Oldenburg Auch im 200. Geburtsjahr des genossenschaftlichen Vordenkers Friedrich Wilhelm Raiffeisen blüht das Genossenschaftswesen im Nordwesten. Das wurde am Mittwoch beim Verbandstag des Genossenschaftsverbandes Weser-Ems in Oldenburg deutlich. Im laufenden Jahr seien bereits fünf weitere Genossenschaften hinzugekommen, berichteten die Verbandsdirektoren Johannes Freundlieb und Axel Schwengels vor Hunderten Repräsentanten regionaler Genossenschaften. Zu den Neugründungen zählten etwa die Gaststätte (heute Dorfgemeinschaftshaus) „Zum Schanko“ in Holdorf, über die sogar die „New York Times“ als vorbildlich für den ländlichen Raum berichtet habe, außerdem etwa kommunale Datenverarbeitung (KDO) oder auch das Touristik-Projekt „Wir reisen“.

Bereits 2017 habe es in Weser-Ems zehn neue Genossenschaften u.a. in den Bereichen Energie, Nahversorgung, Gesundheit, Kultur und Wohnen gegeben. Dazu habe auch die intensive Gründungsberatung des Verbandes beigetragen, sagte Freundlieb. Für die Zukunft wurde die Beteiligung an einer neuen „Team-Akademie“ angekündigt, die gezielt die „Start-up-Szene“ für gemeinsame Genossenschaftsgründungen beflügeln soll.

Der Verbandstag stand ganz im Zeichen des „Raiffeisen-Jahres 2018“, mit dem an den Gründervater Raiffeisen erinnert wird. „Die Genossenschaftsidee ist in der heutigen Zeit aktueller denn je. Und sie ist eine Idee mit Zukunft“, betonte Verbandsratsvorsitzender Ralph Zollenkopf. Sie verbinde wichtige Werte, darunter Demokratie, Solidarität, Nachhaltigkeit.

„Die Genossenschaftsidee lebt“, betonte auch Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU). Dies zeige sich auch an der Vielzahl der neuen Gründungs-Themen – einschließlich Energie, Breitband, Ärzten, Lösungen für Familien und den ländlichen Raum.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen habe in der Zeit der industriellen Revolution gelebt, sagte Althusmann. Seine Ideen hätten den Wandel mitgestaltet. Als zentrale aktuelle Herausforderungen der Gesellschaft nannte der Minister Fachkräftemangel, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Berufsorientierung und Infrastrukturausbau, einschließlich A 20 und schnellem Internet. „Die Frage ist, ob es uns gelingt, die Bremsen zu lösen“, sagte Althusmann. Er forderte „schnellere Genehmigungszeiten“.

Das Umfeld der 304 zum Verband gehörenden Genossenschaften und weiteren Unternehmen werde „zunehmend herausfordernder“, sagte Verbandsdirektor Schwengels mit Blick auf Aspekte wie die Hitzewelle, Tierschutz oder auch Regulatorik. Einige Details zum laufenden Jahr:

Die 60 Volks- und Raiffeisenbanken erwarteten weiteres Wachstum bei Einlagen und Krediten, so Schwengels. Der Druck auf das Betriebsergebnis (im Verhältnis zur Bilanzsumme) dauert aber offenbar an. Demnach wird hier ein Wert von etwa 0,93 Prozent erwartet nach 0,98 und 1,02 Prozent in den Vorjahren. Schwengels warnte erneut vor einer europäischen Einlagensicherung. In den betreffenden Krisenländern und -instituten müssten Hausaufgaben gemacht werden.

Die ländlichen Genossenschaften spüren den Ausführungen zufolge gewisse Wachstumsgrenzen. So könnte etwa die Nachfrage von Futtermitteln sinken. Mit Blick auf Dürreschäden bei Bauern appellierte Schwengels an die Politik, Hilfen schnell und unbürokratisch auszuzahlen.

Bei den Molkereigenossenschaften hält der Verband im Herbst höhere Milchpreise für möglich. Mit Blick auf die bereits 71 Energiegenossenschaften wird ein „unverändert hohes Potenzial“ u.a. für kleinere und regionale Einheiten gesehen, sich autark mit Wärme zu versorgen. Der Verband engagiere sich weiter für die Beteiligung von lokalen Haushalten (Bürgerenergie).

„Das beste Lied für Raiffeisen“ reichte Jana Breman aus der Grafschaft Bentheim beim Wettbewerb des Genossenschaftsverbandes ein. Das Bild zeigt sie mit Direktor Johannes Freundlieb (links) und Abteilungsleiter Harald Lesch. Bild: Ritzmann/GVWE

Unterdessen sind zwei Projekte zum „Raiffeisen-Jahr 2018“ jetzt aus regionaler Sicht abgeschlossen worden: Beim Verbandstag berichtete der Autor und Moderator Manuel Andrack von seiner „Raiffeisen-Tour“ – einer Wanderung zu verschiedensten Genossenschaften in Deutschland, u.a. zum Käsewerk von DMK in Edewecht.

Zudem wurde die 17-jährige Jana Breman aus der Grafschaft Bentheim geehrt. Sie hatte „das beste Lied auf Raiffeisen“ eingereicht. Titel: „Einer für alle, alle für einen.“

Rüdiger zu Klampen
Redaktionsleitung
Wirtschaftsredaktion

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