieder einmal für eine kontrollierte Rettungsaktion entschieden.

Der chinesische Anleihenmarkt galt lange als eher verschlafenes Umfeld. Bis zum vergangenen Jahr hatte Peking jedes Mal mit Finanzspritzen ausgeholfen, wenn ein Unternehmen in Schwierigkeiten geraten war. Käufer von Unternehmensanleihen hatten somit eine praktisch absolute Sicherheit. Inzwischen hält sich die Regierung immer öfter heraus, wenn ein Zahlungsverzug absehbar ist. Auf diese Weise will sie Investoren dazu bewegen, einzelne Anlagen genauer zu prüfen. Risikofreudige Schuldner sollen zu höheren Aufschlägen gezwungen werden.

Eine akute Kreditklemme des Stahlherstellers Sinosteel stellt den Reformwillen Pekings nun aber auf eine harte Probe. Das staatliche Unternehmen hätte seinen Gläubigern im Oktober eigentlich bis zu zwei Milliarden Yuan (292 Millionen Euro) auszahlen müssen. Als bekannt wurde, dass diese Forderungen wohl nicht bedient werden könnten, griffen die chinesischen Behörden sofort ein. Die Zahlungsfrist wurde bis zum 16. Dezember verlängert. Weitere Details sind bislang nicht bekannt. Auf Anfrage der Nachrichtenagentur AP sagte die Sinosteel-Sprecherin Zhang Zhuo lediglich, die beiden Seiten befänden sich bezüglich der Rückzahlungen in Verhandlungen.

Das Beispiel zeigt das Spannungsfeld, in dem sich die Kommunistische Partei bewegt. Einerseits will sie den Wettbewerb fördern und damit zusätzlichen Wohlstand schaffen. Andererseits beharrt sie weiter auf den Schutz von Staatsbetrieben, die sie im Rahmen ihrer sonstigen politischen und wirtschaftlichen Ziele für unverzichtbar hält. Und gerade der Stahlindustrie wird hinsichtlich der Wachstumsstrategie eine zentrale Rolle beigemessen.

Eine Öffnung des chinesischen Anleihenmarktes ist schon seit vielen Jahren im Gespräch. Die Details der aktuellen Reform hat die Kommunistische Partei noch nicht öffentlich gemacht. Einiges deutet aber darauf hin, dass das Prinzip „too big to fail“ hier sehr umfassend zur Anwendung kommt. Wenn ein Unternehmen zu groß oder zu wichtig sei, könne die Regierung nur schwer mit einer Insolvenz umgehen, sagt der Analyst Chen Kang von der chinesischen Beratungsgesellschaft SWS Research.

Das Wachstum der chinesischen Wirtschaft erreichte im vergangenen Quartal mit 6,8 Prozent den niedrigsten Stand seit sechs Jahren. Etliche Unternehmen, die mit einem Wachstum von mindestens 7,5 Prozent gerechnet hatten, geraten dadurch zunehmend in die Krise. Besonders betroffen ist die Baubranche - und damit Hersteller von Stahl und Zement, aber auch etwa von Solarzellen. Durch massive Expansion während des Baubooms der vergangenen Jahre bleiben sie nun auf Schulden sitzen oder haben einen deutlichen Überschuss an nicht mehr benötigten Produktionsanlagen.

Trotzdem hält sich die Zahl der Insolvenzen bisher in Grenzen. Grund dafür ist die nach wie vor schützende Hand Pekings. Im September wurde bekannt, dass die China National Erzhong Group, ein staatlicher Hersteller von Verhüttungsanlagen, nicht in der Lage sein würde, eine anstehende Zinsauszahlung von einer Milliarde Yuan (rund 147 Millionen Euro) zu bedienen. Der Mutterkonzern verhinderte Verluste aufseiten der Investoren, indem er ihre Anleihen aufkaufte.

Doch es kann in China neuerdings auch anders kommen: Vor gut einer Woche war die China Shanshui Cement Group nicht in der Lage, eine fällige Zahlung in Höhe von zwei Milliarden Yuan (294 Millionen Euro) zu erfüllen. In kleinerem Rahmen haben Investoren in den zurückliegenden Monaten außerdem bei Zahlungsausfällen eines Immobilienentwicklers, einer Solarzellenfirma und eines Herstellers von Energieanlagen Geld verloren.

Mit dem Zulassen von solchen kleineren sogenannten Defaults würden die Regulierungsbehörden Chinas versuchen, mehr Disziplin zu erzwingen, sagt Christopher Lee von der Hongkong-Niederlassung der Ratingagentur Standard & Poor“s. Gleichzeitig werde aber eine Welle von Ausfällen vermieden, um gesunden Unternehmen nicht den Zugang zu Kapital zu erschweren. „Marktdisziplin ist das Credo der Regierung, aber es ist ein Balanceakt“, betont Lee in einer E-Mail.

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Bei den aktuellen Zahlungsschwierigkeiten von Sinosteel dreht es sich um eine Anleihenausgabe aus dem Jahr 2010, die eigentlich erst 2017 fällig wird. Die Investoren hätten aber ein Recht darauf gehabt, schon in diesem Oktober eine vorzeitige Auszahlung zu verlangen. Das Eingreifen des Staates stellt nach Angaben der Unternehmenssprecherin Zhang keinen Verstoß gegen chinesisches Recht dar - das Einverständnis der Investoren vorausgesetzt. Zum aktuellen Finanzstatus von Sinosteel sowie zur genauen Rolle der Regierung wurden keine Angaben gemacht.

Die Probleme des Stahlherstellers sind eine Nebenwirkung der Bemühungen Pekings, die Wirtschaft des Landes neu auszurichten - weg von dem Schwerpunkt auf Handel und staatliche Investitionen und hin zu einem nachhaltigeren Wachstum, das stärker von Konsum und von Dienstleistungen getrieben wird. In diesem Rahmen eingeführte Kontrollen zur Eindämmung des schuldenfinanzierten Baubooms haben die Nachfrage nach Stahl und Zement sowie anderen Bauprodukten einbrechen lassen.

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