Oldenburg Wenn der Satz, der die Vorherrschaft des Mannes für beendet erklärt, einen Schönheitsfehler hat, dann den, dass es ein Mann ist, der ihn spricht: „Because it’s 2015“, antwortet Justin Trudeau nach seiner Wahl zum kanadischen Premierminister auf die Frage, warum er sein Kabinett zu gleichen Teilen mit Frauen und Männern besetzt habe.

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So simpel, so cool. Und doch so falsch. Denn die Gleichstellung der Geschlechter ist bis heute keine Selbstverständlichkeit, weder in Kanada noch in Deutschland oder sonst einem Land der Welt.

Natürlich hat die Frauenbewegung über die Jahrhunderte große Fortschritte erkämpft. Seit 1918 haben Frauen in Deutschland das Wahlrecht, seit 1949 steht die Gleichberechtigung im Grundgesetz, seit 1957 dürfen Frauen ihr Vermögen selbst verwalten, seit 1977 können sie ohne Zustimmung ihres Ehemanns eine Arbeit aufnehmen, seit 1980 gilt das Prinzip „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“.

Diese Rechtsgrundsätze stellt längst niemand mehr in Frage. Im Gegenteil, es erscheint unvorstellbar, dass manche von ihnen erst seit wenigen Jahrzehnten gelten. Vergewaltigung in der Ehe etwa steht gerade einmal seit 23 Jahren unter Strafe.

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Doch Gesetze sind das eine. Die gelebte Wirklichkeit ist das andere. Als Trudeau seinen so selbstverständlich klingenden Satz sagte, wurde Deutschland schon zehn Jahre von einer Frau regiert. Geschlechterparität haben Angela Merkels Kabinette allerdings nie erreicht. Und ihr Innenminister Horst Seehofer löste noch 2018 Entrüstung mit einem Foto der Führungsmannschaft seines Ministeriums aus: Neun gesetzte Herren posieren darauf für die Kamera. Frauen? Fehlanzeige.

Was für die Politik gilt, trifft auf andere Bereiche der Gesellschaft genauso zu. Frauen studieren häufiger, aber wenn sie eine akademische Karriere wählen, bringen sie es seltener bis zur Professur. Sie bekleiden weniger Führungspositionen in den Unternehmen, und an der Spitze sind sie so rar wie das Edelweiß auf Alpengipfeln. Immerhin, die Einkommenslücke schließt sich, aber auch das ist ein zäher Prozess. Im Schnitt verdienen Frauen immer noch weniger als Männer.

Die große Frage ist, welche Folgen die Coronakrise für das Geschlechterverhältnis haben wird. Manche sehen sie als Chance, weil die ins Homeoffice gezwungenen Männer endlich den Wert einer guten Vereinbarkeit von Familie und Beruf erkennen. Andere fürchten, dass sie ein Rückschritt für Frauen sein könnte, weil es am Ende eben doch sie sind, die sich um die Kinder kümmern, wenn Kitas schließen.

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Wie also steht es um die Gleichberechtigung im Jahr 2020? Für dieses Dossier haben wir mit erfolgreichen Frauen aus dem Nordwesten gesprochen. Mit Managerinnen, Gründerinnen, Familienunternehmerinnen und Professorinnen. Wir haben sie gefragt, wie sie es in ihre Positionen geschafft haben und welche Hindernisse sie überwinden mussten. Wir wollten wissen, wie sie mit den Vorurteilen von Männern umgehen und wodurch sich weibliche Führung auszeichnet. Wir haben sie gefragt, ob sie bei ihrem Aufstieg an die viel zitierte „Gläserne Decke“ gestoßen sind. Und wir haben um Ratschläge für andere Frauen gebeten.

Unsere Suche nach Antworten beginnt in der Oldenburger Innenstadt bei einem Treffen mit drei Frauen aus drei Generationen, die in ihrem Familienunternehmen den Ton angeben.

I. Mädchen, du musst besser sein!

Die Feuertaufe für Waltraut Hallerstede ist ein Besuch der Internationalen Lederwarenmesse 1957 in Offenbach. Gewöhnlich fährt sie mit ihrem Mann dorthin, um sich die neuen Kollektionen anzusehen und Ware für das Geschäft der Familie in der Langen Straße auszuwählen. Diesmal aber ist sie allein. Um sie herum sind Männer, die mit prüfendem Blick Ware begutachten, miteinander scherzen und im Plauderton Geschäfte abschließen. Steht mal eine Frau daneben, ist es entweder die Gattin des Chefs oder seine Sekretärin.

Dürfen Sie das entscheiden? Wo ist denn Ihr Mann? Solche Fragen hat sie viel zu oft gehört

Waltraut Hallerstede fühlt sich verloren. Die Verkäufer geben ihr das Gefühl, sie nicht ernst zu nehmen. Was ist das für eine Sprache, die sie sprechen? Wie kriegt sie diese Männer dazu, sie ernst zu nehmen? Wenn sie irgendwo eine Bestellung aufgeben will, fragt man sie von oben herab, ob sie das überhaupt allein entscheiden dürfe. „Wo ist denn Ihr Mann?“

So nicht, denkt sich Waltraut Hallerstede. Als sie merkt, dass ein Verkäufer sie übers Ohr hauen will, storniert sie kurzerhand den kompletten Auftrag. Sie wird sich hier nicht unterbuttern lassen! Es ist der Moment, in dem sie erkennt, wie sie in dieser Männerwelt bestehen wird: indem sie selbstbewusst auftritt und mit Können überzeugt. Mädchen, sagt sie sich, du musst einfach besser sein als die Jungs.

Viele beruflich erfolgreiche Frauen beschreiben ähnliche Erfahrungen: Während Männer ihre Geschlechtsgenossen schnell akzeptierten und ihnen Fehler eher nachsähen, müssten Frauen besonders viel Leistung zeigen, um als gleichberechtigte Gesprächspartner anerkannt zu werden.

Waltraut Hallerstede ist mit ihrem selbstbewussten Kurs gut gefahren. „Auf späteren Messen hatte ich es einfacher“, erinnert sich die heute 87-jährige, die über den Geschäftsräumen in der Langen Straße wohnt und noch immer Anteil an der Entwicklung des Unternehmens nimmt. Als Geschäftsfrau war sie in ihrer Generation allerdings eine Ausnahme. Während sich die meisten Frauen in ihrem Bekanntenkreis um die Familie kümmerten, steckte sie ihre Zeit in den Laden. Was nicht zuletzt deshalb möglich war, weil sie und ihr Mann ein Kindermädchen beschäftigten.

Kulturelle Prägungen sind zäh: Viele überdauern Jahrzehnte der Emanzipation

Seit Waltraut Hallerstedes erster Reise nach Offenbach hat sich die Gesellschaft verändert. Noch Mitte der Fünfziger gaben Frauen mit der Hochzeit einen Teil ihrer bürgerlichen Rechte an ihren Ehemann ab. Er musste zustimmen, wenn sie den Führerschein machen, ein Konto eröffnen oder Geld anlegen wollten. Alles längst Geschichte. Vor allem die Umbrüche der Sechziger und Siebziger haben viel zur Emanzipation der Frauen beigetragen – nicht zuletzt die „Stern“-Ausgabe von 1971, in der 374 Frauen bekannten, abgetrieben zu haben. Das Magazin löste damit eine breite Debatte aus.

Doch kulturelle Prägungen können Jahrzehnte des gesellschaftlichen Fortschritts überdauern. Das hat auch Annette Hallerstede erfahren, die Schwiegertochter von Waltraut. Bei ihr war es 1997 eine Reise zu italienischen Taschenherstellern, die sie spüren ließ, dass sie als Frau nicht dazugehörte. Sie hatte sich mit ihr bis dahin unbekannte Männern zu einer Einkaufsgemeinschaft zusammengeschlossen. Wenn sie abends ins Hotelzimmer ging, zogen die anderen zur Bar. Die Frage, ob sie mitkäme, stellte sich gar nicht erst.

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Die Männer hätten ihre Zeit besser mit ihr verbracht – von ihrem Geschäftssinn hätten sie lernen können. Die Gruppe entwickelte später gemeinsam einen Webshop. Doch die Männer glaubten nicht an den Erfolg, und so kaufte Annette Hallerstede ihnen den Shop kurzerhand ab. Heute bringt Kofferworld.de mehr Umsatz als das Ladengeschäft.

Verantwortlich für den Shop ist ihre Schwiegertochter Katja Hallerstede. Die 33-Jährige gehört einer Generation an, die mehr weibliche Rollenvorbilder hat, die Orientierung geben. Selbstverständlich sind Frauen in Führungspositionen deshalb aber nicht. „Wenn ich mit meinem Mann bei Geschäftsterminen bin, erlebe ich es oft, dass unser Gegenüber nur ihn anspricht“, sagt Katja Hallerstede. Ihr Mann erklärt dann, dass er keine Ahnung hat und man seine Frau fragen müsse – was stets ein kurzes Stutzen auslöst. Sie kann sich darüber amüsieren. Aber es zeigt eben auch, wie tief verwurzelt traditionelle Rollenbilder sind.

II. Das bisschen Haushalt

Es gibt Männer, die es in Meetings bei ihr mit „Hey, was sagt denn Blondie dazu?“ versucht haben. Keine gute Idee. Melanie Philip gehört zu der schlagfertigen Sorte – am Ende sind es die Männer, die nach solchen Sprüchen dumm dastehen. Die 39-Jährige hat sich mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein, Einsatzwillen und Können als Gründerin in einem Bereich durchgesetzt, der nicht eben für funkelnde Start-ups bekannt ist: im Sozialwesen. Nach dem Studium, Gerontologie an der Uni Vechta, hat sie 2006 eine Beratung für Senioren, Menschen mit Behinderung und deren Angehörige ins Leben gerufen und prompt einen Gründerpreis von 20.000 Euro gewonnen.

2011 kaufte sie mit einem Partner die Vita Akademie aus der Insolvenz heraus. Damals hatte das Bildungsunternehmen mit Sitz in Wittmund und Vechta 18 Mitarbeiter, heute sind 200. Die Vita Akademie macht Arbeitslose und Geflüchtete fit für den Beruf; die Umsätze wuchsen schnell zu Millionensummen. Einen Teilbereich, die Qualifizierung von Pflegepersonal, gliederte sie später unter dem Namen Pflegepioniere aus. Philip leitet das Unternehmen als geschäftsführende Gesellschafterin.

Managerinnen gelten als „Karrierefrauen“. Vom „Karrieremann“ hört man nie

Wenn Frauen in jungen Jahren beruflich so erfolgreich sind wie Philip, heißt es oft, sie seien „Karrierefrauen“. Sie hätten die Familie zugunsten des Jobs aufgegeben. Und ganz falsch ist das in ihrem Fall nicht einmal: „Ein Unternehmen aufbauen konnte ich nur, weil ich mich gegen Kinder entschieden habe“, sagt sie.

Das ist allerdings nicht das Entscheidende. Der Punkt ist, dass es das männliche Gegenstück zur „Karrierefrau“, den „Karrieremann“, nicht gibt. Niemand käme auf die Idee, von einem 39-Jährigen zu sagen, er habe die Familie dem Erfolg geopfert. Bei Frauen hingegen schwingt oft ein unausgesprochener Vorwurf in solchen Sätzen mit. Kindererziehung ist eben auch 2020 noch Frauensache. Zwar nehmen mehr und mehr Väter Elternzeit, aber im Zweifel nur die zwei „Pflichtmonate“, die für den Anspruch auf Elterngeld nötig sind. Die übrige Zeit bleibt die Frau zu Hause. Mütter, die in Vollzeit arbeiten, sind nach wie vor nicht voll akzeptiert. Warum so wenige Frauen Führungspositionen innehaben? Philip formuliert es überspitzt: „Weil es Kinder gibt. Ich glaube, die Familiengründung ist der wichtigste Grund.“

Wenn aber Teile der Gesellschaft weiterhin von den Frauen erwarten, dass sie den Haushalt schmeißen und die Kinder aufziehen, dann bringen auch die besten Betreuungsmöglichkeiten und die flexibelsten Arbeitgeber der Gleichstellung wenig. Nötig ist vielmehr ein grundsätzlicher Einstellungswandel: Männer und Frauen müssen sich zu gleichen Teilen für die Familie verantwortlich fühlen und von der Gesellschaft dafür in die Pflicht genommen werden.

Doch vielleicht ist der Weg bis dahin gar nicht mehr so weit. Die Generation Y jedenfalls, die jetzt in die Unternehmen drängt, bringt ein anderes Rollenverständnis in die Arbeitswelt mit.

III. Allianzen schließen ist eine Tugend

Die Google-Suche nach dem Begriff „Vorstand“ spuckt 45 Millionen Treffer aus. Für „Vorständin“ sind es 134.000. Über das Geschlechterverhältnis sagt das zwar wenig, denn Vorstand ist nicht nur die männliche Form, sondern auch die Bezeichnung für das Gremium als solches. Der Begriff Vorständin ist zudem noch nicht lang üblich. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass Vorständinnen wie Marion Rövekamp selten sind, gerade in so großen Konzernen wie EWE. Seit zwei Jahren verantwortet die 58-Jährige die Bereiche Personal und Recht. Der Wandel der Arbeitswelt ist ihr zentrales Thema.

Die Juristin muss den Konzern mit seinen fast 9000 Angestellten auf die Zeit vorbereiten, in der er mehr Mitarbeiter verlieren wird, als er auf dem Arbeitsmarkt nachrekrutieren kann. Schon deshalb muss EWE ein attraktives Umfeld für Frauen schaffen; kein Unternehmen kann es sich angesichts des demografischen Umbruchs leisten, die Hälfte der Menschheit links liegenzulassen.

Für Rövekamp ist Frauenförderung darüber hinaus ein Herzensanliegen. Bei dem technikorientierten Konzern hat sie es damit allerdings schwerer: Frauen streben überwiegend in andere Berufe. Die gut 15 Prozent Frauen in Führungspositionen bei EWE erschienen deshalb nur auf den ersten Blick niedrig, sagt Rövekamp. Um mehr Frauen zu gewinnen, will der Konzern künftig auch Teilzeit in Führungspositionen ermöglichen.

Und immerhin fällt der Frauenanteil nicht, so wie in den Vorständen der Dax-Konzerne: Im September lag er dort bei 12,8 Prozent, knapp zwei Prozentpunkte niedriger als im Vorjahr. Auch deshalb hat die Personalie Belen Garijo kürzlich so viel Aufmerksamkeit erregt. Die Spanierin ist zur Chefin des Pharmakonzerns Merck berufen worden. Sie ist die erste Frau, die ohne einen Mann an ihrer Seite an der Spitze eines Dax-Unternehmens stehen wird.

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Auf die Frage, warum es so wenige Frauen nach oben schaffen, erklärte Garijo, es reiche nicht, nur einen guten Job zu machen. „Es geht darum, die eigene Karriere aktiv voranzutreiben und ein funktionierendes Netzwerk aufzubauen.“ Ein Urteil, das Rövekamp teilt: „Frauen erfüllen ihre Aufgaben sehr straight und lösungsorientiert. Aber sie netzwerken oft zu wenig.“

Das ist bei Männern oft anders. Legendär ist das Similauner-Netzwerk, ein elitärer Zirkel von Spitzenmanagern, den der McKinsey-Mann Herbert Henzler und der Bergsteiger Reinhold Messner 1992 ins Leben riefen. Beim Aufstieg auf den Gipfel des Similaun in den Ötzaler Alpen schlossen schon Männer wie Ex-Telekom-Chef René Obermann, der Verleger Hubert Burda oder Adidas-Chef Herbert Hainer Brüderschaft. Wer zu solch einer Seilschaft zählt, hat gute Chancen, bei der Vergabe von Aufträgen und Posten nicht übersehen zu werden.

Doch nicht jedem liegen derartige Netzwerke. Das gilt nicht nur für Frauen, sondern auch für viele Männer. Wer aber allein darauf hofft, dass seine Leistung schon irgendwem in der Chefetage auffallen wird, hat es schwer, voranzukommen. Ein bisschen Empfehlungsmarketing durch den Bekanntenkreis kann nicht schaden. Es geht gar nicht um kumpelhafte Verbrüderung. Sondern um Austausch, Kontakte, Hilfe.

Marion Rövekamp glaubt, dass Frauen beim Netzwerken inzwischen hinzugelernt haben. „Sie unterstützen sich gegenseitig und empfehlen sich häufiger, als es früher der Fall war.“

IV. Die Chemie muss stimmen

Als Katharina Al-Shamery, die damals noch Katherina v. Puttkamer hieß, 1977 ihre Einführungsvorlesung an der Uni Göttingen besucht, erklärt der Professor ihr und den anderen Studentinnen im Saal, dass sie hier falsch seien. Sie würden doch nur Chemie studieren, weil sie woanders keinen Mann abbekämen. Seiner Tochter jedenfalls rate er davon ab, sie könne sich ihr hübsches Gesicht mit Säure verätzen.

Al-Shamery ignoriert den Rat. Stattdessen legt sie eine steile akademische Karriere hin, mit Studienjahr in Paris, Diplom in Göttingen, Promotion in Zürich und Forschungsaufenthalt in Oxford. Ihre Habilitationsarbeit 1996 in Bochum hat das Thema „Stereodynamische Untersuchungen zur UV-laserinduzierten Desorption kleiner Moleküle von oxidischen Oberflächen“. Nach Forschungsaufenthalten unter anderem in Berlin und einer Professur in Ulm wird sie 1999 Professorin für Physikalische Chemie in Oldenburg und schließlich 2014 für rund ein Jahr Interimspräsidentin der Uni. Ihre Stipendien und Ehrungen bis zum Bundesverdienstkreuz aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. 1991 heiratet sie ihren aus dem Irak stammenden Mann, der Ingenieur für Elektrotechnik ist. Ihre Kinder, die 1996 und 2001 zur Welt kommen, betreut in den ersten Jahren meist er – ihr fehlt die Zeit.

Chefinnen, die andere einbinden, sind führungsschwach. Finden zumindest Männer

Schon Al-Shamerys Fachgebiet bringt es mit sich, dass sie beruflich mehr mit Männern als mit Frauen zu tun hat. Je weiter sie aufsteigt, desto größer ist die männliche Überzahl; Uni-Präsidentinnen sind fast so selten wie Dax-Vorständinnen. In Besprechungen und auf Konferenzen erlebt sie, wie unterschiedlich die Geschlechter auftreten, wie verschieden insbesondere ihre Art ist, Teams zu führen. Männer bevorzugen oft einen hierarchischen Stil, der darauf ausgelegt ist, zu schnellen, klaren Entscheidungen zu kommen. Frauen pflegen meist einen partizipativen Stil, der alle Seiten einbindet. „Das wird Frauen oft als Führungsschwäche ausgelegt“, sagt die 62-Jährige. Dabei sei das Gegenteil richtig: Wer verschiedene Meinungen berücksichtigt, treffe am Ende bessere Entscheidungen. „Man schöpft das intellektuelle Potenzial der Gruppe damit besser aus.“

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Al-Shamery sagt das auf nüchtern-sachliche Art. Wenn es um die Förderung von Frauen geht, kann sie aber auch kämpferisch sein. Seit 2009 organisiert sie die „Hexenküchen der Materialwissenschaft“, eine Fachveranstaltung zur Walpurgisnacht im Harz. Männer dürfen daran nur als Zuhörer teilnehmen, die Vorträge halten Frauen. Al-Shamery dreht damit den Spieß um: Sonst gehören die Podien fast immer Männern, in der Wissenschaft, in der Politik, in der Wirtschaft. Wie lang solche Aktionen noch nötig sind, bis echte Gleichstellung erreicht ist, weiß Al-Shamery nicht. Aber sie glaubt an den Wandel. Der Stil von Männern etwa habe sich über die Jahre verändert. Auch sie würden erkennen, dass gemischte Teams mehr erreichen.

Die Tochter ihres Professors in Göttingen hat übrigens später Chemie studiert.

V. Was soll schon schiefgehen?

Weit draußen vor der Küste peitschen in diesen Wochen wieder Herbstürme die See auf. Es ist die Zeit, in der die Offshore-Windparks oft nur per Helikopter zu erreichen sind. Techniker seilen sich dann auf das Dach der Turbinen ab, fast 100 Meter über dem wogenden Meer. Es ist eine Männerwelt wie aus dem Klischee, in der Kerle mit stählernen Oberarmen schweres Gerät wuchten. Es ist eine Welt, die Irina Lucke fasziniert.

Schon 2010 ist sie dabei, als es mit der Offshore-Windkraft in Deutschland gerade erst losgeht. Sie hat Umweltwissenschaften in Vechta studiert und anschließend in Hamburg in der Ökostrombranche gearbeitet. Eine Initiativbewerbung bringt sie anschließend zu EWE. Als man sie fragt, ob sie sich vorstellen könnte, in das neue Geschäftsfeld Offshore-Wind zu wechseln, sagt sie sofort zu. Alles ist neu, alles Pionierarbeit, sie liebt die Aufbruchsstimmung.

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Oft ist sie die einzige Frau in ihren Teams, manchmal gibt es einen halbgaren Spruch. Aber das nimmt sie mit Humor. Sie hat schon als Kind gelernt, sich gegen ihre zwei älteren Brüder zu behaupten. Außerdem ist das hier draußen offenes Visier, nicht hintenrum wie in vielen Büros.

Mit ihrer zupackenden Art macht Irina Lucke schnell Karriere. Heute ist die 48-jährige Geschäftsführerin von EWE Offshore Service & Solutions, einer Tochterfirma des Energieversorgers mit 160 Mitarbeitern, die Windparks auf dem Meer wartet.

Studien zufolge trauen sich Männer oft viel zu, während Frauen sich unterschätzen

Was ihr auf ihrem Weg geholfen hat, ist der Mut, auch Fehler zu machen. Frauen seien oft zu selbstkritisch, hat Lucke beobachtet. Sie achteten auf das, was sie nicht können, anstatt mit dem zu wuchern, was sie können. Lucke hält das für einen Fehler, schließlich lasse sich alles lernen.

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Studien bestätigen ihre ihre Beobachtung. Forscher der Arizona State University fanden in Selbsteinschätzungstests heraus, dass Männer dazu tendieren, ihre Qualifikationen zu hoch einzustufen, während Frauen sich zu wenig zutrauen. Männliche Probanden waren sogar überzeugt, schlauer zu sein als gleich schlaue Frauen. Vor dem Hintergrund ist es kein Wunder, wenn Personalabteilungen berichten, nur von Männern Bewerbungen für eine Führungsposition erhalten zu haben, obwohl es im Unternehmen Frauen gibt, die den Job genauso gut erledigen könnten. Auch diese Zurückhaltung trägt zur „Gläsernen Decke“ bei: dem vielfach nachgewiesenen Umstand, dass Frauen oft über eine mittlere Karrierestufe nicht hinauskommen.

„Nehmt die Selbstzweifel aus eurem Wortschatz heraus!“, ruft Irina Lucke deshalb anderen Frauen zu. „ Kein Konjunktiv! Geht die Dinge an, seid mutig!“

VI. Das Ende rückt näher

Es ist derzeit viel von Wellen die Rede. Historiker teilen auch die Frauenbewegung in Wellen ein. Mit der ersten zur Zeit der Französischen Revolution erstritten Frauen grundlegende Rechte wie das auf Erwerbsarbeit. Auch die zweite Welle war turbulent, sie brachte Frauen in den Sechzigern und Siebzigern viel von dem, was ihre gesellschaftliche Stellung heute ausmacht. Die dritte Welle erfasste in den Neunzigern vor allem die USA, sie war eher ein Generationenwechsel unter den Feministinnen.

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Viel spricht dafür, dass die nächste Welle sanft anrollt, dafür aber umso weiter ausgreift. Denn diese Welle trägt in sich die Kraft der gesellschaftlichen Megatrends. Die hierarchische Industriegesellschaft, in der noch Körperkraft eine Rolle spielte, löst sich auf. Sie wird abgelöst von der digitalen Wissensgesellschaft, in der Kreativität und Eigenverantwortung die entscheidenden Faktoren sind. Dann ist da der demografische Wandel, der die Stellung von Frauen stärken wird. Hinzu kommt die Generation Y, die von Kind auf ein Maß an Gleichberechtigung erlebt wie keine Generation vor ihr. Sie wird ihr Rollenverständnis in die Gesellschaft tragen. Diese vierte Welle könnte die Fundamente männlicher Vorherrschaft für immer davonspülen.

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