Westerstede /Bremen Nicht jeder Witz ist zum Lachen, schon gar nicht jeder Ostfriesenwitz. Meist sind die Pointen derart platt, dass sie auf verblüffende Weise dem Landstrich ähneln, von dem die Rede ist. Und über manche kann sich wohl nur ein Norddeutscher amüsieren: Was machen Ostfriesen wenn sie einen Stromausfall haben? Sie gehen an den Strand und holen sich ein paar Kilo Watt.

Geniales Marketing

Aber egal, ob komisch oder nicht: In diesen Tagen wird der Ostfriesenwitz 50 Jahre alt. Als „Erfinder“ gilt nicht etwa der Komiker Otto Waalkes, der allerdings viel zu seiner Verbreitung beigetragen hat, sondern ein 16-jähriger Westersteder Gymnasiast. Der hat im Sommer 1968 für die Schülerzeitung „Trompete“ aus jugendlicher Witzelei, Sprüchen und Geschichtchen die ersten regionalen Kalauer formuliert.

Kurz, kürzer, Ostfriesenwitz von Otto in einem Youtube-Video:

„Wir hatten sehr viele Mitschüler aus dem benachbarten Ostfriesland an der Schule“, erinnert sich Borwin Bandelow, heute 66 Jahre alt und in Göttingen Universitätsprofessor. Gemeinsam reisten sie im Sommer ’68 an die Spree, wo auf einem Acht-Mann-Zimmer in einer Berliner Jugendherberge die „Republik Freies Friesland“ ausgerufen wurde. Auf der Klassenfahrt entstanden die ersten Witze.

Einen der ältesten hat Borwin noch parat: Warum hat der Ostfriese ein langes und ein kurzes Bein? Damit er besser am Deich entlanglaufen kann. Borwin sieht sich selbst nicht als „Erfinder“ des Ostfriesenwitzes, aber er sei der Erste gewesen, der sie „in eine gewisse Form gebracht und aufgeschrieben hat“.

Ostfriesenwitze in Buchform

Borwin Bandelow (66) ist Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen und ein Experte für Angsterkrankungen. Er schrieb mehrere Bestseller über psychologische Themen.

Der Bremer Lach- und Humorforscher Rainer Stollmann (71) ist Hochschuldozent i. R. für Kulturtheorie und Kulturgeschichte im Fach Kulturwissenschaft an der Universität Bremen.

Wiard Raveling, selbst Ostfriese und ehemaliger Englischlehrer von Bandelow, veröffentlichte 1993 die „Geschichte der Ostfriesenwitze“ in Buchform (Verlag Schuster, Leer).

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Die Witze erschienen in der Schülerzeitung, verbreiteten sich an der Schule und später, als aus den Schülern Soldaten wurden, auch bei der Bundeswehr. Dort hatte man „beim Nichtstun in der Kaserne“ genug Zeit, neue zu erfinden. Schließlich sorgten Komiker wie Otto und Karl Dall in den 80er und 90er Jahren für ihre bundesweite Verbreitung.

Dem Landstrich hat es im Übrigen nicht geschadet, im Gegenteil. Die Verballhornung der Küstenbewohner als tüdelige Watt-Trottel zeigt sich rückblickend als genialer Marketingstreich und machte die Region nicht nur bundesweit bekannt, sondern auch attraktiv für Touristen.

Über die Qualität von Witzen lässt sich nach den Worten des Bremer Humorforschers Rainer Stollmann trefflich streiten. Vor allem sei der Witz „etwa Orales“: Witze müssen erzählt werden, lebendig und spontan sein. „Das kommt immer sehr auf die Situation an.“

Als Humorforscher kennt er sich mit den ernsten Hintergründen aus. Die Ostfriesenwitze gehören nach seinen Worten zu den „Anti-Modernisierungswitzen“. Die gebe es in den verschiedensten Verpackungen und hätten ihren Ursprung im Schottenwitz, mit dem die Engländer über einen jahrhundertealten Gegner triumphierten.

Angst weglachen

Oft seien Bewohner in eher abgelegenen, ländlichen Landstrichen betroffen. „Die gibt es in allen Ländern, die sich modernisiert haben“, erläutert der 71-Jährige. Die meisten Ostfriesenwitze ließen das auch erkennen, weil es darin um Menschen geht, die mit der Technik nicht klarkommen. Bestes Beispiel: Wie viele Ostfriesen braucht man um eine Glühbirne zu wechseln? Fünf, einer hält die Glühbirne fest und vier drehen den Stuhl, auf dem er steht.

Solche Witze entstünden immer nach einem Modernisierungsschub, sagt Stollmann. „In Wirklichkeit lachen die Menschen auch nicht über die Ostfriesen, sondern sie lachen sich die Angst vor der Modernisierung weg.“ Ähnliches lasse sich bei der fortschreitenden Emanzipation beobachten, wenn in Institutionen Frauenbeauftragte eingestellt werden und überall von Gender die Rede seit. Als Reaktion lachten die Patriarchen und Machos über Blondinenwitze.

Regina Jerichow Stellv. Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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