Mühlengeschichte
Kurzes Aufflackern nach dem Krieg

Die Moorseer Mühle trotzte der Entwicklung. Sie blieb bis 1977 in Betrieb und wurde letztlich aus familiären Gründen aufgegeben

Bild: Museum Moorseer Mühle
Auf dieser Postkarte aus dem Jahr 1928 sind als historische Besonderheiten der Moorseer Mühle der Schornstein als Zeichen der voranschreitenden Mechanisierung und das Wirtschaftsgebäude (Mitte) zu sehen, das 1969 vollständig abbrannte.Bild: Museum Moorseer Mühle
Bild: Museum Moorseer Mühle
Graupen gehörten ebenfalls zu den Produkten der Moorseer Mühle.Bild: Museum Moorseer Mühle
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Moorsee In der Zeit direkt nach dem 2. Weltkrieg erfuhr die Windmüllerei eine kleine Renaissance. Viele Großmühlen in Ballungsgebieten waren zerstört oder sie litten unter Fachkräftemangel. Aber bereits Anfang der 1950er-Jahre endete diese Entwicklung mit dem Wiederaufbau und den zurückkehrenden Kriegsteilnehmern. 1957 griff die Bundesregierung mit einem „Mühlenstilllegungsprogramm“ regulierend ein. Damit begann das zweite große Mühlensterben.

Das Stilllegungsprogramm sah vor, dass kleine und mittlere Mühlenbetriebe, die sich zu einer Stilllegung innerhalb von 30 Jahren verpflichteten, finanzielle Hilfen bekamen. Die Müller, die auf die Aufrechterhaltung ihres Betriebes bestanden, mussten in einen Fonds einzahlen. Das staatliche Programm verfolgte das politische Ziel, die Mehlversorgung auf wenige Großbetriebe zu zentralisieren.

Während in der Bundesrepublik das Mühlensterben bewusst vorangetrieben wurde, spielten in der Deutschen Demokratischen Republik kleine und mittlere Mühlenbetriebe bis 1990 eine zentrale Rolle in der Mehlproduktion. Neben Großmühlen verfügte die DDR über ein eigenes Kontingent von kleinen staatlichen Motor-, Wind- und Wassermühlen. Erst mit der politischen Neuordnung nach der Wiedervereinigung verloren auch diese Mühlen ihre wirtschaftliche Berechtigung.

Innerhalb von 30 Jahren sank in der Bundesrepublik die Anzahl der Mühlen von über 16 000 im Jahr 1948 auf deutlich unter 3000 in 1978. Im gleichen Zeitraum stieg die durchschnittliche Produktionsmenge einer Mühle von 324 Tonnen auf rund 14 000 Tonnen. Im Jahr 1978 verarbeiteten 40 Großbetriebe 62 Prozent des gesamten Mahlgutes der Bundesrepublik. Parallel dazu vollzog sich ein Gesamtproduktionsrückgang von 5,36 Millionen Tonnen um fast 1,5 Millionen Tonnen auf 3,79 Millionen Tonnen.

Die Moorseer Mühle trotzte dieser Entwicklung bis in das Jahr 1977 und war damit die letzte Windmühle in der Wesermarsch, die ihren Betrieb einstellte. Die Betriebsaufgabe basierte allerdings nicht auf wirtschaftlichen Hintergründen, sondern war familiär bedingt.

Rascher Verfall

Nach der Stilllegung der kleineren und mittleren Mühlenbetriebe folgte ein rascher Verfall der nun „historischen“ Mühlen. Mangelnde Nutzungsmöglichkeiten sowie hohe Unterhaltungs- und Instandhaltungskosten führten dazu, dass die ehemaligen Besitzer nicht mehr in den Erhalt der Mühlen investierten. Gerade die Windmühlen litten unter den Witterungsverhältnisse und verfielen. Demgegenüber hatten Wassermühlen den Vorteil, dass sie leicht zu einem Wohnhaus umfunktioniert werden konnten. Das verzögerte oder verhinderte einen Verfall.

Vielenorts ist es engagierten Bürgervereinen oder lokalen Verwaltungen zu verdanken, dass einzelne Windmühlen für die Nachwelt erhalten geblieben sind.

Seitdem Mühlen ihre wirtschaftliche Bedeutung und ihren Versorgungsauftrag verloren, sind sie Relikte einer vergangenen Epoche. Hieraus entwickelte sich ein neuer Blickwinkel auf die Mühlen, der die Voraussetzung für einen Erhalt schuf. Mühlen waren keine Produktionsstätten mehr, sondern nunmehr Zeugnisse von vergangenen Bau- und Verarbeitungstechniken. Mühlen wurden zu technischen Kulturgütern, die es im Rahmen des Denkmalschutzes zu erhalten galt.

Mit gleich mehreren Kriterien unterlagen Mühlen dem Denkmalschutz: als Bau-, Industrie-, Technik- oder Bodendenkmal sowie als Einzel- oder Ensemble-Denkmal. Unter der Prämisse des Denkmalschutzes konnten bestimmte Mühlen unter der Voraussetzung der dauerhaften und unverfälschten Bewahrung als Kulturgüter erhalten werden.

Mühlen stellen den Denkmalschutz vor mehrere Herausforderungen. Im weitesten Sinne sind Mühlen Maschinen. Demnach steht die Technik im Vordergrund der Erhaltung. Das Gebäude selbst ist im Grunde eine Schutzhülle, die die Technik vor äußeren Einflüssen bewahrt und somit auch erhaltungswürdig ist.

Ein Problem beim Schutz des technischen Kulturgutes ergibt sich daraus, dass die Mühlentechnik am besten durch Inbetriebnahme erhalten werden kann. Dadurch unterliegen technische Teile, wie Zahnräder dem Verschleiß und müssen durch neue baugleiche ersetzt werden. Ein Stillstand der Mühlentechnik hingegen würde einen schnelleren Verschleiß bedeuten.

Technikdenkmal

Es mussten neue Nutzungskonzepte für die Mühlen gefunden werden. Bei der Moorseer Mühle verfolgte man seit 1977 das Ziel, sie als Technikdenkmal zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um die Geschichte und Technik zu vermitteln. Deshalb wurde eine museale Nutzung gewählt. Heute ist die Moorseer Mühle als einzig vollfunktionsfähige Windmühle am Originalstandort ein Touristenmagnet und sowohl ein Identifikationsort für die einheimische Bevölkerung als auch ein regionales Wahrzeichen.

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