Nordenham /Wesermarsch Wie ist aktuell die Lage der etwa 430 Milchviehbetriebe im Landkreis Wesermarsch? „Äußerst angespannt“, sagt Hendrik Lübben, Vorsitzender des Milchausschusses und stellvertretender Vorsitzender des Kreislandvolkverbandes. Im Gespräch mit der NWZ fügt der 38 Jahre alte Landwirtschaftsmeister hinzu: „Aktuell gehen wir davon aus, dass annähernd 100 der 430 Milchviehbetriebe in der Wesermarsch in akuter Existenznot sind.“

Das sei nicht nur Folge der Milchpreiskrise der vergangenen Jahre. „Bisher hatten ich und viele meiner Berufskollegen befürchtet, dass der viel zu niedrige Milchpreis unsere Betriebe in wirtschaftliche Not bringt. Jetzt ist aber eine Kombination mit Trockenheit, Mäuseplage und schwieriger Agrarpolitik hinzu gekommen. Das macht den Betrieben wirklich Angst.“

150 Milchkühe

Der 38 Jahre alte Landwirtschaftsmeister Hendrik Lübben bewirtschaftet in Lan-genriep bei Abbehausen einen Milchviehbetrieb mit 150 Kühen und Nachzucht. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Zum Hintergrund: Die Milchpreiskrise – also zu geringes Milchgeld, das die Landwirte für ihre Milch von den Molkereien bekommen – hatte im Jahr 2014 begonnen. 2015 kam das Ende der Milchquote in der Europäischen Union hinzu.

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Die Jahre 2015 bis 2016 brachten schlechte Erlöse. 2017 und 2018 folgten zwei Jahre mit einer gewissen Markterholung – jedoch Höhen und Tiefen in einem schwankenden Milchmarkt und neuen Schwierigkeiten im Jahr 2018 wegen anfänglicher Nässe und anschließender Trockenheit.

Diese Krisenjahre von 2014 bis 2018 hatten zu zahlreichen Betriebsaufgaben im Landkreis Wesermarsch geführt, die über den normalen Strukturwandel hinausgingen. 90 der bis dahin 520 Milchviehbetriebe hörten auf.

Jetzt droht weiteren Höfen das Aus: Von etwa 430 verbliebenen Milchviehbetrieben sind 100 akut gefährdet.

Im vergangenen Jahr 2019 hat sich der Milchmarkt laut Hendrik Lübben für die Betriebe in Wesermarsch „auf sehr stabil-niedrigem Niveau entwickelt.“ Das heißt: so gleichmäßig niedrig wie noch nie. Im Durchschnitt des Jahres 2019 bekamen die Landwirte in Niedersachsen 32,8 Cent pro Kilogramm Milch. Nötig sind dagegen etwa 40 Cent pro Kilogramm.

Die durchschnittlich 32,8 Cent reichten laut Hendrik Lübben aus, um die Betriebe am Laufen zu halten. Aber es blieb nichts übrig für Ersatzinvestitionen, Modernisierung von Ställen oder Anschaffung neuer Maschinen. Erschwerend kam hinzu: Kosten für Kraftfutter, Diesel und Dienstleistungen stiegen.

Wegen Wetterunbilden war schon 2018 ein Jahr großer Sorgen. Im Frühjahr 2018 konnte das Land wegen großer Nässe zunächst nicht bestellt werden. Danach folgte extreme Trockenheit. Hendrik Lübben: „Die Wesermarsch war so trocken, wie seit 100 Jahren nicht mehr.“

2019 folgte in vielen Gebieten der Wesermarsch ein zweites Dürrejahr. In Butjadingen war die Niederschlagsmenge zufriedenstellend, in Brake viel zu gering. Das führte zu weiteren starken Einbußen bei der Grasernte. Grundfutter fehlte. Betriebe mussten zu hohen Preisen Mais und Grassilage zukaufen.

Seit Spätsommer/Herbst vergangenen Jahres ist infolge der Trockenheit die Mäuseplage hinzu gekommen, die Grünland zerstört.

Weiteres Ungemach befürchten die Landwirte von der Agrarpolitik der Bundesregierung – so auch vom unzureichenden Entwurf zum Insektenschutzprogramm.

Zur Diskussion um die sogenannte Bauernmilliarde, die bundesweit Betriebe unterstützen soll, meint Hendrik Lübben: „Mit diesem Geld versucht die Bundesregierung ihre Agrarpolitik abzumildern. Entscheidend für uns ist aber ein verlässlicher Plan für die nächsten 10 Jahre und keine Symbolpolitik.“

Aktuell erfreulich ist aus Sicht des stellvertretenden Vorsitzenden des Kreislandvolkverbandes, dass sich der Milchmarkt zurzeit positiv entwickelt. „Wir haben die berechtigte Hoffnung, dass sich der Markt festigt und der Milchpreis vielleicht in kleinen Schritten steigt.“

Milchpulver werde gut nachgefragt. Der Buttermarkt sei stabil. Käse und Frischeprodukte würden weiter gut nachgefragt.

Horst Lohe Nordenham / Redaktion Nordenham
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