Lemwerder Am 18. Oktober hat das Unternehmen Carbon Rotec aus Lemwerder einen Insolvenzantrag gestellt. Hunderte Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Die Aussichten sind nicht allzu gut.

Das sind Nachrichten, die man in Lemwerder vom großen Gewerbegelände an der Weser schon zu oft gehört hat. Und kaum jemand hat die Geschichte des Unternehmensstandorts enger begleitet als Hans-Joachim Beckmann. Er hat von 1960 bis 1963 seine Ausbildung bei der Weserflug absolviert, später erlebte er als Landtagspolitiker (SPD) und späterer Bürgermeister von Lemwerder (2001 bis 2013) den Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze im Ort hautnah mit. Immer wieder wurde der der Flugzeugbaustandort zum Spielball von Politik und Großkonzernen.

Aufgebaut wurde das Werk in den 30er Jahren. Die Weserflugbau beschäftigte zu Hochzeiten 1937 fast 7000 Mitarbeiter in Lemwerder, gebaut wurden Flugzeuge für die Luftwaffe. „In dieser Zeit entstanden auch die Arbeitersiedlungen hier im Ort. Sogar aus dem Ruhrgebiet zogen die Menschen in die Wesermarsch“, sagt Beckmann.

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Spielball der Politik

Nach dem Krieg in den 50er Jahren wurde der Standort wieder aufgebaut. „Es wurden amerikanische Kampfflugzeuge gefertigt, die Einzelteile wurden per Schiff geliefert und die Maschinen hier flugfähig gemacht“, erklärt Beckmann. Auch die Noratlas, Vorgängermodell der Transall, wurde in Lemwerder gebaut. „Das war das erste Flugzeug, an dem ich in meiner Ausbildung gearbeitet habe“, so Beckmann. Die erste große Krise erlebte das Flugzeugwerk, zu diesem Zeitpunkt unter dem Namen Vereinigte Flugtechnische Werke, im Jahr 1973. „Die Luftfahrtindustrie ist stark abhängig von politischen Interessen“, sagt Beckmann. In den 70er Jahren verkaufte sich das in Lemwerder gebaute Passagierflugzeug VFW 614 schleppend. Der Bau sollte eingestellt werden. Die Mitarbeiter des Werkes organisierten Proteste – und hatten Erfolg. Das Flugzeug wurde auf politischen Beschluss weiter gebaut und der Zusammenbruch abgewendet.

In den folgenden Jahrzehnten kämpften die Arbeitnehmer im Flugzeugwerk immer wieder gegen die Interessen von Großkonzernen und Politik und um ihre Zukunft im Ort. 1983 waren es vor allem die Frauen im Ort, die sich in die erste Reihe gegen die geplante Schließung des Werkes nach der Fusion mit MBB stellten. Sie kämpften um die Zukunft ihrer Familien. „Die Frauen organisierten Demos, waren in den Medien präsent und fuhren nach Bonn und Hannover, um auf das Thema aufmerksam zu machen“, erinnert sich Beckmann. Ihre Beharrlichkeit zahlte sich aus – das Werk wurde für die Wartung von Großraummaschinen umgerüstet.

In den Standort wurde investiert. Die Zahlen stimmten. „Gerade waren die neuen Hallen fertig, als das Werk 1993 erneut vor der Schließung stand“, so Beckmann. Diesmal fand der Arbeitskampf in Lemwerder bundesweit Beachtung – ein ganzes Jahr lang dauerten die Proteste der Belegschaft gegen die Pläne der DASA und die betriebswirtschaftlich nicht zu rechtfertigende Schließung.

„Schließlich wurde das Werk mit Hilfe der niedersächsischen Landesregierung gerettet und für einen symbolischen Preis durch eine Tochterfirma der Nord LB übernommen“, so Beckmann. 700 von den über 1000 Beschäftigten behielten bei ASL ihren Job – bis das Werk 2004 an den Konzern EADS ging, der 2010 den endgültigen Schlussgong für den Flugzeugbau in Lemwerder läutete.

Wertvolles Gelände

Das Werksgelände wurde vom damaligen Nachbarn SGL Rotec übernommen. 2014 zog sich SGL aus Lemwerder zurück und William Tang übernahm die Geschäftsführung der heutigen Firma Carbon Rotec. Der Insolvenzantrag steht nun am vorläufigen Ende der Entwicklung des traditionsreichen Standorts.

Hans-Joachim Beckmann hofft auf neue Impulse für Lemwerder. „Das Gewerbegelände an der Weser mit eigener Hafenanbindung und der Nähe zu Bremen ist eines der wertvollsten in der Region“, sagt er. Er würde sich wünschen, dass sich mehrere größere mittelständische Betriebe dort ansiedeln. „Je vielseitiger aufgestellt, desto besser“, sagt er.

Bewegte Geschichte

1934 wurde die Weser Flugzeugbau GmbH gegründet. Im Hintergrund stand das Ansinnen, das Deutsche Reich unter Hermann Görings Reichsluftfahrtministerium wieder zu einer Luftmacht aufzubauen – wahrscheinlich schon mit Blick auf einen nächsten Krieg. 1936 wurde das Werk in Lemwerder in Betrieb genommen. 6850 Mitarbeiter waren bis Ende 1937 bei der Flugzeugbau Lemwerder angestellt. Im Krieg wurden ab 1940 auch Zwangsarbeiter im Werk eingesetzt.

1945 wurden sämtliche Werke der Flugzeug Weser GmbH von den Alliierten übernommen und in Finanz- und Verwaltungsgesellschaft Weser umbenannt.

1957, nachdem in den Hallen zwischenzeitlich Getreide eingelagert wurde, wurde der Betrieb wieder in Weser Flugzeugbau umbenannt. Die Komponenten für die F85-Flugzeuge wurden mit dem Schiff aus den USA geliefert und in Lemwerder zusammengebaut. Im Jahr 1963 standen neben dem Werksflughafen 30 Hallen und Gebäude. Gewartet wurde hier auch das Transportflugzeug „Noratlas“ aus Frankreich, Vorgänger der Transall, die später auch in Lemwerder gewartet wurde.

1964 wurde das Werk mit der Fusion mit der Bremer Focke-Wulf-GmbH in Vereinigte Flugtechnische Werke GmbH (VFW) umbenannt. Gebaut wurde dort auch das Passagierflugzeug VFW 614, ab 1969 gemeinsam mit dem niederländischen Konzern Fokker.

1973 gab es die erste große Krise im Flugzeugbau in Lemwerder. Mit der Ankündigung, der Bau der erfolglos vermarktetem Maschine 614 solle eingestellt werden, wurden auch Entlassungen angekündigt. Nach Protestmärschen der Mitarbeiter wurde der Zusammenbruch abgewendet.

1981 fusionierte VFW mit dem Konsortium Messerschmitt-Bölkow-Blohm zum Unternehmen MBB, später MBB-Erno. 1988 beschäftigte das Unternehmen 40 000 Mitarbeiter an 18 Standorten und nahm unter den europäischen Luft- und Raumfahrtunternehmen den dritten Platz ein.

1989 wurde MBB-ERNO von der Deutschen Aerospace AG (DASA) übernommen (Teil des damaligen Daimler-Benz-Konzernes).

1993 steht das Flugzeugwerk erneut vor der Schließung – nach der Rettung mit Hilfe der niedersächsischen Landesregierung entsteht ASL in Lemwerder.

Das Werk wird 2004 vom Konzern EADS übernommen, der 2010 die Schließung des Standorts verkündet. Der direkte Nachbar SGL Rotec übernimmt das Betriebsgelände.

2014 zieht sich SGL aus Lemwerder zurück und Unternehmer William Tang übernimmt die Geschäftsführung der heutigen Firma Carbon Rotec.

2017 stellt die Firma einen Insolvenzantrag. Insolvenzverwalter ist Rechtsanwalt Christopher Seagon.

Friederike Liebscher Redakteurin / Lokalredaktion
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