Frage: Herr Schwegmann, wohl kein anderer Vorstandschef eines börsennotierten Unternehmens in Deutschland hat so viele Spirituosenflaschen im Büro stehen wie Sie. Wollen Sie ganz allein den Getränkeabsatz von Berentzen in die Höhe treiben?

Schwegmann: (lacht) Zunächst mal: Es sind nicht nur Spirituosenflaschen, sondern auch alle unsere alkoholfreien Getränke, die ich hier im Büro stehen habe. Und außerdem sind die Flaschen alle noch voll. Im Ernst: Ich möchte unser aktuelles Portfolio in meinem Büro haben – und zwar aus all unseren Getränkebereichen. Wenn man für ein Unternehmen arbeitet, finde ich es wichtig, sich mit den eigenen Produkten auch zu identifizieren und sie tagtäglich vor Augen zu haben.

Frage: Mit welchem Produkt können Sie sich zurzeit besonders gut identifizieren?

Schwegmann: Ich hatte die große Ehre, als eine meiner ersten Amtshandlungen unsere neue Destille hier in Haselünne einzuweihen. Und ich bin tatsächlich ein großer Fan unseres „Korn2Korn“ geworden, eines handgemachten Premium-Korns.

Frage: Was macht Ihnen Hoffnung, dass andere Ihre Begeisterung teilen, und ausgerechnet der eher bodenständige und volkstümliche Korn ein Trendgetränk werden kann?

Schwegmann: Der Korn hatte in den vergangenen Jahrzehnten leider ein schlechteres Image als er verdient. Denn der Korn hat aus meiner Sicht alles Recht der Welt, als Premiumspirituose erfolgreich zu sein. Beim Korn haben wir etwa ein Reinheitsgebot wie beim Bier, das es bei anderen Spirituosen nicht gibt. Das heißt, es dürfen nur bestimmte Rohstoffe für die Herstellung verwendet werden. Mit unserer neuen Destille setzen wir zudem voll auf den Trend, das alte Brennhandwerk wieder hervorzuheben. Die Barkeeper dieser Welt sind immer auf der Suche nach neuen spannenden Getränken. Wir glauben, dass der Korn das neue Szenegetränk werden kann.

Frage: Viele Experten rechnen nicht damit, dass es am Spirituosenmarkt noch Wachstumssprünge geben könnte. Wo sehen Sie noch Potenzial?

Schwegmann: Ich würde widersprechen, wenn gesagt wird, dass der Spirituosenmarkt keine Wachstumschanchen mehr verspricht. Klar, in der gesamten Konsolidierung der Spirituose sieht man einen sehr stabilen Markt ohne große Ausschläge nach oben oder unten. Aber innerhalb des Marktes gibt es Segmente, die sich sehr dynamisch entwickelt haben, etwa Gin. Und deshalb sind wir überzeugt davon, dass man mit innovativen Konzepten und neuen Darreichungsformen auch im alkoholischen Bereich auch künftig noch Wachstum generieren kann.

Frage: Wo sehen sie im alkoholischen Bereich noch Innovationspotenzial?

Schwegmann: Sehr viel Potenzial sehen wir etwa beim ganzen Thema Mixgetränke. Und auch im Leichtalkoholbereich gibt es aus unserer Sicht noch Innovationsmöglichkeiten.

Frage: Im alkoholfreien Bereich war die Berentzen-Gruppe mit einer Innovation, dem koffeinhaltigen Erfrischungsgetränk Mio Mio, zuletzt sehr erfolgreich. Planen Sie hier einen weiteren Ausbau?

Schwegmann: Unbedingt. Das ist auch ein Thema, das wir künftig ganz klar in den Vordergrund stellen wollen. Wir waren mit unserer Tochter Vivaris auch historisch bedingt sehr stark im Konzessions- und Lohnabfüllungsgeschäft aktiv. Mit Mio Mio aber auch mit neuen Ideen haben wir die Chance, mit eigenen starken Marken zu wachsen. Und Mio Mio ist trotz der hohen Wachstumsraten immer noch ein Rohdiamant. Hier wollen wir nun sowohl in die Vertriebsstrukturen als auch ins Marketing sehr stark investieren.

Frage: Ein anderer Hoffnungsträger, das Geschäft mit Saftpressen unter der Marke Citrocasa, hat zuletzt die Erwartungen nicht mehr ganz erfüllt. Mit welcher Entwicklung rechnen Sie hier?

Schwegmann: Grundsätzlich ist dieser Markt für uns weiter wahnsinnig spannend. Er ist ein junger Markt, der noch viel Absatzpotenzial bietet. Nehmen Sie den Lebensmitteleinzelhandel, wo das Thema Erlebnisshopping immer wichtiger wird. Und so eine Saftpresse kann eine Obst- und Gemüseabteilung stark aufwerten. Andererseits ist es manchmal so, dass bei einem sehr dynamischen Geschäft die Infrastruktur eines Unternehmens nicht unbedingt immer so schnell wächst wie die Umsatzentwicklung. Bei Citrocasa hat uns zudem noch eine schlechte Orangenernte in Südeuropa und Südafrika zu schaffen gemacht. Grundsätzlich bin ich in diesem Bereich aber überzeugt davon, dass wir noch lange nicht am Ende sind. Da mache ich mir keine Sorgen.

Frage: Apropos Sorgen machen: Nachdem Berentzen in den vergangenen Jahren Umsatz und Gewinn wieder steigern konnte, musste das Unternehmen unlängst eine Gewinnwarnung aussprechen Sehen Sie nur eine kurze Delle oder länger anhaltende Schwierigkeiten?

Schwegmann: Aus meiner Sicht ist Berentzen immer noch ein sehr solides, robustes Unternehmen. Die grundsätzliche strategische Ausrichtung stimmt. Wir sind heute ein breit aufgestelltes Getränkeunternehmen. Die Gründe für die Korrektur der Ergebnisprognose sind größtenteils extern zu finden: zum einen die angesprochenen schweren Ausfälle bei den Orangenernten und zum anderen der doch sehr bescheidene Sommer hier im Norden.

Das merken wir natürlich in unserem Geschäft mit Wasser und Softdrinks. Daneben haben wir aber auch Punkte bei uns intern entdeckt, wo wir Nachbesserungsbedarf haben.

Frage: Die da wären?

Schwegmann: Die operative Steuerung einiger Themen. Wir haben ein sehr komplexes Portfolio und wir sind für ein Unternehmen dieser Größe, was eher einem mittelständischen Familienunternehmen entspricht, zu komplex aufgestellt. Deshalb wollen wir uns von Produkten trennen, die einfach zu wenig Volumen haben und zu margenschwach sind. Und wir wollen die Strukturen umbauen, um effizienter und schlagkräftiger zu werden. Notwendiger ist vor allem eine stärker unternehmensübergreifende, integrierte Zusammenarbeit – etwa in Bereichen wie Einkauf, Supply-Chain, Innovationsprozesse und Marketing. Und wir wollen dem Unternehmen eine gemeinschaftliche Identität geben?

Frage: Hat es daran denn bisher gefehlt?

Schwegmann: Als ich von außen hier hineinkam, hatte ich schon den Eindruck, dass die grundlegende Ausrichtung richtig und gut ist. Was mich allerdings verwundert hat, ist, dass ich nicht das Gefühl hatte, dass es innerhalb der Berentzen-Gruppe eine einheitliche Identität und DNA gibt. Viele Geschäftsbereiche ticken sehr unterschiedlich. Die Berentzen-Gruppe war bislang eher eine lose Getränkeholding als ein integriertes Getränkeunternehmen. Wir haben uns deshalb in den vergangenen Monaten gemeinschaftlich auf die Suche nach dem verbindenden Element gemacht und sind wieder zum Kern des Unternehmens gekommen: gesellige Lebensfreude und eine positive Einstellung zu Leben. Der Durst auf Leben soll künftig unser Leitmotiv sein.

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Oliver Schwegmannsteht seit Juni an der Vorstandsspitze von Berentzen. Der 43-Jährige, der in Löningen geboren und aufgewachsen ist, war zuvor u.a. für den Süßwarenhersteller August Storck, den Lebensmittelriesen Mars, das Schweizer Nahrungsmittelunternehmen Hero und zuletzt den Kosmetikkonzern L’Oréal tätig. Der Diplom-Sportökonom ist Vater von drei Töchtern.

Berentzenwurde 1758 in Haselünne gegründet. Bekannt geworden ist der Getränkehersteller aus dem Emsland in den 1970er Jahren mit dem Apfelkorn. Heute beschäftigt das börsennotierte Unternehmen knapp 500 Mitarbeiter. 2016 konnte Berentzen den Gewinn auf 4,4 Millionen Euro verdoppeln. Der Umsatz lag bei 170 Mio. Euro (plus 7,3 Prozent).

Jörg Schürmeyer Redakteur / Wirtschaftsredaktion
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