Brake Die Bilder an den Wänden des Flures, sie erzählen eine Braker Familiengeschichte, die über Generationen reicht. Es ist zugleich eine Geschichte über den Schiffbau an der Unterweser, über Innovationen und große Ingenieurleistungen, über den Aufschwung und letztlich ein bitteres Ende. „Wir wurden von hinten erschossen“, sinniert Claus Lühring, während er ein Foto der „Thor“ anschaut, „das war nichts als Politik“.

Claus Lühring war der letzte Inhaber der Hammelwarder C. Lühring Schiffswerft, die 1988 Konkurs anmelden musste. Jetzt schreibt der 84-Jährige an einer Familienchronik. Er hat viel zu erzählen. Deshalb hat Lühring bislang das 19. Jahrhundert auch noch nicht verlassen. In zwei Jahre möchte er die Chronik jedoch abgeschlossen haben.

390 Stahlschiffe gebaut

Rund 60 hölzerne und 390 stählerne Schiffe liefen bei der Lühring-Werft in mehr als 100 Jahren vom Stapel. Die Familientradition beginnt mit Claus Lührings Urgroßvater, dem gelernten Schiffbauer Johann Conrad Lühring. 1873 übernahm er die 13 Jahre zuvor von dem Oberhammelwarder Bernhard Reiners gegründete Werft. Als Johann Conrad 1895 krank wurde, holte er seinen Sohn Hinrich Gerhard mit in den Betrieb, der eigentlich Schullehrer werden wollte und zu der Zeit das Lehrer-Seminar in Oldenburg besuchte. Doch er folgte dem Ruf des Vaters und stieg in den Familienbetrieb ein.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

1915 starb Johann Conrad Lühring. Nun war es dessen Sohn Hinrich Gerhard, der auf der Werft in Brake Unterstützung benötigte. Er fand sie in seinem Bruder Friedrich-Wilhelm Lühring, der in Hamburg Schiffbau studiert hatte und auf der Seebeckwerft in Bremerhaven tätig war. Friedrich-Wilhelm galt als ausgezeichneter Konstrukteur, der sich besonders mit dem Bau von Stahlschiffen auskannte. Das passte, denn auch auf der Lühring-Werft waren es inzwischen mehr und mehr stählerne statt hölzerner Schiffe, die von den Reedern nachgefragt wurden.

Als Dritter im Bunde stieß 1925 Carl Conrad Lühring, der Vater von Claus Lühring, als Mitinhaber der Werft dazu. Er hatte sich in Bremen zum Schiffbauingenieur ausbilden lassen und übernahm 1943 die Gesamtleitung, nachdem sein Vater und sein Onkel sich aus dem Unternehmen zurückgezogen hatten.

Für Claus Lühring stand schon immer fest, dass er die Familientradition weiterführen würde. In Bremen studierte er Schiffbau und legte 1952 sein Examen ab. Wenn sich der Spross gedacht hatte, er könne direkt nach dem Studium in den Familienbetrieb in Hammelwarden einsteigen, wurde er allerdings eines Besseren belehrt. Sein Vater schickte ihn zunächst für anderthalb Jahre nach Norwegen. Dort sollte der Filius den Kontakt zu Reedereien und den Behörden pflegen, nachdem die Lühring-Werft 1949 und 1950 zwei Schiffe, die „Gloria“ und die „Grazia“, für Norwegen gebaut hatte, die so gut ankamen, dass nun auch andere skandinavische Reeder nach Lühring-Schiffen fragten.

Claus Lühring kehrte 1954 nach Brake zurück. Er übernahm die Geschäftsführung und begann, selbst Schiffe zu konstruieren. 1972 stand er nach dem Rückzug des Vaters allein auf der Kommandobrücke. Die deutschen Werften steuerten zu dieser Zeit bereits in eine Krise. Die Rolandwerft in Bremen ging 1972 in Konkurs, die Deutsche Werft in Hamburg wurde 1973 geschlossen. Claus Lühring setzte derweil auf Innovation, statt den Kopf in den Sand zu stecken.

Weltneuheit konstruiert

So baute die Lühring-Werft 1978 für eine holländische Reederei ein Schwerguttransportschiff, das einzigartig auf der Welt war. Die zwei Krane an Bord der „Gloria Virentium“ konnten, während das Schiff im Wasser schwamm, jeweils 400 Tonnen an den Haken nehmen.

Eine Weltneuheit war auch die „Thor“. Das Ölauffangschiff, das noch heute im Einsatz ist, verfügt über einen Rumpf, der auf dem offenen Meer zu einem V aufgeklappt werden kann. Die „Thor“ legt sich mit dem Heck in den Wind, schließt mit aufgeklapptem Rumpf den Ölteppich ein und nimmt das Öl dann über ein Überlaufwehr in seinem Bauch auf.

Die Lühring-Werft baute für die Bundesmarine zwei weitere Schiffe dieser Art, die „Bottsand“ und die „Eversand“. Das vierte Ölauffangschiff, das in Hammelwarden entstand, war ein Export-Auftrag für Mexiko. Es wurde erfolgreich im Golf von Mexiko eingesetzt. Die Mexikaner waren von der Leistung des Schiffes beeindruckt und beabsichtigten, zwei weitere Neubauten in Auftrag zu geben – allerdings unter der Voraussetzung, dass ihnen die gleichen langfristigen Finanzierungshilfen gewährt werden wie beim ersten Schiff.

Das letzte Kapitel

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KFW), an die sich Claus Lühring wandte, erklärte grundsätzlich ihre Bereitschaft, die Finanzierungshilfe sicherzustellen. Inzwischen musste aber auch Brüssel seine Zustimmung erteilen. Und an dieser Hürde scheiterte Lühring. Brüssel lehnte mit der Begründung ab, dass das Pro-Kopf-Einkommen in den Ölförderländern sich so sehr verbessert habe, dass finanzielle Hilfen nicht mehr erforderlich seien. Das führte letztlich zur Insolvenz der Hammelwarder Werft, in der zu Hochzeiten über 300 und zuletzt noch 120 Leute beschäftigt waren. Bei Lühring gingen die Lichter aus.

Im Flur von Claus Lührings Haus in Hammelwarden hängen nicht nur Fotos der „Thor“ und der „Gloria Virentium“, sondern auch ein Bild von der „Eye of the wind“. Die Brigg wurde 1911 als „Friedrich“ für den aus dem Alten Land stammenden Kapitän Friedrich Kolp bei Lühring gebaut. Das Schiff existiert heute noch und ist gelegentlich in Elsfleth zu Gast.

1984 segelte die „Eye of the wind“ nach vielen Jahren erstmals wieder in heimischen Gewässern. Als das Schiff in Bremerhaven lag, lud der Kapitän Claus Lühring und dessen Vater zu einem Törn ein, der auch an der „Geburtsstätte“ des Schoners vorbei führte – an der Lühring-Werft in Hammelwarden. Für ihn und seinen Vater, der das Schiff noch nie gesehen hatte, weil er noch zu klein war, als es auf seiner Werft von Stapel lief, sei das ein „erhebender Moment“ gewesen, sagt Claus Lühring.

Detlef Glückselig Butjadingen / Redaktion Nordenham
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.
DIE WIRTSCHAFT

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.