Berlin Kurseinbrüche an den Börsen, beschwörende Warnungen der Wirtschaftsverbände und nervöse Beratungen in der Politik über Hilfsmöglichkeiten. Das Coronavirus droht das Wachstum in der globalen Wirtschaft und auch im exportstarken Deutschland abzuwürgen.

Allein der deutsche Leitindex Dax sackte am Freitag um zeitweise über fünf Prozent ab. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), äußerte sich alarmiert von den Kurseinbrüchen. „Die Finanzmärkte sind ein Vorläufer von dem, was in der Güterwirtschaft folgen könnte“, warnte er jetzt im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. Er fürchte, dass es am Ende zu einer „Teufelsspirale“ kommen könnte, bei der sich Kursstürze an den Aktienmärkten, Zurückhaltung von Firmen bei Investitionen und Verunsicherung bei den Konsumenten gegenseitig immer tiefer abwärts treiben.  Fakten zu den aktuellen wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Infektionswelle: Die Bundesregierung sieht momentan noch keine einschneidenden Beeinträchtigungen für die deutsche Wirtschaft. Das kann sich aber mit der Ausbreitung der Infektion rasch ändern, wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) immer wieder deutlich macht. „Bislang gib es keine umfassenden Liefer- und Nachfrageeinbrüche in Deutschland“, hieß es aber noch am Freitag in seinem Ministerium. Der frisch gebildete Krisenstab der Bundesregierung arbeitet unterdessen an Empfehlungen, wie die Zuständigen in Ländern und Kommunen angesichts des Infektionsrisikos mit Großveranstaltungen umgehen sollten. Die weltgrößte Reisemesse ITB (4. bis 8. März) in Berlin etwa wurde bereits am Freitag von den Organisatoren abgesagt. „Insgesamt ist die Unsicherheit gewachsen und die Lage für unsere Unternehmen schwieriger geworden“, gesteht die Regierung ein.  Bundesbank sieht Negativeffekt: Die Deutsche Bundesbank rechnet bereits mit Wachstumseinbußen in Deutschland wegen des Coronavirus. „Nach den derzeitigen Informationen erwarte ich, dass dieses Risiko sich zum Teil auch materialisieren dürfte“, sagte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Wie groß dieser dämpfende Effekt sei, lasse sich noch nicht abschätzen. Derzeit rechnet die Notenbank mit einem Wachstum von 0,6 Prozent in Deutschland, wenn man den Effekt der größeren Zahl von Arbeitstagen in diesem Jahr herausrechnet.  Fieberhafte Prüfung von Handelsoptionen: Wie kann der Wirtschaft geholfen werden, um mit dem Virus klarzukommen? Ein großes Konjunkturprogramm, wie es etwa von DIW-Präsident Fratzscher befürwortet wird, lehnt die Bundesregierung ab. Auch von speziellen Hilfsfonds für besonders betroffene Branchen ist konkret noch nicht die Rede, auch wenn darüber nachgedacht wird. Ziel der Regierung ist es vielmehr, die Folgen der weltweiten Infektionen auf ein Mindestmaß zu begrenzen und zwar mit bestehenden Fördermitteln. Dazu zählen etwa Bürgschaften, Kreditgarantien und Betriebsmittelkredite der staatlichen Förderbank KfW, wenn Firmen wegen des Virus vorübergehend das Geld ausgeht. Bislang reicht das nach Darstellung des Bundeswirtschaftsministeriums. Allerdings könnte man diese Instrumente ausbauen, wenn der Bedarf steigt, lautet das Signal. Darüber hinaus kann bei Firmen, die aufgrund fehlender Zulieferungen, etwa aus China, unter Lieferengpässen leiden, über verbesserte Kurzarbeitergeld-Regelungen deren Beschäftigung stabilisiert werden. Daneben signalisiert die Regierung, ohnehin geplante Steuererleichterungen für Unternehmen vorziehen zu wollen. Konkrete Vorschläge werden in einigen Tagen von einer Koalitions-Arbeitsgruppe mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz erwartet. Hier geht es in erster Linie um günstigere Abschreibungsbedingungen für Firmen, die diesen kurzfristig mehr Geld in den Kassen belässt. Außerdem sollen die steuerlichen Bedingungen für Personenunternehmen verbessert werden. Altmaier fordert zudem seit Längerem eine Unternehmenssteuer-Reform mit niedrigeren Sätzen. Allerdings erscheint es wenig wahrscheinlich, dass Finanzminister Scholz darauf eingeht. Der hält vielmehr an seinem Vorschlag fest, die bislang für 2021 eingeplante Streichung des Solidaritätszuschlags für 90 Prozent der Zahler etwas vorzuziehen, was die Nachfrage stärken würde.  Widersprüchliches aus der Wirtschaft: Die Betroffenheit durch das Coronavirus fällt derzeit in den einzelnen Branchen ziemlich unterschiedlich aus. Probleme haben speziell Firmen, die besonders von chinesischen Vorprodukten und anderen Zulieferungen von dort abhängig sind, denen dafür keine kurzfristigen Alternativen zur Verfügung stehen und die nicht auf volle Lager zurückgreifen können. „Eine angespannte Situation erwarten wir für die Elektro-, Automobil- und Pharmabranche. Und auch die Tourismusbranche ist betroffen“, beobachtet das Ministerium von Peter Altmaier. Aus der Wirtschaft ist zu hören, dass unter den gut 5000 Firmen in China viele schon gravierend leiden. Der Industrieverband BDI sieht jetzt schon deutliche Bremsspuren in der exportorientierten hiesigen Wirtschaft. Sorge bereitet zudem die Lage in Italien, wo das Coronavirus aktuell besonders heftig grassiert. Das Land ist Deutschlands fünftgrößter Handelspartner. Besonders umfangreich sind die deutschen Geschäftsbeziehungen just mit dem Norden des Landes, der besonders stark unter der Infektionswelle leidet. Darauf verwies der Deutsche Industrie- und Handelskammertag.

Letztlich sagen aber alle, und zwar die in der Politik genauso wie führende Vertreter der Wirtschaft: Zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch zu früh, irgendwelche Prognosen über gesamtwirtschaftliche Auswirkungen zu treffen. Alles hängt davon ab, wie lange die Epidemie anhält und wie sie sich weiter entwickelt.

Eine nicht repräsentative Blitzumfrage der Oldenburgischen Industrie- und Handelskammer (IHK) ergab derweil, dass das Virus schon jetzt Auswirkungen auf das Im- und Exportgeschäft von 60 Prozent der Firmen in der Region hat. Auf zwölf Monate oder länger gesehen erwarten knapp 90 Prozent der befragten Firmen „verkraftbare wirtschaftliche Einbußen“ durch das Virus.

Gernot Heller Korrespondentenbüro Berlin
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