Oldenburg Es sind große Fußstapfen, in denen wir wandeln. Normalerweise kommen Stars wie Karsten Tadda, Philipp Schwethelm und – natürlich – Rickey Paulding auf diesem Weg in die EWE Arena, um sich von 6000 Zuschauern bejubeln zu lassen.

Heute sind es Sebastian Strzelecki und ich, die durch den Spielereingang schreiten. Doch auf den Rängen herrscht Leere, es ist fast gespenstisch still, statt der grellen Spieltagsbeleuchtung erhellt nur ein Arbeitslicht das weite Rund.

Dennoch liegt Spannung in der Luft. Das liegt nicht nur an der Ehrfurcht einflößenden Größe der Halle. Sondern vor allem daran, dass Strzelecki und ich uns gleich duellieren werden. Ich habe den Manager des E-Mail-Marketing-Spezialisten Cleverreach herausgefordert, er durfte die Disziplin wählen. Und entschied sich für Basketball.

Manager versus Reporter

Der Manager: Sebastian Strzelecki ist Chief Operating Officer (COO) und seit dem 1. Janaur 2020 Chief Executive Officer (CEO) von Cleverreach. Der 42-Jährige hat einen ungewöhnlichen Karriereweg hinter sich: Nach vier Jahren bei der Bundeswehr und einer Ausbildung zum Mediengestalter kam er 2003 als Creative Director zu Ashampoo, wo er eine Abteilung für Newsletter-Marketing aufgebaut hat. Daraus ging später Cleverreach hervor.

Das Unternehmen: Die 2007 gegründete Ashampoo-Tochter ist ein Spezialist für E-Mail-Marketing und hat nach eigenen Angaben mehr als 240.000 Kunden in 152 Ländern. Im deutschsprachigen Raum bezeichnet sich Cleverreach als Marktführer. Erst vor Kurzem hat die Ashampoo-Unternehmensgruppe ein neues Bürogebäude in Rastede vor den Toren Oldenburgs bezogen.

Die Serie: Sein wahres Ich zeigt der Mensch eher im Wettkampf als beim Tee. Für diese Porträtserie fordern wir daher in jeder Ausgabe einen Entscheider aus dem Nordwesten heraus. Die Disziplin bestimmt dabei der Interviewpartner. Unter anderem haben wir gegen Oldenburgs Oberbürgermeister Jürgen Krogmann Fußball gespielt und uns mit EWE-Chef Stefan Dohler ein Kartbahnrennen geliefert.

Kein Wunder, der 42-Jährige ist ein Kenner des Sports. Seit 2014 besitzt er eine Dauerkarte für die Baskets, er war unzählige Male in der Arena. Wir beäugen uns gegenseitig. In etwa sind wir gleich groß, ich messe nur ein paar Zentimeter mehr. Es ist also ein Duell auf Augenhöhe. Allerdings bin ich gut zehn Jahre jünger. „Ich fühle mich aber nicht so alt“, sagt Strzelecki mit einem Augenzwinkern. Erster Eindruck: Der gebürtige Oldenburger ist jemand, mit dem man nach Feierabend ein Bier trinken würde.

Strzelecki trägt dunkle Sportklamotten, dazu ein Schweißband und eine Funktionshose, die bis über die Knie geht. Mir passt das alte Baskets-Trikot von Tyron McCoy noch ganz gut. Für diesen Anlass habe ich es aus dem Schrank gekramt.

Ab geht es zum Warm-up aufs Basketballfeld. Jedes Prellen des Balls hallt knallend die leeren Sitzreihen hinauf. Vielleicht ist es diese spezielle Atmosphäre, Strzeleckis erste Versuche jedenfalls verfehlen ihr Ziel. „So habe ich mir das aber nicht vorgestellt“, grinst er. Seine Basketballerfahrung beschränkt sich zwar auf den Schulsport, eine Hobbymannschaft und Streetball – doch Strzelecki ist so ehrgeizig, als würde ein Playoff-Spiel gegen München anstehen.

Seit August ist er Geschäftsleiter – Neudeutsch: COO, also Chief Operating Officer – und Prokurist von Cleverreach. Seit dem 1. Janaur 2020 fungiert er als Chief Executive Officer (CEO). Das Tochterunternehmen der Softwarefirma Asham­poo hat Strzelecki im Jahr 2007 mitgegründet. Seit 2015 war er dort im operativen Geschäft tätig und für Business Development sowie Produktentwicklung verantwortlich. Fast zeitgleich mit seinem Aufstieg in die erste Liga der Manager kam der Umzug in ein neues Firmengebäude in Rastede im Landkreis Ammerland.

Strzelecki brennt vor Ehrgeiz: Er will einen Weltmarktführer aufbauen

„Meine größte Herausforderung war im ersten Schritt die Umstrukturierung der Organisation und die Prozessoptimierung“, sagt er. In der sogenannten DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) ist Cleverreach nach eigenen Angaben bereits Marktführer im Segment E-Mail-Marketing. Strzelecki gibt sich damit aber nicht zufrieden: Er ist bei Cleverreach angetreten, um nicht weniger als einen Weltmarktführer zu formen, sagt er. E-Mail-Marketing sei die einzige Konstante unter den Kommunikations-Tools von Unternehmen, aktuell stecke der Wettbewerb in einem Innovationsstau. Mit dem „Project Bigfoot“ arbeiten die Ammerländer daher an der „Kommunikation der Zukunft“, wie Strzelecki vielsagend erklärt, ohne ins Detail gehen.

Den Kunden bietet Cleverreach eine Software, um E-Mail-Marketing zu vereinfachen. Es sei ein Feld, auf dem man mit geringem Einsatz eine gute Rendite einfahren könne. Pro ausgegebenem Euro generiere man im Schnitt 42 Euro, sagt der Manager. Dennoch würden viele Firmen bis heute kein E-Mail-Marketing betreiben. Er will das ändern. „Deshalb positionieren wir uns auch als Ideengeber.“

Bei Cleverreach zählen die Steuerung und das Management des operativen Geschäfts zu seinen Hauptaufgaben. Eine verantwortungsvolle Position, dessen ist sich Strzelecki bewusst. „Mir ist es sehr wichtig, dass das Unternehmen gesund ist und die Mitarbeiter fröhlich pfeifend zur Arbeit kommen und nach Hause gehen.“

Was nach Managerplattitüde klingt, hört sich bei Strzelecki authentisch an. Er hat eine direkte und ehrliche Art, Dinge anzusprechen. Wir haben uns sofort aufs Du verständigt, wie es unter Sportlern üblich ist.

Dazu passt der Wettbewerb, in dem wir uns heute messen. Wir duellieren uns im „Horse“. Die Regeln sind schnell erklärt: Ein Spieler legt einen Wurf vor. Wenn er trifft, muss der andere ihn so gut wie möglich kopieren. Gelingt das nicht, bekommt er einen Buchstaben. Wer zuerst alle fünf Buchstaben von H-O-R-S-E sammelt, verliert.

Strzelecki beginnt und verwandelt direkt einen Sprungwurf vom Zonenrand, rund drei Meter vom Korb entfernt. Das Warmspielen zahlt sich offenbar aus. Seine Technik ist nicht die eines Profispielers, aber wie man den Ball im Ring versenkt, weiß er. Also Konzentration: Ball genommen, Knie gebeugt, Arm durchgestreckt und Hand abgeklappt. Trotzdem verfehlt mein Wurf das Ziel. Ich schlucke. In Gedanken notiere ich das H auf meiner Seite. Bei meinem Kontrahenten blitzt die Freude darüber kurz in den Augen auf.

Strzelecki will immer das Beste aus sich herausholen. Ein Alleingänger ist er deshalb aber nicht. „Das finde ich beim Basketball so spannend. Jeder hat individuelle Stärken, aber gewinnen kann man nur als Team.“ Deshalb ist er ein großer Fan von Spielern wie Braydon Hobbs, Tyler Larson oder Rasid Mahalbasić. „Du brauchst einen Floor General, der das Spiel überblickt, die Mitspieler findet und Optionen auftut.“ Was im Sport funktioniert, läuft auch im Job. „Bei uns in der Firma achten wir auf eine gute Teamchemie. Nur dann kann jeder im Rahmen seiner eigenen Skills bestmöglich performen“, sagt Strzelecki. Er benutzt dabei englische Begriffe, die auch Trainern wie Oldenburgs Mladen Drijencic flüssig über die Lippen gehen. „Aus diesem Grund fühle ich mich den Baskets so verbunden.“ Seit Saisonbeginn ist Cleverreach einer der größten Sponsoren des Bundesligisten.

Programmieren hat er sich als Kind am Atari antrainiert

In seiner Firma setzt der 42-Jährige auf den Paulding-Effekt. „Wir haben kein Interesse an kurzen Stehzeiten von nur ein bis zwei Jahren. Die Leute sollen langfristig bei uns bleiben.“ Dabei sieht der Geschäftsleiter eine weitere Parallele zum Basketball: „Die alten Hasen sind unerlässlich. Sie bewahren in stressigen Situationen die Ruhe.“ Viel Spaß mache es ihm, die passenden talentierten „Spieler“ für sein Unternehmen zu finden und diese Talente zu entwickeln.

„Ich bin kein Digital Native, aber sehr früh in ganz neue Themen eingestiegen“, sagt Strzelecki. Er ist ein Mensch, der immer auf der Suche nach Innovationen ist. Beim Basketballduell zeigt sich das beim Wurf mit dem Rücken zum Korb. Glücklicherweise trifft Strzelecki nicht – den hätte ich wohl kaum nachahmen können. Jetzt bin ich an der Reihe und greife ebenfalls in die Trickkiste: Drei Würfe aus der Drehung oder im Zurückspringen finden den Weg in den Korb. Strzelecki verpasst es nachzuholen: H-O-R.

Mit seinem Arbeitsgerät ist Strzelecki früh in Kontakt gekommen. Bevor er das zehnte Lebensjahr erreicht hatte, bekam er von seinem Vater einen Atari-Computer geschenkt. „Aus einem Buch habe ich seitenlang Binärzahlen abgetippt, um nachher ein Wellenmuster auf den Bildschirm zu kriegen.“ Zwar baute er irgendwo einen Fehler ein. Doch Strzelecki blieb am Ball und fand die falsche Ziffer. Eine Akribie, mit der man es im Business weit bringen kann. Noch heute kann er genau aufzählen, welches Modell von welchem Rechner er wann besessen hat.

Bei der Programmierung ist Strzelecki allerdings nicht geblieben – es verschlug ihn in die gestalterische Richtung. Nach einem Jahr Werbelehre an der Berufsfachschule Wirtschaft fand Strzelecki an einem ungewöhnlichem Ort zu seiner Passion: Vier Jahre diente er als Unteroffizier bei der Bundeswehr. „Unter Förderung meiner Vorgesetzten habe ich dort Visitenkarten und Briefköpfe für meine Einheit gestaltet.“

Es folgte eine Ausbildung als Mediengestalter digital mit dem Schwerpunkt E-Commerce bei Sunday Online-Marketing in Oldenburg. Im Januar 2003 fing er mit seiner Abschlussurkunde in der Tasche noch am selben Tag an, die Grafikabteilung bei Ashampoo mitaufzubauen. Anschließend war er als Creative Director bei Ashampoo tätig. „Ich hatte die Möglichkeit, mein Hobby zum Beruf zu machen“, sagt er. Später war er Mitgründer von Ashampoo Internet Services, woraus der 2007 Cleverreach entstand.

Körbewerfen nach Feierabend mit seiner Frau

Zwischendurch entwickelte er einen digitalen Stadtplan aller Basketballkörbe in Oldenburg, weil er mit dem Angebot an Freiplätzen nicht zufrieden war. Als sich nichts änderte, stellte er sich selbst einen Korb auf den Hof. „Regelmäßig nach Feierabend werfe ich zusammen mit meiner Frau darauf.“ Deshalb weiß Strzelecki auch in der EWE-Arena, wo der Ring hängt. Mit einem gekonnten Distanzwurf verkürzt er. Jetzt packt auch mich der Ehrgeiz. Auf „Reverse Layup“ und „Fadeaway“ findet Strzelecki keine Antwort mehr: H-O-R-S-E!

Man merkt, dass ihn die Niederlage ein bisschen fuchst, dennoch gratuliert er fair. Ein wahrer Sportsmann eben. Zum Abschluss schlagen wir ein und stellen fest, dass wir beide ziemlich ins Schwitzen gekommen sind. Genau wie echte Profis.

Hinweis der Redaktion (13.1.20) : Seit dem 1. Januar 2020 ist Herr Strzelecki Chief Executive Officer (CEO) bei Cleverreach. Wir haben den Artikel entsprechend aktualisiert.

Arne Jürgens Volontär, 3. Ausbildungsjahr / NWZ-Redaktion
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