Die erste Premiere der Landesbühne im neuen Jahr macht die Türkei zum Thema. Christian Hockenbrink dramatisierte Orhan Pamuks Roman „Schnee“.

Von Martin Wein

Wilhelmshaven Kars ist eine Militärstadt in den Bergen Ostanatoliens. Kaum 50 Kilometer sind es bis Armenien, keine 70 bis nach Georgien. Istanbul und Ankara sind weit hier oben, vor allem im langen Winter. Dennoch spiegeln die 75 000 Einwohner, kemalistische Militärs, säkulare Studenten, dogmatische Islamisten und viele zwischendrin die ganze Türkei zwischen Aufbruch und Rückzug. Was würde in so einer eingeschneiten Stadt passieren, wenn nach einer Selbstmordserie unter dem Kopftuch leidender Studentinnen eine radikale Theatertruppe zum Staatsstreich bläst? Der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk hat es durchgespielt in seinem 2002 erschienenen politisch-märchenhaften Roman „Schnee“.

Auf der Basis einer Dramatisierung der Münchener Kammerspiele bringt die Landesbühne den Roman am Sonnabend ins Theater. Die Premiere beginnt um 20 Uhr.

Die von Pamuk dargestellte Fremdheit habe ihn zunächst nicht interessiert, gesteht Regisseur Christian Hockenbrink, der für die Landesbühne bereits die politischen Dramen „Wilhelm Tell“ und „Albertz“ in Szene setzte. Genau diese mangelnde Vertrautheit habe ihn schließlich gewurmt und zu einer intensiveren Beschäftigung mit dem 500-Seiten-Text gebracht. Heute bewundert Hockenbrink, wie vorurteilsfrei Pamuk verschiedenste Ideologien gegenüberstellt, ohne erkennbar Position zu beziehen. Ein Statement zum EU-Beitritt oder zum Islamismus sucht man bei der Lektüre vergeblich. „Das Stück hat eher etwas Märchenhaftes“, wozu die Stille des Schnees wesentlich beitrage. Man habe versucht, mit sehr reduzierten Mitteln etwas über die Denkweisen und Handlungen von Personen mitzuteilen, auch wenn sie in ihrer Anlage überwiegend fremd bleiben.

Hauptfigur ist Ka, ein nach Frankfurt emigrierter Dichter, der im Auftrag einer Zeitung in Kars der rätselhaften Selbstmordserie nachspürt. In seinen Gesprächen kommt er den Menschen von Kars so nahe, dass deren Standpunkte ihn immer wieder tief berühren. Im Hotel „Schneepalast“ verliebt er sich in die hübsche Ipek und muss schließlich beweisen, ob sich säkulare und religiöse Traditionen vereinbaren lassen. Ein eindeutiger Handlungsablauf entspreche weder der Atmosphäre des Romans noch den Möglichkeiten einer Dramatisierung, warnt Hockenbrink.

Doch gerade in der Fremdheit liegt für ihn der Reiz von „Schnee“. Und Dramaturg Marc-Oliver Krampe erklärt: „Man muss in diesem Fall nicht alles verstehen, um seine Faszination zu spüren.“

Weitere Aufführungen im Stadttheater Wilhelmshaven sind am 27. Januar und 5. Februar, jeweils um 20 Uhr.

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