Frage: Über Landwirtschaft wird in der Öffentlichkeit zum Teil kontrovers diskutiert. Erschwert das die Suche nach Nachwuchskräften in den grünen Berufen?
Evers: Die Öffentlichkeit mag gegenüber der Landwirtschaft kritischer geworden sein, aber bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen scheint dies keine große Rolle zu spielen. Die Qualität unserer Berufsausbildung im ­Agrarbereich spiegelt sich auch dadurch wider, dass 35 Prozent der Auszubildenden von ihrer Herkunft her gar nicht aus dem agrarischen Bereich kommen. Und diese jungen Menschen schätzen an der grünen Branche das Ausbildungsspektrum, den Umgang mit Menschen, Tieren und Natur. Außerdem gibt es gute Beschäftigungsmöglichkeiten für diese Menschen in der Agrar- und Hauswirtschaft, aber auch in vor- und nachgelagerten Bereichen, wie etwa in den Genossenschaften oder der lebensmittelverarbeitenden Industrie.
Anke Evers Bild: Landwirtschaftskammer
Frage: Wie haben sich die Ausbildungszahlen in den grünen Berufen zuletzt in Niedersachsen entwickelt?
Evers: Für das letzte Ausbildungsjahr liegen die Zahlen bei 5546 Ausbildungsverhältnissen. Davon ist ungefähr ein Drittel im Beruf Landwirt/Landwirtin angesiedelt. Über alle Berufe, die die Landwirtschaftskammer betreut, hatten wir in den vergangenen zehn Jahren – bedingt durch den demografischen Wandel – einen Rückgang von circa zehn Prozent. Damit bewegen sich die Bewerberzahlen aber immer noch auf einem relativ hohen Niveau.

Expertin bei Landwirtschaftskammer

Anke Evers ist Fachbereichsleiterin Aus- und Fortbildung, Landjugend bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und Jury-Mitglied beim Preis für Innovative Ausbildung (PIA) der NWZ. Mit dem Preis sollen Betriebe gewürdigt werden, die in Sachen Ausbildung mehr tun als üblich. In diesem Jahr haben 31 Unternehmen aus verschiedensten Branchen und aus allen Teilen des Oldenburger Landes Bewerbungen eingereicht. Die Sieger werden Ende Oktober von einer Jury ermittelt.

    www.nwzonline.de/pia

Frage: Zieht sich diese Entwicklung über alle Ausbildungsberufe in den grünen Berufen hinweg oder gibt es da auch Unterschiede?
Evers: Unverändert beliebt sind gartenbauliche und landwirtschaftliche Berufe, Fachkraft Agrarservice in Lohnunternehmen, die weißen Berufe der Milchwirtschaft, Pferdewirt/Pferdewirtin sowie Pflanzentechnologe/Pflanzentechnologin. Einen spürbaren Rückgang erleben wir leider schon seit Jahren in der Hauswirtschaft, obwohl dies ein zunehmend wichtiger Dienstleistungsberuf für die Gesellschaft ist. Hier sind die Ausbildungszahlen in den vergangenen zehn Jahren um die Hälfte zurückgegangen.
Frage: Rechnen Sie damit, dass es hier durch das neue Zentrum ZEHN jetzt neue Impulse geben könnte?
Evers: Auf jeden Fall. Das ZEHN, das Zentrum für Ernährung und Hauswirtschaft Niedersachsen, wird eine wichtige Rolle spielen. Das neue Landeszentrum hat Anfang Oktober mit Sitz bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in Oldenburg seine Arbeit aufgenommen. Eine von dort aus initiierte Imagekampagne für die Hauswirtschaft soll für mehr gesellschaftliche Akzeptanz sorgen. Dabei geht es darum, den Beruf des Hauswirtschafters/der Hauswirtschafterin attraktiver zu machen und darum, eine größere Wertschätzung von privaten hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, den sogenannten Alltagskompetenzen, zu erreichen.
Frage: Wie sieht es allgemein mit der Ausbildungsbereitschaft in den Betrieben in Niedersachsen aus?
Evers: Grundsätzlich ist die Ausbildungsbereitschaft ungebrochen. Die ethischen, ökologischen, sozialen und ökonomischen Herausforderungen erfordern auch bei den Ausbildungsbetrieben ein Neudenken. Die Landwirtschaftskammer unterstützt dabei und greift neue Themen in der Ausbildungsberatung auf. Beispielsweise werden Ausbilder/Ausbilderinnen geschult, Themen wie Klimawandel und Klimaanpassungsstrategien, Digitalisierung, Tierwohl, Ressourcenschutz und Nachhaltigkeit aufzunehmen. Ein zweiter Punkt: Auch auf den Ausbildungsbetrieben vollzieht sich ein Generationswechsel. Die sogenannte Y-Generation ist mit dem Internetboom und der Globalisierung aufgewachsen. Und sie geht diese neuen Herausforderungen offen an und bindet ihr Wissen darüber in den Ausbildungsalltag ein.
Frage: Was sollten junge Leute mitbringen, die eine Ausbildung in den grünen Berufen anstreben?
Evers: Sie sollten Interesse an Natur und Umwelt, Spaß an Technik, Lust auf Teamarbeit und Umgang mit Menschen haben. Auch sollten sie in der Lage sein, Verantwortung zu übernehmen und auch Entscheidungen zu treffen. Ein Realschul- oder ein solider Hauptschulabschluss mit guten Noten in Naturwissenschaften erhöhen die Chancen auf einen Ausbildungsplatz. Aber auch Abiturienten finden einen Platz. In einigen grünen Berufen ist es gut, zu Beginn der Ausbildung einen Treckerführerschein in der Tasche zu haben.
Frage: Immer häufiger ist aus Betrieben zu hören, dass junge Leute teils falsche Vorstellungen von den Ausbildungsberufen hätten. Die Folge: hohe Abbrecherquoten. Ist das auch in den grünen Berufen der Fall?
Evers: Natürlich gibt es Berufsumsteiger. Die Probezeit in den Ausbildungsverhältnissen ermöglicht beiden Vertragspartnern zu schauen, ob man wirklich zusammenpasst. Wir empfehlen den jungen Menschen grundsätzlich, vorher in die Berufe reinzuschnuppern. Und das vermitteln wir auch an die Arbeit-Wirtschaft-Technik-Lehrer der Schulen. Diese können sich gern an die Landwirtschaftskammer wenden, wenn es beispielsweise um die Vermittlung von Praktikumsplätzen geht. Darüber hinaus bieten wir auch umfangreiches Informationsmaterial an, was zur Berufsorientierung in den Schulen eingesetzt werden kann.
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Jörg Schürmeyer Redakteur / Wirtschaftsredaktion
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