EINSWARDEN Schließungen großer Werke sind in den vergangenen Jahren fast schon alltägliche Meldungen geworden. Fast immer kämpfen die Beschäftigten verbissen um ihre Arbeitsplätze, fast immer vergeblich. Dann geraten einst große Fertigungsstätten in Vergessenheit. Nicht so bei Guano.

Dass das Düngemittelwerk in der Erinnerung vieler Nordenhamer fast genau so lebendig ist wie vor seiner Schließung am 31. März 1988, ist wesentlich dem Arbeitskreis Guano zu verdanken. Jetzt ist auch dieser Arbeitskreis Vergangenheit: Am Sonnabend wurde er in einer kleinen Feier im Mehrzweckhaus Einswarden in die Ortsgruppe Wesermarsch der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (BCE) übergeleitet.

Das gemütliche Beisammensein von gut 40 Leuten bei einem warmen Buffet konnte – und sollte – nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei vielen Beschäftigten immer noch Bitterkeit mitschwingt. Deutlich wurde aber auch, dass die Betroffenen sich nicht in eine Opferrolle schickten, sondern ihre neue Lage so eigenständig zu gestalten versuchten, wie es ihnen eben möglich war.

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Motor dieser Bewegung war und ist Kurt Buchholz, ein überzeugter Gewerkschafter, ein Kämpfertyp. Er war erst Anfang des Jahres 1987, am Vorabend der Katastrophe, als Nachfolger von Roland Braun zum neuen Betriebsratsvorsitzenden gewählt worden. Noch im Dezember 1986, erinnert sich der heute 59-jährige Friedrich-August-Hütter, hatte der letzte Werkleiter Dr. Ludwig Taglinger in einer Betriebsversammlung versichert, das Werke laufe gut und die Arbeitsplätze seien „für die nächsten 15 oder 20 Jahre“ sicher.

Die Arbeitnehmer, die sich „Guanesen“ nannten und voll und ganz mit ihrem Werk identifizierten, glaubten das gerne. Schließlich steckte die Konzernmutter BASF gerade einige Millionen in den Betrieb.

Umso entsetzter waren die Betriebsratsleute, als sie am 29. April 1987 am Rande einer Aufsichtsratssitzung in Ludwigshafen vor vollendete Tatsachen gestellt wurden: Das Werk werde geschlossen. „Dann ging ein Rechtsanwalt heraus, rief in Nordenham an und sagte: Jetzt könnt ihr den Mitarbeiterbrief rausgeben“, erinnert sich Buchholz. In dem schon länger fertigen Brief über die Schließung des Werkes stand etwas von „Krise im Düngemittelmarkt“ und „hohen Verlusten“. Tatsächlich ging es wohl um eine Marktbereinigung im Düngemittel-Kartell, erfuhr Buchholz später.

Sofort reisten die Gewerkschafter ab und nahmen den Kampf um ihre Arbeitsplätze auf. Doch im August mussten sie einlenken und Sozialplanverhandlungen zustimmen. „Wir haben den besten Sozialplan in der Geschichte von BASF ausgehandelt“, sagt Kurt Buchholz ernsthaft. Nach Triumph ist ihm auch heute nicht zumute. Schon 54-Jährige konnten mit Geld vom Arbeitsamt und aus der Betriebsrente in den Ruhestand treten. 63 der 236 Mitarbeiter nahmen Ersatzarbeitsplätze an, 40 von ihnen in Ludwigshafen. Etwa 70 wurden arbeitslos und blieben es lange oder immer. Einer nahm sich das Leben.

1988 wurde der Arbeitskreis Guano gegründet. Ein wesentlicher Unterstützer war Dieter Röhrs, Sekretär der damaligen Gewerkschaft Papier, Chemie, Keramik in Bremen. In mehr als 100 Seminaren befassten sich die Mitglieder mit sozialen Themen von der Rente bis zur Gesundheit, erstellten das Archiv ihres Kampfes, drehten 1990/91 ein Video, das in der Jahnhalle aufgeführt wurde, und amüsierten sich bei Tanztees. 1994/95 arbeitete Kurt Buchholz daran, zusammen mit Metaleurop einen Recyclingbetrieb aufzubauen, bei dem er 30 bis 35 arbeitslose Ex-Guanesen unterbringen wollte – am Ende ohne Erfolg.

Aber gewiss nicht vergebens. Denn Kurt Buchholz und der Arbeitskreis Guano haben den ehemaligen Guanesen ein Stück ihrer Würde zurückgegeben. Was sie sich in 20 Jahren aufgebaut haben, kann ihnen auch der größte Chemiekonzern Deutschlands nicht mehr wegnehmen.

Henning Bielefeld Stadland und stv. Leitung Redaktion Nordenham / Redaktion Nordenham
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