Oldenburg Wijtze Bakker ist zurzeit viel unterwegs mit seinem erdgasbetriebenen Audi A4: Runter über Worms nach Frankfurt, von dort nach Miltenberg in Unterfranken, rauf nach Braunschweig, ein Abstecher in die Niederlande und von dort nach Westerstede, wo die OrangeGas Germany GmbH angesiedelt ist. „Da kommen schon einige Kilometer im Auto zusammen“, sagt der Geschäftsführer der deutschen Tochter des niederländischen Unternehmens OrangeGas BV.

Es gibt viel zu tun, viel zu planen und viel zu besprechen bei dem Tankstellenbetreiber – insbesondere seitdem OrangeGas zum 1. Juli nahezu das komplette CNG-Tankstellennetz (Compressed Natural Gas/komprimiertes Erdgas, nicht zu verwechseln mit Autogas/LPG) vom Oldenburger Energiedienstleister EWE übernommen hat. 75 Tankstellen kaufte OrangeGas von EWE. „Das war schon ein Riesenschritt für uns“, sagt Bakker. Mit insgesamt nun 125 Stationen stieg die OrangeGas Germany GmbH damit zum Marktführer beim Betrieb von CNG-Tankstellen in Deutschland auf.

Bild: OrangeGas

Und die Expansion ist längst noch nicht abgeschlossen. „Bis Ende dieses Jahres wollen wir Richtung 200 Tankstellen in Deutschland wachsen und ein möglichst flächendeckendes Netz anbieten“, sagt der 53-Jährige.

Damit würde OrangeGas fast ein Viertel der insgesamt aktuell 836 CNG-Tankstellen hierzulande betreiben. Geplant seien sowohl Übernahmen von Tankstellen als auch der Neubau von Stationen.

Die Entscheidung zur Gründung von OrangeGas fiel 2008 in den Niederlanden – auf einem Gartenfest des heutigen CEO Marcel Borger. Die Idee von Borger und seinen Mitstreitern: Sie wollten Tankstellen errichten, die ausschließlich alternative Kraftstoffe anbieten, und zwar aus natürlichen Quellen. 2009 eröffnete das Unternehmen aus Heerenveen seine erste Tankstelle für Bio-CNG in Steenwijk.

Mittlerweile betreibt OrangeGas 85 Bio-CNG-Tankstellen in den Niederlanden und ist auch dort seit einigen Jahren Marktführer. Ende 2017 stieg das Unternehmen mit dem Kauf von zunächst zwölf CNG-Tankstellen in den deutschen Markt ein. Auch in Belgien und Schweden ist OrangeGas aktiv. „Und wir haben Pläne, uns auch in weitere Länder in Europa zu bewegen“, sagt Bakker.

OrangeGas setzt auf 100 Prozent Biomethan

Während OrangeGas in den Niederlanden mit Klärschlammanlagen auch eigenes Biomethan produziert, bezieht das Unternehmen sein Biomethan für die deutschen Tankstellen vom ostdeutschen Biokraftstoffhersteller Verbio. „Wir setzen auch in Deutschland auf 100 Prozent Biomethan, und Verbio bietet umweltfreundliches Biomethan aus Stroh“, sagt Bakker.

Neben Bio-CNG als Schwerpunkt will OrangeGas künftig verstärkt auch auf weitere alternative Kraftstoffe setzen. In den Niederlanden bietet das Unternehmen etwa schon in mehreren Städten elektrische Schnellladestationen auf Basis von Ökostrom an und ist auch in den Bereichen Wasserstoff und Flüssigbiogas (LNG/LBG) aktiv. Auch in Deutschland seien erste Anlagen geplant, sagt Bakker.

Dass das niederländische Unternehmen (17 Mitarbeiter/rund 20 Millionen Euro Umsatz) seinen Expansionskurs in Deutschland und Europa so vorantreiben kann, liegt auch an mehreren Investoren, die hinter OrangeGas stehen. Der größte ist der Energy Transition Fund der niederländischen Großbank ABN Amro.

Doch wie sieht es grundsätzlich am Markt für Erdgasfahrzeuge aus? In den vergangenen zehn Jahren waren nach Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes recht konstant zwischen 90.000 und 100.000 CNG-Fahrzeuge in Deutschland unterwegs, zum Stichtag 1. Januar 2020 waren es nach zwei Jahren mit leichtem Wachstum 98.643. Mehr als vier Fünftel davon waren Pkw, wobei der Anteil der CNG-Fahrzeuge am gesamten Pkw-Bestand hierzulande gerade einmal bei 0,2 Prozent liegt. Einen deutlich größeren Anteil und auch ein stärkeres Wachstum verzeichnet CNG bei Nutzfahrzeugen und Lkw (insgesamt zum 1.1.2020: 13.685).

Lkw-Bereich soll verstärkt ins Blickfeld rücken

Auch OrangeGas nimmt deshalb verstärkt den Lkw-Bereich in den Fokus. Einzelne Tankstellen, die bislang vor allem für Pkw konzipiert waren, würden so umgerüstet, dass auch Lastwagen sie besser nutzen könnten, etwa mit Extra-Speichern oder Extra-Verdichtern, so Bakker. Zudem suche der Tankstellenbetreiber bewusst die Kooperation mit Speditionen, wenn es um den Neubau oder den Weiterbetrieb von CNG-Tankstellen gehe. „Bio-CNG ist für die Transportunternehmen der schnellste, wirtschaftlichste und der praxistauglichste Hebel, um im Kerngeschäft die CO2-Emissionen massiv zu senken“, ist Bakker überzeugt. Zudem sei CNG-Mobilität auch finanziell für die Logistikbranche interessant. Denn durch die gerade um weitere drei Jahre verlängerte Befreiung von der Lkw-Maut würden die Mehrkosten beim Kauf von schweren Lkw schnell wieder eingefahren.

Auch beim ADAC sieht man viele Vorzüge. „Erdgas ist eine umweltfreundlichere Alternative zu Benzin und Diesel“, sagt Sprecherin Katrin van Randenborgh. Bei der Verbrennung von Erdgas entstünden zumeist weniger Schadstoffe als bei Benzin- und Dieselkraftstoff. „Das größte Plus von Erdgas ist die Reduzierung des Treibhausgases CO2 um über 20 Prozent im Vergleich zu Benzin“, sagt sie mit Verweis auf den regelmäßigen „ADAC Ecotest“. Darüber hinaus seien Erdgasautos auch wesentlich günstiger als konventionelle – auch weil Erdgas als Kraftstoff steuerbegünstigt ist. Allerdings sieht der ADAC auch einige Probleme. Das Tankstellennetz sei „ausbaufähig“, sagt van Randenborgh. Vor allem aber sei die Auswahl an Fahrzeugmodellen begrenzt. Die meisten Hersteller würden in erster Linie auf Elek­tro- und Hybridfahrzeuge setzen. Einzig der VW-Konzern und der FCA-Konzern mit der Marke Fiat würden derzeit neue Erdgasmodelle anbieten. Und VW, als wichtigster Akteur am Erdgas-Pkw-Markt, hat im Frühjahr angekündigt, sich mittelfristig vom Erdgasantrieb zu verabschieden und sich ausschließlich auf die Weiterentwicklung der Elektromodelle zu konzentrieren.

Während der ADAC es begrüßen würde, „wenn Autobauer Fahrzeuge technologieoffen weiterentwickeln und weiterhin auch auf CNG als umweltfreundliche Alternative zu Benzin und Diesel setzen“, wie van Randenborgh sagt, sind andere Autoexperten skeptischer. „Nach meiner Einschätzung ist Erdgas im Pkw-Bereich nicht zukunftsfähig“, meint Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des privatwirtschaftlichen CAR Center für Automotive Research in Duisburg.

Seit mehreren Jahrzehnten werde versucht, Erdgasfahrzeuge am Markt zu etablieren, seit Jahrzehnten gebe es Subventionen. „20, 30 Jahre hat es nicht wirklich funktioniert. Es gibt keinen Grund, warum es jetzt funktionieren sollte“, so Dudenhöffer. Zwar könne es womöglich für Lastwagen und Busse mit CNG-Antrieb auch künftig eine Nische geben, „im Pkw-Bereich dürften Erdgasfahrzeuge aber in spätestens zehn Jahren nicht mehr am Markt sein“, prognostiziert der Autoexperte.

Eine Einschätzung, die OrangeGas-Deutschland-Geschäftsführer Bakker erwartungsgemäß nicht teilt. „Ich glaube nicht daran, dass es künftig nur noch einen Kraftstoff oder Antrieb gibt und wir in 20 Jahren in Europa nur noch 100 Prozent elektrisch fahren“, sagt er. „Wir glauben daran, dass es einen Mix geben wird“ – natürlich mit Elektromobilität, vorläufig auch noch mit konventionellen Kraftstoffen, aber auch mit Wasserstoff und Biomethan.

Der Biomethananteil liegt bei über 50 Prozent

Bakker und andere Befürworter von Bio-CNG wünschen sich mehr Unterstützung seitens der Politik, vor allem indem im Hinblick auf CO2-Emissionen endlich berücksichtigt würde, dass etwa in Deutschland mittlerweile schon mehr als die Hälfte der CNG-Tankstellen auf 100 Prozent Biomethan umgestellt hätten und auch der Biomethan-anteil am gesamten CNG-Absatz schon bei über 50 Prozent liege. „Beim Kraftstoff Biomethan aus überschüssigem Stroh erreicht ein Mittelklasse-Pkw CO2-Emissionen, die die EU-Grenze von 95 Gramm/Kilometer mehr als deutlich unterschreiten – man ist nahezu klimaneutral unterwegs“, sagt Miklós Graf Dezasse, Präsident des gemeinnützigen Lobbyvereins CNG-Club. Dennoch werde ein CNG-Fahrzeug nach wie vor auf fossiler Basis berechnet und damit das Bild massiv verzerrt. Ein Elektrofahrzeug werde dagegen auf dem Papier mit null Emissionen geführt, obwohl der erneuerbare Anteil beim Strom gerade einmal bei rund 40 Prozent liege.

Trotz dieser Schwierigkeiten setzt OrangeGas auf Wachstum. Auch mit Blick auf sein Deutschlandbüro will das Unternehmen sich erweitern. War die OrangeGas Germany GmbH bislang unter dem Dach des Geschäftspartners Noordtec in Westerstede untergebracht, will man laut Bakker möglichst noch 2020 ein eigenes Büro inklusive Ersatzteillager für Tankstellen in Deutschland eröffnen.

Die neue Basis dürfte allerdings eher nicht in Westerstede, sondern mit Blick auf das nach der Übernahme der EWE-Stationen kräftig erweiterte Tankstellennetz eher etwas zentraler liegen, etwa in Hannover oder Verden, so der 53-Jährige. Für Bakker selbst dürfte sich aber selbst mit neuem Büro nicht viel ändern. Er wird auch künftig viel Zeit in seinem erdgasbetriebenen Audi A4 verbringen. Nur das Ammerland dürfte dann eher seltener auf seiner Reiseroute liegen.

Jörg Schürmeyer Redakteur / Wirtschaftsredaktion
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