+++ Eilmeldung +++
Aktualisiert vor 9 Minuten.

Liveblog Zum Coronavirus
Weltweit mehr als eine Million Menschen mit Coronavirus infiziert

Die Zahl der Einser-Abiturienten wächst und wächst. Werden die
Schüler schlauer – oder sind die
Prüfungen zu leicht? Wie Arbeitgeber mit der Bestnotenflut umgehen.

Von Norbert Wahn

Es ist nicht lange her, da galten deutsche Schüler als Pisa-Versager. In europäischen Vergleichstest schnitten sie meist nur mittelmäßig ab, oft sogar noch schlechter. Doch diese Zeiten scheinen vorbei zu sein. Schaut man sich die offiziellen Statistiken an, sind aus Deutschlands Pisa-Versagern quasi über Nacht Vorzeigeschüler geworden.

Die Daten der Kultusministerkonferenz belegen einen stetigen Anstieg der Bestnoten. Vor zehn Jahren hatte hierzulande noch nicht einmal jeder hundertste Abiturient einen Schnitt von 1,0. Seitdem steigt ihr Anteil beständig. 2014 waren es schon 50 Prozent mehr als 2006, die die Bestnote erhielten.

Fragt sich, woran das liegt. Sind die Schüler schlauer geworden? Oder die Prüfungen einfacher? Und wie viel ist eine Bestnote eigentlich noch wert, wenn sie immer häufiger vergeben wird? Immerhin hat sie entscheidenden Einfluss auf die Zulassung zu den Studiengängen und die Einladung zu Vorstellungsgesprächen für die begehrtesten Jobs.

Wer sich die Statistiken genauer anschaut, erkennt allerdings, dass das Bildungswunder nicht ganz Deutschland erreicht hat. Berlin etwa vergab 2015 fünfmal so viele 1,0-Noten wie noch 2006. Brandenburg verzeichnete immerhin noch eine Verdreifachung. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind groß. In Thüringen erhielten vor zwei Jahren 2,79 Prozent der Abiturienten eine 1,0, in Niedersachsen nur 0,78 Prozent. Es sind Unterschiede, die teils seit Jahren bestehen.

Sind die Schüler in Niedersachsen also dümmer als jene in Thüringen?

Dass sich die Abituraufgaben verändert haben, ist ein bundesweiter Trend, der viel mit dem Pisa-Schock aus dem Jahr 2001 zu tun hat. Seither wird in Lehrplänen und Prüfungen weniger Wert auf Fachwissen gelegt. Stattdessen zählt die Anwendung der erlernten Kompetenzen, es geht um Teamfähigkeit, Lesekompetenz oder darum, gelungene Präsentationen zu geben.

Das bleibt aber offenbar nicht ohne Konsequenzen, wie die Studie der Kultusministerkonferenz zeigt: „Trotz gestiegener guter Schulabschüsse wächst die Anzahl der jungen Menschen, die gleich zu Beginn einer Berufsqualifikation in Unternehmen oder Hörsälen mit fehlenden Grundlagenkompetenzen hinsichtlich Sprache und Mathematik zu kämpfen haben“, schreiben die Verfasser. „Diese Hardskills gelten immer weniger als Elementartechniken in der schulischen Bildung.“

Doch was heißt das konkret für den Arbeitsmarkt vor Ort?

Wolfgang Jöhnk von der Handwerkskammer Oldenburg hat einen guten Überblick. „80 Prozent unserer Handwerkslehrlinge haben entweder einen Haupt- oder Realschulabschluss. Der Druck auf dem Ausbildungsmarkt erhöht sich durch den demografischen Wandel, gerade im gewerblich-technischen Bereich. Die Konkurrenz für die Betriebe ist da: Kommt überhaupt noch jemand nach?“ Die Betriebe schauen gar nicht mehr so sehr auf die Noten. Es geht bewusst um andere Kompetenzen: Teamfähigkeit, soziale Kompetenz, Neigungen, Begabungen, Wertvorstellungen, zeigt jemand Interesse an einem Beruf.

Hintergrund für das Handwerk ist auch der Druck auf dem Ausbildungsmarkt um die richtigen Köpfe. Jöhnk: „Vor fünf bis zehn Jahren gab es noch 20 bis 30 Bewerbungen auf eine Stelle. Das hat sich stark verändert. Heute sind es nur zwei bis drei Bewerbungen.“ Und dann muss der Treffer für den Betrieb eben sitzen. Oft ist das Praktikum dabei ein wichtiger Faktor. Der Gesamteindruck ist laut Jöhnk entscheidend. Andere Kompetenzen als die Schulnoten sind deshalb oft der goldene Weg. Andere Defizite könne man auch in der Ausbildungszeit beheben.

Ein gutes Zeugnis garantiert noch keinen guten Job – trotz des Fachkräftemangels

„Das Thema Noten diskutieren wir mit Unternehmen schon viele Jahre“, sagt Thomas Hildebrandt von der Industrie- und Handelskammer Oldenburg. „Diese Noten sehen wir vor allem auch in Relation zu den Kopfnoten. Eine gute Abiturnote garantiert noch lange keinen guten Ausbildungs- oder Studienerfolg.“ Gesucht werden Leute mit Potenzial. „Aber gute Noten haben längst noch keine Garantie auf einen erfolgreichen Ausbildungs- oder Studienerfolg.“ Soziale Kompetenz wird auch hier großgeschrieben. „Wichtig ist, solche Themen im Bewerbungsgespräch zu vertiefen.“ Potenziale für die Unternehmen erkennen. Ein Erfolgsmodell für Hildebrandt: Auszubildende aus dem dritten Jahr wählen ihre Nachfolger fürs erste Lehrjahr aus. „Die suchen im richtigen Milieu.“ Das Abitur habe aber schon seinen Wert.

Manche Unternehmen kommen mit Auszubildenden, die kein Abitur haben, besser zurecht. So zum Beispiel die Airbus-Tochter Premium Aerotec in Bremen. Dort sucht man bewusst Auszubildende ohne Abitur. „Wir machen da sehr gute Erfahrungen. Das sind Jugendliche, die begeistert in der Ausbildung tätig sind“, erklärt Henning Fellensiek von der Geschäftsführung. Die Begeisterung ist so groß, dass am Ende alle Azubis als Facharbeiter im Unternehmen bleiben. Das sei bei Abiturienten längst nicht immer der Fall, viele von ihnen verließen die Firma nach der Ausbildung – und nahmen das Wissen aus dem Unternehmen mit.

Bei Azubis, wie in den vergangenen Jahren üblich, nur auf den Schulabschluss zu schauen schade langfristig sogar der gesamten Wirtschaft. Deswegen sei es genau richtig, in Deutschland wieder mehr Auszubildende ohne Abitur einzustellen, sagt Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel. „Das ist ein Trend, der gestärkt werden muss, weil wir in eine Facharbeiterlücke wachsen. Auf der anderen Seite beobachten wir, dass hochqualifizierte und begabte Menschen am Arbeitsmarkt vernachlässigt werden.“

Eine Eins minus ist die neue Drei plus:
Deutsche Schüler
bringen immer häufiger Bestnoten mit nach Hause. Allerdings nicht in allen Bundesländern.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.