Brake „Einmal bin ich noch nachts um halb zwei hier her gekommen, um aufzuschließen“, erinnert sich Lotte Paradies. Die 74-Jährige hat 23 Jahre lang die Unterkunft für Durchreisende und Obdachlose der Stadt Brake in der Neustadtstraße betreut. An diesem Montag hat sie dort ihren letzten Arbeitstag, denn die Unterkunft wird geschlossen.

Immer zur Stelle

Einlass ist in der Obdachlosenunterkunft eigentlich nur bis 21 Uhr, doch Lotte Paradies ist es ein Bedürfnis, Menschen zu helfen, dafür macht sie sich auch mal mitten in der Nacht auf den Weg. „Ich war immer zur Stelle, wenn man mich brauchte“, erzählt sie. Erst kürzlich habe ein junger Mann vor der Tür der Obdachlosenunterkunft gestanden. „Der war Jahrgang 1993“, sagt Lotte Paradies kopfschüttelnd. „Das kann man gar nicht begreifen, so jung und schon auf der Straße“, sagt die 74-Jährige betroffen.

Neben dem Einlass am Abend gehörte es auch zu ihren Aufgaben, dafür zu sorgen, dass die „Übernachtungsgäste“ am nächsten Morgen die Unterkunft wieder verließen. Anschließend stand die Reinigung der Räumlichkeiten auf dem Programm.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den Corona-Update-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

In 23 Jahren hat Paradies bei der Stadt einiges erlebt. „Was hab ich hier schon an Geschirr hergebracht, manche Bewohner nehmen ja sogar die Töpfe mit“, sagt Paradies. Doch dies seien natürlich Einzelfälle gewesen, beteuert sie.

Manchmal habe sie aber richtig Angst gehabt, wenn sie am Morgen die Leute rausschmeißen musste, erzählt sie. „Dann habe ich immer einen Besen mit rein genommen“, berichtet Paradies. Zwei Mal habe sie sogar die Polizei rufen müssen, weil die „Übernachtungsgäste“ einfach nicht gehen wollten. Besonders gefreut habe sie sich aber über einen jungen Mann, der sogar schon die Räumlichkeiten ausgefegt hatte, als sie am Morgen ankam, berichtet Paradies. „Es gibt eben sone und solche, sage ich immer“, fügt die 74-Jährige hinzu.

Immer ein offenes Ohr

Für „ihre Gäste“ hatte Lotte Paradies immer ein offenes Ohr. „Manche wollten sich einfach mal unterhalten. Sie haben mir von ihrem Leben erzählt, das geht einem natürlich schon nahe“, sagt sie. Deshalb war sie sehr bestürzt, als sie hörte, dass die Unterkunft geschlossen wird und ihre Tätigkeit bei der Stadt damit beendet ist. „Seit dem Tod meines Mannes lebe ich von der Witwenrente. Hier habe ich mir ein bisschen was dazu verdient“, erklärt Paradies. Auch der Kontakt mit den Menschen werde ihr fehlen.

Ihre neu gewonnene Freizeit wolle sie mit ihren vier Töchtern verbringen. „Oder ich mache mal eine Radtour an die Kaje, ich bin schließlich noch fit wie ein Turnschuh“ sagt die 74-Jährige.

Merle Ullrich Brake / Redaktion Brake
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.