Oldenburg Was können Unternehmen von einem Stau auf der Autobahn und überfüllten Zügen lernen? „Beides sind Ärgernisse. Doch wir machen den Fehler, uns einfach nur darüber aufzuregen und gleich vom drohenden Weltuntergang zu sprechen, statt nach Lösungen zu suchen, um diese Nervereien zu beseitigen. Und genau das haben uns die ganz Großen aus der Silicon-Valley-Schmiede voraus“, sagte Christoph Keese, Wirtschaftswissenschaftler, Journalist und Buchautor, am Dienstag vor mehr als 400 Gästen in der LzO-Zentrale in Oldenburg.

Olaf Hemker, Mitglied des Vorstandes der LzO, betonte, wie wichtig es der LzO sei, Unternehmen aus der Region einen Raum zu geben, in dem sie Denkanstöße erhalten und Erfahrungen austauschen könnten. Keese trat im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Unternehmenswert Mensch“ auf, die zum dritten Mal gemeinschaftlich von den Freunden der Wirtschaftsjunioren bei der Oldenburgischen IHK und der LzO veranstaltet wurde. Sein Vortrag – überschrieben mit „Silicon Germany – kapieren, nicht kopieren“, zeigte schonungslos auf, warum Deutschland zurzeit noch nicht so recht warm mit der Digitalisierung wird.

Bestes Beispiel für einen Vordenker sei der E-Auto-Pionier Tesla aus den USA. „Firmenchef Elon Musk möchte alle Ärgernisse aus dem Pendleralltag verbannen. Er denkt kundenorientiert, siehe beim Projekt Hyperloop. Das ist eine Kapsel, mit der wir uns mit rund 900 Stundenkilometern fortbewegen können sollen“, sagte Keese. „Im Silicon Valley sind Ärgernisse ein Markt, denn wird eine Lösung für Probleme gefunden, sind Menschen auch bereit, dafür zu zahlen. Sprich, schaffe andere Verkehrsmethoden, um den Stau abzuschaffen“, erklärte Keese.

Zum Vergleich: „Wir bauen hierzulande so viele Autos, dass unsere Infrastruktur diese Masse überhaupt nicht mehr bewältigen kann. Wir stehen ständig im Stau, es gibt viele Baustellen, die Produktionsgrenzen werden irgendwann erreicht. Das ist auf Dauer kontraproduktiv.“

Meist seien die sogenannten Disruptoren – das sind meist junge, mutige und kleinere Unternehmen, die andere in ihrem Geschäftsfeld angreifen, um es zu zerstören und sich den Kundenstamm sowie das Kapital zu sichern – vorher noch nie in dem Bereich tätig gewesen, den sie revolutionieren. Elon Musk von Tesla habe beispielsweise noch nie vorher Autos oder Raketen gebaut oder Züge, sagte Keese.

„Disruptoren greifen das Stammgeschäft an“, sagte Keese. Das sei aber nicht mit einer Evolution zu verwechseln wie der Sprung von der Schallplatte zur CD. „Die ganzen Produktionsketten sind erhalten geblieben, man brauchte nur neue Maschinen.“ Spotify dagegen sei ein Disruptor. „Sie bieten fast unendlich viel Musik an – im Vergleich zur CD zu einem Spottpreis“, sagte Keese.

Der Schlüssel zum Erfolg sei nicht die Hardware. „Damit lässt sich auf lange Sicht kein Geld verdienen, der Preisverfall ist viel zu groß. Die richtige Software ist der Schlüssel“, sagte Keese. Ein Beispiel dafür sei der chinesische Drohnenhersteller DJI, der gut ausgestattete Drohnen für unter 20 Dollar anbieten kann. „Die Hardware stammt fast eins zu eins aus einem Smartphone, es fehlt nur der Motor. Aber was diese Drohnen so einzigartig macht, ist die Software, die fast alle anderen Drohnenhersteller nutzen“, sagte Keese. Zum Vergleich: Vor einigen Jahren waren Drohnen noch extrem teuer, hohe drei- bis vierstellige Beträge mussten je nach Ausstattung dafür gezahlt werden.

„Oder schauen Sie sich Nokia und Apple an. Nokia setzte auf Hardware, ist inzwischen von der Bildfläche verschwunden. Apple dagegen setzt auf gute Software und hat Erfolg. Dafür gibt es zig weitere Beispiele“, sagte Keese. Unternehmen, die dieses Prinzip schon verstanden haben, seien etwa SAP, Delivery Hero, Zalando oder auch die Otto Group, die allesamt intelligente Software-Lösungen einsetzten, ohne viel Geld in Hardware investieren zu müssen.

Was viele Start-ups gemeinsam haben: Sie nehmen recht wenig Kapital in die Hand, um eine möglichst große Marge zu erzielen – auch, weil Start-ups wegen des großen Risikos, mit ihrer Idee zu scheitern, kaum an Kredite kommen. Klassische Unternehmen machen es dagegen genau umgekehrt. Sie leihen sich viel Geld, haben hohe Kredite zu zahlen und eine entsprechend geringere Marge.

Ein weiteres Beispiel aus dem Alltag ist der Vergleich zwischen Car-Sharing-Anbietern und Fahrvermittlungsdiensten wie Uber. Uber habe letztlich die viel größere Marge, da sie keine eigenen Autos haben, sich also nicht um die Wartung und viel Personal kümmern müssen, was der Car-Sharing-Anbieter jedoch muss. Flixbus arbeite nach demselben Prinzip. „Sie besitzen nur einen einzigen Bus, weil sie es müssen, ansonsten ist die Flotte gemietet“, sagte Keese. Ähnlich sei es auch mit der Vermittlung von Zimmern, wie es Airbnb macht. „Sie haben keine einzige Immobilie“, erklärte Keese.

Wie also kann Digitalisierung hierzulande gelingen? „Man muss verstehen, wie Silicon Valley funktioniert, wie dort gedacht wird. Einfach andere zu kopieren, bringt überhaupt nichts, aber man kann von ihnen lernen. Es ist auch ein Fehler alles, was man vorher analog gemacht hat, einfach nur zu digitalisieren. Dann gehen Sie trotzdem pleite.“ Ohne Zweifel hätten Sorgen und Ängste auch etwas Gutes, denn sie schützten vor unüberlegten Handlungen. „Doch Angststarre verbaut Optionen“, sagte Keese. Stattdessen sollten wir seiner Meinung nach lernen, unsere Sorgen zu artikulieren.

Dazu gehöre auch Mut. „Disruption in Eigenregie ist möglich“, sagte er. Etwa, wenn man selbst den eigenen Beruf oder das eigene Geschäftsmodell gedanklich angreift und demontiert. „So können Sie der Veränderung durch Dritte zuvorkommen“, sagte Keese. Sich selbst neu zu erfinden, Möglichkeiten zu entdecken und einen Neuanfang zu wagen, das war sein Rat an alle, die Lust haben, Angst in Innovation zu verwandeln. Führungskräfte müssten lernen, loszulassen, eher Mentoren zu sein. Flache Hierarchien seien wichtig. „Wir sollten Bewerber auch nicht mehr nur nach dem Lebenslauf auswählen, sondern vor allem danach, ob sie ins Team passen, für ein gutes Arbeitsklima sorgen und die Firmenphilosophie leben“, sagte Keese. Jeder müsse sich fragen, ob er ein Möglichmacher oder ein Verhinderer sei.

In der anschließenden Diskussionsrunde, moderiert von Uwe Haring und Andrea Maria Waden, Vorsitzende der Freunde der Wirtschaftsjunioren bei der IHK, erklärte Keese, dass auch der stationäre Einzelhandel und das Handwerk von der Digitalisierung profitieren könnten. Das Handwerk könne seinen Kundenstamm erweitern, was ohne digitale Hilfsmittel schwierig sei. Ein Beispiel: „Wer eine CNC-Fräse hat, kann diese nur schwer auslasten. Es gibt aber schon Anbieter, die Aufträge an Handwerker weitervermitteln, etwa für maßangefertigte Schränke oder Regale“, sagte Keese.

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Der stationäre Einzelhandel könne davon profitieren, wenn Einkaufen wieder zu einem Erlebnis würde, sagte Keese. „Das fängt schon bei Kassen an, die abgeschafft werden sollten, siehe Amazon Go in den USA oder einige Apple-Stores, wo jeder Mitarbeiter eine Kasse ist und niemand mehr anstehen muss.“ Autos sollten laut Keese aus den Städten verbannt werden, man brauche wieder Wohlfühlmeilen in den Städten, in denen es Spaß mache zu verweilen. „Allerdings müssen die Einzelhändler auch dazu bereit sein, umzubauen, um das zu ermöglichen“, sagte er.

Und eines müsse jedem klar sein: „Wandel erzeugt auch immer Schmerzen“, sagte Keese. Das habe er selbst schon häufig erfahren müssen, aber er sei daran gewachsen.

Sabrina Wendt Redakteurin / Wirtschaftsredaktion
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