ELSFLETH Magnus Kuhland nimmt seinen Kaffee mit zum Tisch. Er sieht dabei, Tasse und Untertasse balancierend, durch die großen Scheiben und sagt zu sich: „Es gibt Regen.“ Das klingt eher unwahrscheinlich, denn draußen scheint die Sonne. Trotzdem wird Magnus Kuhland noch binnen einer Stunde recht behalten.

Kuhland wohnt an der Hunte, ist aber kein Kapitän. Das will was heißen in einer Stadt wie Elsfleth. Er ist den Elsflethern dennoch ein Begriff. Der Apotheker betrieb in dritter Generation über 30 Jahre die Deich-Apotheke in er Mühlenstraße, die älteste von zwei Apotheken in Elsfleth.

Dass sich die an der Weser wohnenden Kapitäne von Berufs wegen mit dem Wetter auskennen, ist bekannt. Warum aber ein an der Weser lebender Apotheker wie Kuhland? „Wegen den Erkältungen“, sagt der 74-Jährige mit der Stirnglatze und lacht leise.

Leise – das ist bei Magnus Kuhland das richtige Stichwort. Wenn er spricht, muss man schon genau zuhören. Er wählt seine Worte mit Bedacht, aber eben in einer für die heutige Zeit eher unüblichen Lautstärke. Er spricht ganz ruhig über die bewegte Geschichte seiner Familie, während man auf die bestellten Getränke wartet.

„Mein Großvater kaufte im Jahr 1888 die Apotheke an der Mühlenstraße. 80 000 Goldmark bezahlte er für die Deich-Apotheke. Er stammte aus Berne“, sagt der Ruheständler, der vor elf Jahren die Familien-Apotheke, die er in dritter Generation über drei Jahrzehnte geführt hatte, übergab.

Von seinem Vater hatte der junge Kuhland im Jahr 1967 die Apotheke übernommen. „Mein Vater war eigentlich Seemann und Offizier bei der kaiserlichen Marine. Nach dem ersten Weltkrieg studierte er aber Pharmazie, damit er das Geschäft in den 20er-Jahren von meinem Großvater übernehmen konnte“, erzählt Kuhland und trinkt einen Schluck Kaffee.

Dann wirft er einen Blick in die Speisekarte und entscheidet sich binnen weniger Sekunden für den gemischten Fischteller. „Heute ist ja Freitag.“ Kuhland lacht wieder.

Nach Abitur und Wehrdienst studierte Kuhland in Kiel. Dort lernte er seine Frau kennen, die ebenfalls Apothekerin werden wollte. Nach Ende des Studiums gingen beide nach Elsfleth und führten zusammen das Lebenswerk des Vaters beziehungsweise Schwiegervaters weiter.

„Es war nicht einfach, meine Frau dazu zu überreden“, erinnert sich Kuhland lächelnd. Seine Frau stammt aus der Nähe von Hamburg und konnte sich zuerst ein Leben in der Kleinstadt in der südlichen Wesermarsch nicht so recht vorstellen. „Nach kurzer Zeit wollte sie aber gar nicht wieder weg“, so Kuhland.

Drei Legislaturperioden saß er zur Zeit der Gebietsreform im Stadtrat. Weitaus länger – 27 Jahre lang – war er Vorsitzender des Segelclubs Weserstrand. Er ist begeisterter Sportsegler. Vor drei Jahren unternahm er mit drei Freunden den wohl letzten großen Törn in seinem Leben. „Alle waren über 70“, so Kuhland. Wir startete in Lanzarote auf den Kanaren mit einem zwölf Meter langen Segelboot.

Innerhalb von vier Wochen segelten Magnus, Erhard und Manfred – die drei älteren Herren – bei widrigen Wetterbedingungen über den Atlantik, vorbei an Portugal, Frankreich und England – bis nach Elsfleth. „Am Anfang hat uns der Wind fast in Richtung Casablanca getrieben“, erzählt Kuhland. „Das war der letzte Törn dieser Art in meinem Leben.“

Drei Kinder haben Magnus Kuhland und seine Frau. Alle erwachsen und weit verstreut. Seine älteste Tochter ist quasi in die Fußstapfen getreten und Apothekerin geworden. Anstatt eine eigene Apotheke, vielleicht die des Vaters, zu übernehmen, promovierte sie und bekam einen guten Job in Berlin bei einem großen Pharmakonzern. Die jüngere Tochter ist Tierärztin in Schweden, der Sohn Mathematiker in Freiburg. Fast 120 Jahre war die Deich-Apotheke in Besitz der Familie Kuhland. Dass sie jetzt nicht mehr in Familienbesitz ist, ist für Magnus Kuhland kein Problem. Er genießt seinen Ruhestand. Ganz leise.

Felix Frerichs Nordenham / Redaktion Nordenham
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