Brake /Wesermarsch Ein guter Ernteertrag ist nicht selbstverständlich. Die Ernte fällt nicht immer so üppig aus wie gewünscht. Und eine schlechte Ernte führt eher zu großer Sorge als zu fröhlichem Dank. „Darum binden wir in die Erntekrone neben Dank und Sorge auch eine gehörige Portion Glaube und Hoffnung mit ein. Denn der Glaube, dass die Ernte ein Geschenk Gottes an uns ist, begründet auch die Hoffnung auf Gottes ausreichende Gaben im nächsten Jahr“, erklärt Pfarrer Hans-Martin Röker von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Brake an der Weser.

Hoffnung sei frohe Erwartung. Zum größten Glück gehöre wohl, wenn eine Frau, ein Paar, ein Kind erwarte, also guter Hoffnung sei, so Röker weiter. Und Kinder würden uns besonders gut zeigen, wie Hoffnung einen Menschen verändere. „In hoffnungsvoller Erwartung kann das Kind gar nicht mehr ruhig bleiben. Es muss singen und springen, es muss vor lauter Vorfreude hüpfen, muss ,hoppen’, weil Hoffnung (englisch: hope) in ihm ist. Hoffen und Hüpfen haben wahrscheinlich die gleiche Sprachwurzel“, sagt der Pfarrer. Wer sich an den Vorabend eines eigenen Kindergeburtstags erinnern würde, könne das leicht nachfühlen. Interessant dabei sei, dass das erwartete gute, schöne Ereignis noch gar nicht eingetreten sei, aber der Mensch wäre dennoch schon voller Freude. Die Vorfreude, die Hoffnung, lasse das Herz schon jetzt hüpfen.

„Das Erntedankfest und die Erntekrone haben ihre Wurzel also nicht nur im Danken. Und auch nicht nur im durchaus wichtigen Gedanken, die reichen Gaben aus Dankbarkeit mit Bedürftigen zu teilen. Die Wurzel des Festes und seiner Hoffnung ist Gott“, erzählt Röker. Die Bibel nenne Gott ausdrücklich „Gott der Hoffnung“ (Römerbrief 15, 13). Auf ihn gründe sich alle Hoffnung. „Gott, der dem Menschen das Leben schenkt, der schenkt ihm auch, was sein Leben erhält“, sagt der Pfarrer.

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Im Evangelium des Matthäus habe Jesus ein wunderschönes Bild gefunden, um zu zeigen, wie Gott für uns sorge, so Röker. „Seht die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Feld. Sie arbeiten nicht, sie spinnen nicht. Und ihr himmlischer Vater ernährt sie doch. Mindestens ebenso sorgt Gott doch für euch!“, heißt es dort. Wer das glauben darf, der sehe ganz gelassen in die Zukunft. „In ihm ist Frieden und er ist getröstet. Denn er darf hoffen, dass Gott für ihn sorgt – in diesem Leben, und weit über dieses Leben hinaus. Mit Lebensmitteln, die mehr sind als leibliche Nahrung“, erzählt Pfarrer Röker.

Das Hoffen auf Gott sei ein Danken für das Beschenktsein und ein unruhiges, hüpfendes, lebendig machendes Erwarten dessen, was Gott noch mit uns vorhabe. In der Hoffnung darauf dürfe man schon jetzt voller Freude sein, sagt Röker.

„Anschaulich lässt sich die freudige Hoffnung erkennen in unseren schönen, liebevoll gebundenen Erntekronen, die auch in diesem Jahr wieder in unseren Gottesdiensten auf ihre ganz eigene Weise von Gottes Güte erzählen werden“, erzählt er.

Erntedankfeste gab es bereits in vorchristlicher Zeit unter anderem im Römischen Reich und in Israel. In Israel wird auch heute noch das Sukkot, das Laubhüttenfest, am Ende der Ernte gefeiert.

„In der katholischen Kirche ist ein Erntedankfest seit dem 3. Jahrhundert belegt. Es ist ein Fest nach der Ernte im Herbst, bei dem die Gläubigen Gott für die Gaben der Ernte danken“, erzählt Pfarrer Karl-Heinz Vorwerk. 1972 habe die katholische und 1985 die evangelische Kirche den ersten Sonntag im Oktober als Festtermin festgelegt. Die Eucharistie, der Dankgottesdienst, wird als Dank für die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit am von Erntegaben umgebenen Altar gefeiert.

Die Erntekrone – Nahrung ist die Krone der Schöpfung – und das Erntedankfest seien wichtige Zeichen für unseren Glauben, sagt Vorwerk. Sie seien der sichtbare Ausdruck dafür, dass wir nicht alles allein schaffen könnten, so der Pfarrer weiter und hat noch eine Anekdote parat: Eine Familie hatte die schöne Gewohnheit, vor dem Essen gemeinsam zu beten, weil sie sich von Gott beschenkt fühlten. Eines Tages aß man in einem Gasthaus zu Mittag. Als alle die Hände falteten, wollte das jüngste Kind nicht mitmachen. „Willst du denn Gott nicht für das Essen danken?“, fragte der Vater. „Heute brauchen wir das doch nicht“, antwortete das Kind, „wir bezahlen ja dafür.“

„Eine Anekdote, über die man schmunzeln kann – doch sie drückt etwas von der Mentalität des modernen Menschen aus: Wir fühlen uns kaum noch veranlasst, Gott dankbar zu sein, weil wir gewohnt sind, alles selbst zu machen und zu leisten“, sagt Vorwerk. Darum sei den meisten auch das Erntedankfest gefühlsmäßig fremd geworden. Die Mentalität sei anders geworden, so Vorwerk. Dabei könne man sagen, dass Dankbarkeit eine der tiefsten Wurzeln echter Religiosität sei. „Wer sich dankbar fühlt, ist religiös, weil er weiß, dass er sich ,verdankt’“, erklärt der Pfarrer: „Als glaubende Menschen wissen wir, wem wir danken dürfen: Gott, unserem Vater, der uns liebt.“

Alles Gute, das wir em-pfangen, sei kein „Zufall“, sondern ein Zeichen seiner Liebe, so Vorwerk. „Zu seiner Ehren feiern wir darum die ,Eucharistie’, den Dankgottesdienst: das große Fest der Dankbarkeit für unseren Schöpfer und Erlöser. Wer denkt, der dankt. Wer dankt, der hat nachgedacht“, sagt der Pfarrer.

Ein Erntedankfest ohne Erntekrone: kaum denkbar, ist sie doch ein wichtiges Symbol für das Fest. Früher wie heute erinnert der Schmuck an die Abhängigkeit der Menschen von der Natur. Und wie man eine Erntekrone bindet, weiß Annegret Schildt ganz genau. „An sich werden für die Erntekrone verschiedene Getreidesorten benutzt. Da in der Wesermarsch aber hauptsächlich Weizen wächst, wird sie hieraus gebunden“, erklärt die ehemalige Kreisvorsitzende des Kreislandfrauenverbandes Wesermarsch.

Dabei sei das Binden eine aufwendige Prozedur, so Schildt. „Jeder Halm wird einzeln zu einem Bündel gebunden und dann wird jedes Bündel mit Draht an dem Erntekronengerüst befestigt“, sagt das Mitglied der Landfrauen in Hammelwarden-Brake: „Da muss man schön aufpassen, dass die Ähren auch gut sichtbar sind."

Zusätzlich wird die Erntekrone geschmückt. Meist mit Äpfeln, Mais oder mit anderen Obst- und Gemüsesorten. Dazu seien auch Schleifen möglich.

Aufgrund des feuchten Wetters stehe in der Hammelwarder Kirche in diesem Jahr eine Erntekrone aus Heu, erzählt Schildt. Diese wurde mit Äpfeln und Blumen verziert. Weitere Früchte des Gartens werden die Krone umrahmen. „Die Kirche wird schön geschmückt“, sagt die Landfrau, die vom Landvolk dabei unterstützt werden.

Dabei sei die Erntekrone nicht nur ein Symbol für den Ernteertrag, sondern auch ein äußeres Symbol für die Zusammenarbeit von Landwirtschaft und Landkreis. Daher werde die Krone auch jedes Jahr ins Kreishaus gebrach, so Schildt. Und auch die Geselligkeit spielt eine Rolle. „Das Binden ist eine gemütliche Sache“, erzählt sie. Man käme zusammen, spreche über Sorgen und Nöte, aber auch darüber, was gut war. Neben Nachbarn aus dem Dorf würden auch Vertreter der Kirche zum Binden kommen. „Im Anschluss wird dann gegrillt und vorher ein bisschen was getrunken. Die Erntekrone soll ja auch gerade werden“, sagt Schildt und lächelt.

Die Übergabe der Erntekrone gilt traditionell als Dank für einen guten landwirtschaftlichen Ertrag und als Rückblick auf das vergangene Erntejahr. Aber neben all diesem Dank, heißt es ab und an auch mal ernstere Töne anzuschlagen. So nutzen die Landwirte in der Wesermarsch die Übergabe als Gelegenheit, um dem Landkreis ihre Sorgen mitzuteilen. „Wir weisen darauf hin, was uns drückt“, sagt Kreislandwirt Dr. Karsten Padeken.

Gerade die Themen Gänsefraß, Wolf und Düngeverordnung würden den Landwirten derzeit Kummer bereiten, sagt Padeken. „Die Wildgänse, vor allem Nonnengänse, kommen nun eher, bleiben länger und fressen alles kahl“, erklärt Padeken. Zudem habe sich die Population in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. „Die die es betrifft, bekommen derzeit keinen Ausgleich“, sagt der Kreislandwirt: „Dass wir auf dem Schaden sitzen bleiben, ist eine Sorge die uns umtreibt.“

Eine weitere Sorge bereitet der Wolf. „Das treibt uns sehr stark um, auch emotional“, sagt Padeken. Zumal sich die Landwirte auch nicht schützen können. „Der Wolf passt nicht in unsere hiesige Kulturlandschaft“, so der Kreislandwirt. Isegrim würde die Rinder in die Ställe treiben und „was wäre die Wesermarsch ohne Weidevieh“?

Auch die neue Düngeverordnung trübt derzeit die Stimmung bei den Landwirten. „Wir haben in der Wesermarsch keine Probleme mit Nitrat im Grundwasser“, erklärt Padeken und weißt darauf hin, dass die vorhandenen Möglichkeiten im Rahmen der Verordnung noch besser ausgenutzt werden müssten.

Zwar sei der Milchpreis momentan stabil, jedoch stelle sich die Frage, wie lange sich der Preis halten würde, so Padeken. „Wir brauchen eine längere Periode, um uns zu erholen“, gibt er an. Den Markt könne man aber schlecht einschätzen.

Außerdem wünscht sich der Kreislandwirt wieder mehr Wertschätzung und eine festere Verankerung für den Berufsstand des Landwirts in der Gesellschaft.

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