Augustfehn /Uplengen Peter Finkernagel steht im Innenhof seiner Unternehmensgebäude und zeigt, was so alles neu entstanden ist, seit er in den 80er Jahren das Stahlwerk Augustfehn übernahm. Das geht praktisch einmal im Kreis. „Und hier“, sagt Finkernagel und zeigt nach links, wo noch die letzten Gebäude aus der Nachkriegszeit stehen, „hier könnte unsere nächste Investition umgesetzt werden“: Eine neue ultramoderne Fertigungslinie für schwere industrielle Hammer. „Die Pläne liegen in der Schublade“, erläutert der Firmen-Eigentümer. Schon heute zerkleinern die bis zu 450 Kilo schweren Hammer aus Augustfehn rund um den Globus Material wie Gesteine oder Schrott.

Kein Zweifel: Finkernagel hält das Stahlwerk Augustfehn, das er erfolgreich durch schwierige Phasen geführt hat, auch fit für die Zukunft. Das Ammerländer Unternehmen, quasi einen Steinwurf von Ostfriesland entfernt, holt immer wieder weltweit spektakuläre Aufträge für seine robusten, speziell geschmiedeten Stahlprodukte herein.

Gerade jetzt, da Finkernagel (80) auch Weichen für seine Nachfolge stellt, ist man im Stahlwerk Augustfehn (und 17 Millionen Euro Umsatz/45 Beschäftigte) besonders stolz auf die eigenen Stärken: Kürzlich wurden die bisher größten „Eimer“ für einen gigantischen Schaufelradbagger konstruiert – und dann 16 Exemplare der jeweils 1,7 Tonnen schweren Schaufeleimer auch selbst produziert. Sie fassen das Firmenrekord-Volumen von 2500 Liter.

Ein Magdeburger Maschinenbauer wird den Riesen-Bagger mit den aus Augustfehn bereits antransportierten Eimern an einen Kupferkonzern in Chile liefern. In diesen Wochen wird das Gefährt auf dem Wasserweg nach Südamerika unterwegs sein.

„Ein ganz tolles Projekt“ sei das, freut sich Mike Sander, der in Augustfehn für Arbeitsvorbereitung und Konstruktion zuständig ist. Damit meint er die schiere Größe, aber auch den Wissensaufbau, der mit der Produktentwicklung vor Ort in Augustfehn einher ging. Ganz viele Rädchen im Betrieb hätten dabei zusammengewirkt, „mit allem, was wir hier können“, sagt der Ammerländer aus Westerscheps stolz. Und dazu gehören oft spezielle Vorgänge, wie auch das „Entspannen“ des verwendeten Stahls, die man anderenorts nur selten so umfassend beherrscht, ergänzt Vertriebsleiter Winfried Frerichs aus Altmoorhausen (Kreis Oldenburg).

„Das wollen wir ausbauen“, sagt Finkernagel. Konkret hofft man auch beim Riesen-Einer und weiteren Verschleißteilen auf regelmäßige Folge-Aufträge.

Reisen bis nach Chile – so etwas ist nicht ungewöhnlich für Produkte aus dem Stahlwerk Augustfehn. „Wir haben eben weltweit unsere Nischen“, sagt der Chef. Und man liefere vieles „aus einer Hand“ – das sei einmalig. Dazu gehören etwa riesige Zahnkränze (bis zu 22 Meter groß) und Kugelbahnen für die Drehfähigkeit von Schaufelradbaggern im Tagebau. Oder große Eimer für die Nassbaggerei in Häfen, Flüssen und Kiesfeldern. Auch wichtige Details für hoch belastete Mechanik, wie Bolzen, Messer oder Bodenbleche sind Spezialitäten der Augustfehner.

Krise in wichtigen Kundengruppen wie Rohstoffkonzernen? Finkernagel winkt ab: Die Firma sei breit aufgestellt. Zudem sei davon auszugehen, dass sich die Rohstoffpreise eines Tages wieder erholten. Die Bergbauunternehmen stünden unter großem Druck, ihre Effizienz zu steigern – und das geschehe eben auch mit neuem Gerät aus Augustfehn.

Wichtig für das Produktportfolio und die individuelle Bedienung der Kunden seien auch die Beiträge bei den kleinen Geschwistern des Stahlwerks – Turbomech (13 Beschäftigte) und Friesische Verschleißteile (8) aus dem nahen ostfriesischen Uplengen. Generell sei es Stärke des Stahlwerks Augustfehn, auch herausfordernde Dinge „einfach anzupacken, zu machen – und dabei in der Belegschaft an einem Strang zu ziehen“, sagt Jelena Busch aus Moormerland, die Verkaufsleiterin und Prokuristin ist. Kein zweiter Betrieb könne derzeit die Kernprodukte wie die Augustfehner aus einer Hand fertig abliefern.

Die Stahlwerk Augustfehn Schmiede GmbH & Co. KG war bei Eröffnung um 1872 ein früher industrieller Kern des Oldenburger Landes. Wichtiger Rohstoff war der schwefelarme Torf. Als maßgebliche Transportmittel dienten die Kanäle (direkt vor dem Werk) und die noch junge Bahnstrecke Oldenburg-Leer (mit Kanal-Anbindung am Bahnhof Augustfehn). Heute fahren Lastwagen. Man bekommt Stahlblöcke geliefert, erhitzt das Material auf bis zu 1200 Grad und bearbeitet (schmiedet) es zu den gewünschten Produkten.

Finkernagel war 1987 als Geschäftsführer an Bord gekommen. Zwei Jahre später übernahm er die Firma vom Hoesch-Konzern im Zuge eines Management-Buy-out.

Und falls Finkernagel sich nach all den Jahren nun tatsächlich, Schritt für Schritt, zurückzieht? Dann schreibt er vielleicht ein Buch. Thema: Die aufregende, fast 150-jährige Geschichte seines Stahlwerks.

Rüdiger zu Klampen Redaktionsleitung / Wirtschaftsredaktion
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