Oldenburg Beim Team von Anja Friedrich in der Zentrale des Oldenburger Vereins Pro Connect klingelte das Telefon. Der Landkreis Ammerland war dran: Ein Unternehmen habe sich dort gemeldet, das gern auch einen geflüchteten Menschen einstellen würde – jemand, der fließend Französisch spricht. Denn die Firma hat viel mit Frankreich zu tun. „Und, ja, da hatten wir tatsächlich jemanden aus Afrika, der passte, in unserer Datenbank“, erzählt Anja Friedrich. Der junge Mann habe inzwischen den Vertrag bei der Firma im Ammerland unterschrieben, freut sie sich. Die weitere Integration des jungen Mannes in Deutschland kann ihren Lauf nehmen.

Friedrich (46), die auch schon Projekte in Afrika betreut hat, leitet bei Pro Connect die Integrationsberatung. Der Oldenburger Verein, mit Zuständigkeit auch im Ammerland sowie seit 2018 auch im Landkreis Oldenburg und in Delmenhorst, bringt arbeitsuchende Geflüchtete und Hunderte Arbeitgeber der Region zusammen – mit dem Ziel einer Ausbildung und einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit. „Im Mittelpunkt steht die erfolgreiche Integration in unsere Gesellschaft“, heißt es.

Schnelle Lösungen

Und die erwähnte schnelle Lösung für den jungen Geflüchteten mit den Französisch-Kenntnissen im Ammerland ist kein Einzelfall: „Mehr als 500 Vermittlungen in Praktika, Ausbildung, Einstiegsqualifizierung, Minijobs und Festanstellung“ seien bereits vorbereitet und begleitet worden, heißt es in einer Zwischenbilanz. „Wir haben in fast alle Berufe vermittelt – vom Fachinformatiker über Koch und Lagerlogistiker bis zum Chemielaboranten.“ Am größten sei der Bedarf im Gesundheitswesen.

Der Verein, im Jahr 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle gegründet, hat jetzt seine Erfahrungen in einem Handbuch („Wir über uns“) zusammengefasst. Es kann in der Geschäftsstelle abgeholt werden und soll ab Juli auch online abrufbar sein (www.proconnect-ev.de). Das Buch gibt Betrieben nützlichen Rat für die Integration von geflüchteten Menschen.

„Aber nicht nur das“, erläuterten die ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder Ernst Jünke (71) und Werner zu Jeddeloh (72) mit der hauptamtlichen Beratungsleiterin Anja Friedrich in einem Gespräch mit unserer Zeitung: Das Beispiel Pro Connect zeige auch, was an Gutem für die Gesellschaft herauskommen könne, wenn ein Netzwerk aus vielen beteiligten Bereichen konstruktiv zusammenarbeite.

Diese Vernetzung, mit Akteuren wie etwa IHK, Handwerkskammer, Arbeitsagentur und Jobcentern sowie Kommunen, gilt ja als eine altbekannte Stärke des Oldenburger Landes – gerade auch bei Arbeitsmarkt-Themen. Und diese regionale Grundhaltung dürfte dazu beigetragen haben, dass der Verein Pro Connect bei seiner Gründung unter den alteingesessenen Akteuren gleich wohlwollend aufgenommen wurde – statt als Konkurrent zu gelten.

Heute kurvt man zwischen den großen Organisationen als eine Art „Schnellboot“, das auch kurzfristig Lösungen ermöglicht oder besonders flexible Extra-Unterstützung bietet – etwa, indem Flüchtlings-Azubis von Ehrenamtlichen zusätzlich begleitet werden, wenn dies nötig ist.

Rund 50 Frauen und Männer engagieren sich bei Pro Connect auf diesem Gebiet. „Es können auch noch mehr werden“, erläuterte Werner zu Jeddeloh: Der Bedarf sei vorhanden, bei verschiedensten Qualifikationen. Die Aufgabe sei viel größer als anfangs gedacht – sowohl zahlenmäßig als auch beim Zeithorizont und bei inhaltlichen Fragen.

Pro Connect war 2015 u.a. von Persönlichkeiten aus Oldenburger Serviceclubs und regionalen Unternehmen gegründet worden, wie Gerlinde Röben, Werner zu Jeddeloh und Ernst Jünke – spendenfinanziert und mit Unterstützung der Stadt Oldenburg und des Ammerlandes. Der Ansatz war zunächst eher karitativ und relativ kurzfristig angelegt, auf etwa drei Jahre. Daraus sind nun fast vier geworden. „Und jetzt fragt man uns schon nach einer Planung bis 2025“, sagt Vorstandsmitglied Ernst Jünke. Es werde eben immer deutlicher: „Integration braucht Zeit.“ Von zehn Jahren ist die Rede.

Fachkräfte für Region

Zu Jeddeloh nennt noch einen weiteren, in der Bedeutung stetig wachsenden Aspekt der längerfristigen Vereins-Arbeit: „Wir leisten auch einen Beitrag zur Fachkräftesicherung in der Region“, so der frühere Büfa-Chef.

Für den schlank aufgestellten Verein mit nur acht fest Beschäftigten (meist Teilzeit) heißt das: Auch die Finanzierung (Jahresbudget rund 300 000 Euro) über Programme von EU, Land und Kommunen sowie über Spenden muss sichergestellt werden. Das hat aber auch bisher immer geklappt: „Die Arbeit von Pro Connect wird ja positiv gesehen, in der Region, aber auch in Hannover“, freut sich Werner zu Jeddeloh (72).

Das zeige sich aktuell auch bei der Initiative, duale Berufsausbildungen (wie Fachlagerist oder Verkäufer) in einem Oldenburger Modellvorhaben von zwei auf drei Jahre Dauer zu erweitern, sagt Jünke. Das Extra-Jahr solle gezielt genutzt werden, etwa für Sprache. Generell sollen auch Ausbildungsabbrüche wieder seltener werden. Das Pro-Connect-Vorstandsmitglied Jünke war einst Leiter der Berufsschule BBS Wechloy – er weiß, wovon er spricht.

Überhaupt: Die Erfahrung und Vernetzung derer, die sich bei Pro Connect reinhängen, sei von unschätzbarem Wert, heißt es in der unscheinbaren Zentrale des Vereins in der Güterstraße 1. Sie hätten mit ihrem Engagement schon viele Türen geöffnet: Zuweilen reicht ein Anruf.

Und in der regionalen Wirtschaft weiß man wohl auch längst, was man an Pro Connect hat: „Die Unternehmen reagieren bei unserer Kontaktaufnahme positiv und offen“, freut sich Anja Friedrich. Hunderte Arbeitgeber aus Oldenburg und dem Umland gehören bereits dem Netzwerk von Pro Connect an. „Sie wissen: Die Flüchtlinge, die von uns kommen, tun dies aus freien Stücken, mit hoher Motivation“, betont Anja Friedrich. Das sei wichtig für das Engagement der Betriebe.

Was macht Pro Connect konkret? Im Prinzip geht es darum, die Qualifikationen und Persönlichkeiten von (zurzeit rund 1000) Geflüchteten zu erfassen („Profiling“) und sie – auch mit Hilfe der eigenen Datenbank – mit regionalen Arbeitgebern bzw. Ausbildungsbetrieben zusammenzuführen. Bei diesem „professionellen Matching-Prozess“ kann man den geflüchteten Männern und Frauen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten rund 300 Tätigkeitsfelder anbieten, erläutert Anja Friedrich. Konkret geht es oft auch um Sprachförderung und teils individuelle Begleitung, bis in die Unternehmen hinein.

Einfach hereinkommen

Erste Kontakte zu Pro Connect ergeben sich auf ganz unterschiedliche Weise, z.B. über andere Organisationen. Mit Arbeitsagentur, Jobcenter, Kammern und Kommunen etwa kommt man regelmäßig zu einem „Montagsmeeting“ zusammen. Da geht es dann auch oft um konkrete Fälle, um Förderbedarf und Betreuung. Oder: Flüchtlinge, die für sich mit Pro Connect den richtigen Weg fanden, erzählen es weiter: Dann klopfen auch Verwandte und Bekannte an. Mancher Geflüchtete kommt zudem direkt vorbei.

Andere tun es nicht. Sie sollen aber gezielter angesprochen, gestärkt und begleitet werden. So sagt Ernst Jünke mit Blick in die Zukunft: „Wir werden uns künftig mehr um die Frauen kümmern.“

Rüdiger zu Klampen Redaktionsleitung / Wirtschaftsredaktion
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