Reitland /Seefeld Kühl, leicht bräunlich und mit zwei Kandis. „Aber nicht zu süß und nicht zu brandig.“ So trinkt Jörg Wiggers den Wumken am liebsten. Und in Gesellschaft – am liebsten in Gesellschaft des Wumken-Clubs.

Der Wumken ist ein legendäres Getränk aus dem Küstensaum der Wesermarsch, ein Schluck Salzwiese aus dem Schnapsglas. Vor Jahrzehnten muss er allgegenwärtig gewesen sein – als Medizin für Mensch und Tier und als kleiner Spaßmacher nach einem langen, arbeitsreichen Tag. Heute ist er auf dem Weg zur Rarität, jedenfalls wenn es um seine traditionelle Form geht und nicht um die industriell hergestellte.

Gut trinken, gut essen

Einmal im Jahr trifft sich der Wumken-Club beim Wumken-Fest zur Verkostung. 16 Mitglieder, viele von ihnen aus Reitland, hat die lose Vereinigung noch, und jeden Sommer trifft sie sich bei einem anderen Freund dieses Traditionsgetränks. Diesmal hat der Seefelder Egon Müller seinen Garten zur Verfügung gestellt. Alle sitzen an Bierzelt-Garnituren, nur Heiko Basshusen steht. Der Kreisbrandmeister hat in dieser Runde nicht nur den Hut auf, sondern auch das Grillbesteck in der Hand.

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Er lässt die anderen kosten und verrät erst dann, was es ist: „Iberico-Schwein, mild und zart, wie früher nach der Hausschlachtung.“ Die anderen nicken anerkennend. Schweinefleisch? Das hätten sie nicht gedacht. Vergangenes Jahr waren sie bei Waltraud Wiggers in Reitland und labten sich an Granat. Sechs Kilo hatte die Gastgeberin geschält. Keine Frage: Der Wumken-Club lässt sich nicht nur den Wumken schmecken.

Zum 39. Mal sitzen sie jetzt zusammen. Das erste Mal war im Frühjahr 1980 beim 50. Geburtstag von Willi Frerichs in Esenshamm. Hans Basshusen, der Vater von Heiko Basshusen, war auch dabei und fiel damit auf, dass er sich gelegentlich die trockenen Überreste einer seltsam silbrigen Pflanze in den Schnaps krümelte. Bei dieser Pflanze handelt es sich um Strandwermut oder, wie der Plattdeutsche sagt, Wumken. Sie gedeiht in Bereichen der Salzwiesen, wo der Boden gegen Staunässe geschützt ist. Ihre gefiederten Blätter schützen sie gegen Wasserverlust, weshalb sie wenig Salzwasser aufnehmen muss.

Was sie aufnimmt, reicht für den guten Geschmack, sagt Helmut Frerichs, der Bruder des mittlerweile verstorbenen Willi. „Dat mutt Saltwater ween, anners schmeckt dat nich“, stellt er klar. Nach dem 1. Juli, wenn die Vögel ihr Brutgeschäft beendet haben, dürfen die Bauern im Deichvorland mähen, und dabei gehen auch der lilafarbene Andel und der silbrige Wumken zu Boden. Die Club-Mitglieder sammeln etwas Wumken und ganz wenig Andel ein – den Andel für die Krone und den Wumken für die Flasche und die Teekanne. Die Krone hängt Jörg Wiggers, der sich als Gemeindebrandmeister mit feierlichen Anlässen auskennt, zu einer Mini-Rede im Baum auf.

Mit dem Wumken geht jeder um, wie er mag. „Es gibt kein Patentrezept“, sagt Waltraud Wiggers, die Mutter von Jörg Wiggers. Sie selbst trinkt ihn am liebsten, wenn er die Farbe von Weinbrand angenommen hat. Dafür muss sie aufpassen, dass er nicht bitter wird – und deshalb regelmäßig probieren.

Mit Gabiko und Kandis

Die Basis ist „einfach Gabiko“, sagt die 85-jährige Reitlanderin, „ganz billiger Korn“. In die Flasche mit dem 38-Prozentigen kommen ein Strunk Strandwermut und zwei Löffel brauner Kandis. So ähnlich machen es die anderen auch, aber mit leichten Abwandlungen. „Der Wumken muss bei Zimmertemperatur 14 Tage lang ziehen“, schildert Wilma Wilksen. „Er darf nicht in den Kühlschrank.“ Wichtig ist auch die Qualität der Pflanze; sie mag Sonne, nach einem verregneten Jahr schmeckt der Wumken nicht so gut. Ihre Vorfahren, erzählt Wilma Wilksen, haben den Wumken nach dem 1. August bei Vollmond geschnitten und gesammelt.

Früher setzten viele Bauern jedes Jahr Wumken an – auch aus medizinischen Gründen, wie die Mitglieder des Clubs mit mehreren Geschichten belegen. So erzählt Waltraud de Meirschman von einer Diabetes-Patientin, die in den 50er Jahren zu Besuch kam und immer ein Stück Kuchen aß. „Das darf ich, denn ich habe Wumken-Tee getrunken“, pflegte sie zu sagen. Und in der Tat: Der Kuchen schadete der Zuckerkranken nicht. Wumken kann auch in heißem Wasser zu einem Tee gekocht werden.

Daran erinnert auch die Geschichte von Anke Frerichs: Während der Schneekatastrophe Ende der 70er Jahre bekam ein Kalb eine Kolik, und der Tierarzt konnte nicht kommen. Er empfahl Wumken-Tee. Das Kalb genas auch ohne den Doktor.

Mit solchen Geschichten von Land und Leuten, Tieren und Wumken und Akkordeonmusik von Heiko Basshusen vergeht das Fest, das vor einigen Jahren noch bis Sonnenaufgang dauerte, jetzt aber schon kurz nach Mitternacht endet. In den meisten Jahren ist es eine von zwei Begegnungen der Mitglieder. Die andere findet im Winter am Kamin statt, erzählt Jörg Wiggers – natürlich mit Wumken.

Henning Bielefeld Stadland und stv. Leitung Redaktion Nordenham / Redaktion Nordenham
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