Oldenburg /Wilhelmshaven Dass seine Polizeikarriere einmal so enden würde, hätte er sich nie vorgestellt. Hans-Henning von Dincklage, der auf den Namenszusatz „Freiherr“ verzichtet, wollte immer zu den Besten gehören, war im Lauf seiner Berufsausbilder durchweg Lehrgangsbester, galt als leidenschaftlicher Kripo-Beamter, als hartnäckiger Ermittler, der nicht locker ließ.

Vor dem Oldenburger Landgericht berichtet er ausführlich über seine Laufbahn, die ihn im Jahr 2007 als Chef der Polizei nach Wilhelmshaven brachte. Dort sollte er im Auftrag des damaligen Polizeipräsidenten Hans-Jürgen Thurau die desolate Polizeiinspektion wieder auf Vordermann bringen – eine Herkulesaufgabe, wie er vor Gericht schildert, zumal er gleichzeitig auch mit überregionalen Einsatz- und Projektleitungen der Polizei betraut wird.

Im Frühjahr 2013, kurz vor der Einweihung einer neuen Polizeizentrale in Wilhelmshaven, sieht er sich auf gutem Weg, als plötzlich von einem Tag auf den anderen alles für ihn zusammenbricht. Privater Missbrauch von Dienstwagen wird ihm vorgeworfen, die Dienstausübung wird ihm untersagt.

Noch jetzt im Gerichtssaal ist ihm die Fassungslosigkeit anzumerken über die Art und Weise, wie die Justiz mit ihm und den Vorwürfen umgegangen ist. Was für von Dincklage das Ende der aktiven Polizeiarbeit bedeutet (er wurde später als Dozent an der Polizeiakademie Niedersachsen eingesetzt), ist der Beginn eines unglaublichen Ermittlungsmarathons der Justizbehörden.

Auf einen Vorschlag des früheren Polizeipräsidenten Thurau, alle Vorwürfe gemeinsam mit von Dincklage zu besprechen, ging man damals nicht ein. Stattdessen wurden im Auftrag der Oldenburger Staatsanwaltschaft eine riesige Ermittlergruppe eingesetzt und 800 Dienstfahrten untersucht. Nach knapp drei Jahren wurde eine Anklageschrift vorgelegt, die damals vom Landgericht als zu dürftig zurückgewiesen wurde, weil wichtige Hinweise der Verteidigung nicht berücksichtigt worden seien.

Etwa 100 zusätzliche Zeugen wurden anschließend befragt und in eine neue Anklageschrift eingebaut, die Staatsanwalt Sascha Reinders am Mittwoch vorträgt. 90 unzulässige Privatfahrten im Dienstwagen werden von Dincklage vorgeworfen. Dabei habe er in 83 Fällen seine Funktion als Vorgesetzter missbraucht. Punkt für Punkt listet er die Vorwürfe auf, immer penibel mit einer rechnerischen Schadenshöhe verbunden: Mal sind es 2,36 Euro, mal 186, oft sind es um die 90 Euro – abhängig von Strecken und Fahrzeugtypen. Eine Gesamthöhe des vorgeworfenen Schadens trägt Reinders nicht vor, kann sie auch auf NWZ-Anfrage nicht nennen.

Anders von Dincklage. Er hat die Beträge zusammengezählt und kommt auf einen Schaden von 7000 Euro, der ihm vorgeworfen werde. Vor Gericht kündigt er an, dass er sich freue, dass die ganze Angelegenheit nun endlich aufgeklärt werden könne. Dabei werde sich herausstellen, dass die komplette Anklage ins Leere gehe. Jede einzelne Fahrt sei dienstlich begründet gewesen. Da er nämlich viele dienstliche Gespräche in Oldenburg führen musste, habe er diese etwa zwei- bis dreimal im Monat auf die frühen Morgen- und späten Nachmittagsstunden gelegt. An diesen Tagen sei er von seinem Wohnort Papenburg morgens nach Oldenburg gefahren, sei von dort nach Wilhelmshaven und später wieder zurückgebracht worden, um dann am Abend wieder im Privatwagen nach Papenburg zu fahren.

Jürgen Westerhoff Redakteur / Regionalredaktion
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